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„Die vier Brüder, kostümiert für ein von Betty Scholem geschriebenes Theaterstück zu Ehren eines Verwandten.“
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„Die vier Brüder, kostümiert für ein von Betty Scholem geschriebenes Theaterstück zu Ehren eines Verwandten.“

„Die Scholems“

Der Eigenwille der Brüder

  • vonMatthias Arning
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Zwischen Assimilation und Antisemitismus: Jay Howard Geller über die höchst unterschiedlichen Lebensläufe und jüdischen Schicksale der vier Scholems in Deutschland.

Deutschnational, liberal, sozialistisch, zionistisch – für jede dieser politischen Orientierungen steht einer der Brüder Scholem. Sie sind die Nachfahren von Arthur und Betty Scholem und kommen kurz nacheinander im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zur Welt. Als Juden in Deutschland. In den Wegen, die die Brüder einschlugen – Reinhold als deutschnationaler, Erich als nationalliberaler, Werner als sozialistischer Jude und Gershom Scholem als früh bekennender Zionist – spiegelt sich für den Historiker Jay Howard Geller die Geschichte der deutschen Juden.

Die vier ungleichen Brüder sind die Protagonisten der von Geller akribisch rekonstruierten „Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie“: Vier Scholems. Sie stehen in den Jahren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg für verschiedene Orientierungen, das Bedürfnis, sich zu behaupten und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Die Scholems stammten eigentlich aus dem niederschlesischen Glogau. Von dort aus zog es die Familie von Marcus und Ernestine Scholem, den Großeltern von Arthur, zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Berlin. Ihr Sohn Siegfried gründete dort eine Druckerei. Der Besitz eines eigenen Unternehmens – Indiz für den schrittweisen Prozess der Emanzipation der Juden in Preußen. Ein Prozess, der schließlich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Entrechtung und schließlich der systematischen Vernichtung jüdischen Lebens in Europa endet. Die Phase dazwischen macht Geller zum zeitlichen Rahmen seiner erinnerungskulturell bedeutenden Untersuchung über die Kultur eines assimilierten Judentums, das seinen Platz in Deutschland während Kaiserreich und Republik suchte. Und zumindest eine Zeit lang auch fand: Eine Zeit, in der Juden in Deutschland Bürgerrechte besaßen und eine eigene deutsch-jüdische Kultur entstand, die sich gleichwohl immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert sah.

Betty und Arthur Scholem, die Eltern der vier Brüder, verehrten die deutschen Klassiker. Sie fühlten sich verwurzelt „in der Lebensart Berlins“ und „im jüdischen Milieu“. Ihre Kinder sollten an einem bürgerlichen Leben teilhaben. Geller zeigt ein Bild der vier Brüder aus jungen Jahren, kostümiert für ein von Betty Scholem geschriebenes Theaterstück zu Ehren eines Verwandten: Darin trat Gershom als Inder, Reinhold als Araber, Erich als Chinese und Werner als jüdischer Hirte in Palästina auf.

Buchinfo

Jay H. Geller: Die Scholems. Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie. A. d. Engl. v. Ruth Keen. Jüd. Verlag/Suhrkamp. 462 S., 25 Euro.

Mitte der 20er Jahre gab es auch bei den Scholems das Gefühl, „im deutsch-jüdischen Bürgertum angekommen zu sein“. Die meisten Juden in Deutschland fühlten sich dem politischen Liberalismus nahe. Für dessen Programm stand die Demokratische Partei DDP. Betty Scholem trat der Partei bei. Die Anfangsjahre der Weimarer Republik brachten etwas, das Gellers Kollege Michael Brenner zuvor als „jüdische Renaissance“ beschrieben hat: Eine „besondere Antwort auf die Herausforderung, jüdisches Eigenleben zu bekunden und gleichzeitig an einer modernen, säkularen Gesellschaft teilzuhaben“. Leitideen dafür lieferten Franz Rosenzweig und Martin Buber: Sie spornten zu Bildung an und stellten Chancen für ein erfolgreiches Leben in Aussicht. Brenner führte als Beleg das Wirken Franz Rosenzweigs im Frankfurter Lehrhaus an: Er habe sich mit dem liberalen deutschen Judentum identifiziert, zugleich aber „die Kritik der Zionisten an der Assimilation“ geteilt.

