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Der Autor Stefan Schütz ist tot – Ein literarischer Kohlhaas

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Von: Jürgen Verdofsky

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Zum Tod des Dramatikers und Erzählers Stefan Schütz.

Stefan Schütz war ein Rebell. Er blieb sein Leben lang unabhängig, unbestechlich, ungehorsam. Als Stürmer und Dränger dem Leben zugewandt, aber auch gefangen im Endlosraum des eigenen Schreibens. Geboren 1944 in Memel (Klaipéda), studierte er an der Ost-Berliner Schauspielschule. Als Schauspieler suchte er, entdeckte sich früh als szenischer Autor und wurde nicht nur eine ungewöhnliche, sondern eine anarchische Stimme. Für das Ländchen mit der angehaltenen Zeit zu radikal. Ein literarischer Kohlhaas.

Kein Wunder, dass er früh etwas galt, nicht zuletzt bei Heiner Müller, aber auch als Singulär in der Generation Thomas Brasch, Lothar Trolle, Einar Schleef. Schon die Titel seiner Stücke waren Programm: „Gloster“, „Majakowski“, „Odysseus Heimkehr“, „Fabrik im Walde“, „Amazonen“, „Heloisa und Abaelard“, „Kohlhaas“, „Laokoon“ bis zu Werwölfe“ und „Hotel Abendland“. Mehr als 20 Stücke, mit dem Unveröffentlichten wahrscheinlich mehr. Die Uraufführungen von „Fabrik im Walde“, „Kohlhaas“ und „Heloisa und Abaelard“ wurden zu dramatischen Zündkerzen. Das machte sein Leben mit der Zensur nicht leichter. Unort und Unzeit, denen der Begabte ausgesetzt war.

An der Seite der Regisseurin Uta Birnbaum ging Stefan Schütz 1980 von Ost nach West, da war er 36. Dort setzte seine Hinwendung zur Prosa ein, gewaltig wie zuvor sein Theaterdonner. Aber auch in der Prosa blieb sein Schreiben szenisch. Es folgten erstaunliche Romane: 1986 „Medusa“, hier wird auf 900 Seiten die DDR weggeschrieben, bald „Galaxas Hochzeit“ mit dem irritierenden Ankunftsleben, gefolgt vom Amerika-Erlebnis „Schnitters Mall“. „Peyotè“ wiederum so ungewöhnlich, dass es Verlagsärger gab.

Abgewandelte Schrecknis

2012 dann mit „Beelzebub 1-5“ sein Opus magnum (zuerst im Eigenverlag, jetzt Matthes & Seitz). Der Erzählstrom dieses Buches übertrifft Vorangegangenes an obsessiver Breite und Tiefe, ein diabolischer Entwicklungsroman. Der Mensch kann seine Natürlichkeit gedanklich übersteigen. Aber er kann sie nicht ändern oder hinter sich lassen. Mit einer Teufeliade ist das aber möglich. Die Hölle als Ausflugsort, Dantes Kreise. Alle Komik ist hier abgewandelte Schrecknis. Es gibt in diesem Roman dieses seltsam aufzuckende, furchteinflößende Lachen, das als Ohrwurm nachklingt.

Zuletzt überwölbte „Unser Leben“ ein Tabu mit Sanftheit und Zärtlichkeit: Gehört die sich anbahnende Demenz des Partners nicht auch zum Surrealismus, eine Unordnung, in der alle Bilder neu kombiniert werden? Eine verrutschte Anmut, sie tut weh und befreit.

An ein Ende durfte dieses Schreiben nicht kommen. Jetzt ist Stefan Schütz am 13. Dezember im Alter von 78 Jahren in Oldenburg / Holstein verstorben – kurz vor dem Ziel mit Verlagsheimat. Aber das Erkennen seines Werkes wird andauern.

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