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Spiegelungen im Zentrum von Buenos Aires.
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Spiegelungen im Zentrum von Buenos Aires.

Kriminalroman

Guillermo Martinez „Der langsame Tod der Luciana B.“: Der Autor ist immer der Mörder

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Der langsame Tod der Luciana B.“, ein raffinierter früher Roman von Guillermo Martinez über den Zufall.

Der Schauplatz Oxford und der Name Lewis Carroll hat Leserinnen und Leser hierzulande deutlich mehr gelockt als ein in Buenos Aires spielender Kriminalroman. Aber da nun der Argentinier Guillermo Martinez sich mit „Die Oxford-Morde“ und „Der Fall Alice im Wunderland“ (das im vergangenen Jahr Platz 1 der Krimibestenliste erreichte) einen Namen gemacht hat, kommt auch „Der langsame Tod der Luciana B.“ (2007) auf deutsch neu heraus. Der Roman stellt die zwar längst nicht mehr originelle Frage, ob ein guter Kriminalschriftsteller auch ein guter Mörder ist, aber er tut das auf originelle Art und Weise.

Literarische Mathematik

Martinez ist studierter Mathematiker – und weiß seine mathematischen Kenntnisse zu literarischem Gewinn einzusetzen. Denn seine Stärke ist das Gedankenspiel, der gleichsam auf die kombiniererische Spitze getriebene Whodunnit. In „Der langsame Tod...“ sind das Thema auch der Zufall und die Wahrscheinlichkeitsrechnung: Kann es purer Zufall sein, dass nach und nach, über Jahre so viele Menschen sterben, die Luciana nahestehen? Oder rächt sich da auf perfide, weil nicht nachweisbare Art der berühmte Schriftsteller Kloster, der die besten Kriminalromane Argentiniens schreibt?

Das Buch

Guillermo Martinez: Der langsame Tod der Luciana B. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Eichborn 2021. 240 S., 16 Euro.

Luciana hat – wie für den Ich-Erzähler des Romans, bei dem sie Hilfe sucht –, einst für Kloster nach Diktat getippt. Ein paarmal hat er ihren verspannten Nacken massiert, dann eine weitergehende Annäherung versucht – sich aber auf ihre Abwehr hin sofort bei ihr entschuldigt. Luciana gibt zu, dass nicht viel, eigentlich gar nichts passiert ist, doch damals, sie war blutjung, ließ sie sich von einer Anwältin überreden, vor Gericht zu gehen. Klosters psychisch kranke Frau erfuhr davon, seine abgöttisch geliebte kleine Tochter starb, das Kind ertrank in der Badewanne.

Nun ist Luciana überzeugt, dass Kloster die grausamste Rache übt, indem er bereits ihren damaligen Freund (durch Ertrinken), dann ihre Eltern (Pilzvergiftung), dann ihren Bruder (durch einen eifersüchtigen Häftling) umgebracht hat – und jetzt gibt es nur noch ihre in einem Altenheim lebende Großmutter und ihre jüngere Schwester, der sie nichts erzählt hat von ihrem Verdacht.

Martinez lässt zuerst Luciana erzählen und die Fäden ihrer detaillierten Beweisführung aufdröseln: Ja, ihr Freund war Rettungsschwimmer, aber Kloster, Tag für Tag in dem Cafe anwesend, in dem sie ihren Freund morgens traf, hätte diesem was in den Kaffee tun können, er wusste auch, dass dieser gewohnheitsmäßig weit hinausschwamm ins Meer. Dann sucht der Ich-Erzähler Kloster auf und konfrontiert ihn mit Lucianas Angaben. Die Aussagen der beiden spiegeln sich, aber sie weichen natürlich entscheidend voneinander ab.

Der Autor, der sich all diese Tode ausdenkt, ist zwar in gewissem Sinn immer der Mörder. Aber ist der fiktive Schriftsteller Kloster ein Mörder? In „Der langsame Tod der Luciana B.“ argumentieren beide logisch und tadellos, die mittlerweile nicht mehr ganz junge Frau, der zu beträchtlichem Ruhm gekommene, aber nie mehr froh gewordene Autor.

Wie viele Todesfälle im Umfeld eines Menschen können dem Zufall geschuldet sein? Wie oft hintereinander kann eine Münze auf Kopf oder Zahl fallen? Wann beginnt eine Reihe aus mathematischer Sicht verdächtig zu sein, möglicherweise manipuliert, weil die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens winzig ist und immer winziger wird? Guillermo Martinez konstruiert seine Kriminalromane so, dass die Rädchen in jedem Moment tadellos ineinander greifen. Dass man trotzdem Mitgefühl empfindet für seine Figuren, das ist kein Nachteil.

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