Die Lebenswege der Scholem-Brüder trennten sich. Reinhold und Erich, die beiden Älteren, kümmerten sich um die Druckerei und behielten kulturelle Gepflogenheiten ihrer Eltern bei. Die beiden jüngeren Brüder, Werner und Gershom, ursprünglich Gerhard genannt, brachen, wie Geller darlegt, mit familiären Verbindungen und gingen einen grundsätzlich anderen Weg als ihre älteren Brüder: „Sie waren intellektueller und zugleich deren politischen und kulturellen Grundeinstellungen entfremdet.“

Werner entschied sich für die Kommunistische Partei, rückte als Parlamentarier Anfang der 20er Jahre in den Reichstag. In seinen Erinnerungen „Von Berlin nach Jerusalem“ notierte Gershom nach dem Krieg: „Mein Bruder wurde sehr früh in die heftigen Fraktionskämpfe der KPD verwickelt, was schon im April 1926 zu seinem Parteiausschluss führte.“ Bei den Nazis kam Werner „auf die schwärzeste Liste“. In seiner Person ging zusammen, merkt Geller an, „was die Nazis am meisten hassten: das Judentum und den Kommunismus“. Sie deportierten Werner Scholem in verschiedene Konzentrationslager, zuletzt nach Buchenwald, wo er 1940 (nach sieben Jahren in Haft) ermordet wurde.

Gershom Scholem verließ die bürgerliche Welt seiner Familie 1923 in Richtung Palästina: Für ihn bildete der Zionismus „den Dreh- und Angelpunkt“ seines Judentums, hebt Geller hervor. Gershom entdeckte das Judentum für sich und bestand darauf, Hebräisch zu sprechen. Hatte sich sein Bruder Werner über die Politik von seinen Eltern abgewandt, widmete sich Gershom intensiv seiner Religion. Seine Forschung zur jüdischen Mystik ist dokumentiert, sein Briefwechsel mit dem ebenfalls an jüdischer Religiosität interessierten Philosophen Walter Benjamin ist erhalten. Als Religionshistoriker hatte Scholem einen Lehrstuhl an der Hebräischen Universität Jerusalem inne. Sein Schwerpunkt: jüdische Mystik.

Gershom Scholem verlässt Berlin Anfang der 20er Jahre in Richtung Palästina, weil er nicht daran glaubt, eine deutsch-jüdische Beziehung könne gelingen. Anders als seine Eltern und die beiden älteren Brüder. Zumindest während der Weimarer Jahre. 1938 fliehen Reinhold und Erich mit Mutter Betty vor dem Terror der Nazis nach Australien. Am Beispiel der Scholems dokumentiert Geller: „Die alte, spezifisch deutsch-jüdische Kultur ist nahezu verschwunden“. Die deutschen Juden hätten ihre Gewohnheiten mit ins Exil genommen, ihre Nachkommen jedoch wurden „mit Leib und Seele Israelis, Amerikaner, Australier, Briten und Franzosen“.

Nach dem Krieg benannte man Straßen und Plätze nach Opfern des Holocaust, baute 2005 in der Nähe des Brandenburger Tores ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Seltsamerweise jedoch sei keine Straße, kein deutsches Forschungsinstitut nach Gershom Scholem benannt, gibt Geller zu bedenken. 1982 ist Gershom in Jerusalem gestorben. Wer in Berlin nach Spuren von ihm sucht, entdeckt lediglich einen Hinweis auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Dort findet sich das Grab für seinen 1925 verstorbenen Vater Arthur. Die Inschrift „Gershom Scholem“ auf dem Grabstein zur Familiengruft ist die einzige öffentliche Erinnerung an ihn in Berlin. Doch immerhin gibt es Gellers Geschichte der Scholems, einer deutsch-jüdischen Familie.

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