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„Wo ist denn nun Modiano?“

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Von: Florian Leclerc

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Jo Lendle, Chef des deutschen Hanser-Verlages, wird nach der Bekanntgabe der Verleihung des Literaturnobelpreises an Patrick Modiano  umlagert.
Jo Lendle, Chef des deutschen Hanser-Verlages, wird nach der Bekanntgabe der Verleihung des Literaturnobelpreises an Patrick Modiano umlagert. © dpa

Am Stand von Carl Hanser, dem deutschen Verlag des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, ist nach der Bekanntgabe kaum ein Durchkommen. Bücher des Ausgezeichneten gibt es nicht, aber Verleger Jo Lendle war „fast sicher“, dass ein Schriftsteller aus seinem Verlag den Preis bekomme.

Wo geht es denn zum Literaturnobelpreisträger“, fragt ein Buchmessengast den anderen. „Immer den Kameras nach.“ Um 13 Uhr läuft die Meldung über die hohe Ehre für Patrick Modiano über alle Kanäle. Um 13.05 Uhr ist kein Durchkommen mehr in Halle 3, am Stand von Carl Hanser, dem deutschen Verlag des französischen Autors. Mitten in einer Menschentraube umringen Kameras, Mikrofone, Notizblöcke einen schlanken, hoch aufgeschossenen Mann. Patrick Modiano ist es nicht.

Es ist sein deutscher Verleger Jo Lendle. „Wo ist denn nun Modiano“, fragt ein Reporter. „Da, wo er mehr Ruhe hat als ich. Da, wo er das alles in Stille genießen kann“, gibt Lendle zurück. Still ist es wahrlich nicht. Es ist das reinste Chaos. Am Messestand ist kein Durchkommen mehr. Journalisten klettern auf Stühle. Ein Kameramann mit schwerem Gerät steigt auf einen schmalen Beistelltisch. Dann kracht es. Der Tisch bricht. Der Kameramann fällt und landet geschickt auf den Beinen. Er zittert, aber die Kamera bleibt heil.

Der Versuch, Verleger Jo Lendle mit Büchern des Nobelpreisträgers zu filmen, scheitert trotzdem. Kein einziges liegt aus. „Alle lieferbar“, meint Lendle. Das Neueste sei gerade im Druck. Eine Verlagsmitarbeiterin telefoniert. „Im Café der verlorenen Jugend“ soll verschickt werden. An Journalisten, die darüber berichten werden. „Wenn ich Text habe, kriegen Sie Text“, sagt sie knapp. Bücher des Preisträgers gibt es also nicht. Auch keine Aufsteller, T-Shirts oder Plakate mit dem Gesicht des Autors. So weit wollte sich der Verlag auch nicht aus dem Fenster lehnen. Memorabilia zu bestellen, bevor der Preisträger bekannt geworden ist, sei zu riskant. Schließlich weiß eigentlich niemand vorher, wen die Jury ehren wird.

Wobei sich Jo Lendle diesmal „fast sicher“ gewesen sei, dass ein Schriftsteller aus seinem Verlag den Preis bekomme. Er habe literarische Schwergewichte im Angebot: Literaturnobelpreisträgerin Hertha Müller, Botho Strauß, Yasmina Reza. Den Preis für Modiano wertet Lendle als Auszeichnung für die Literatur. Modianos Verdienst sei, „die Dinge der Welt auf eine zärtliche Weise zu umwehen“.

Die Akademie hatte wie immer Stillschweigen bewahrt, wer die Favoriten sein könnten. Dass Modiano darunter sei, habe sich in den letzten zwei Wochen abgezeichnet, meint Lendle. Und zwar mit Blick auf die britischen Wettbüros. Die hätten den Namen hoch gehandelt. Irgendwer, abgesehen von Autor und Verlag, wird sich freuen. Übrigens auch der französische Verlag Gallimard. Auf der Buchmesse hat er Modianos Bücher in der Auslage liegen, im Original.

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