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Denn ein Erwachsener liebt einfach

Neusachliche Dorfgeschichten: Paula Köhlmeier hat im Alter von 21 Jahren ein bemerkenswertes Romanfragment hinterlassen

Von HANNELORE SCHLAFFER

Von unvollendeten Werken geht eine besondere Faszination aus. Der Konjunktiv setzt die Fantasie frei: Hätte Schiller den Demetrius vollendet, Kleist den Robert Guiskard, Büchner den Woyzeck. . . ! Die Skizze, bei der das Werk stehen blieb, strahlt mehr von der Idee des Autors aus als das fertige Werk, das er strenger der Konvention der Gattung hätte unterwerfen müssen. Im Entwurf bleibt der Geist mit sich identisch, er ist unangepasst und originell.

Fragment eines Romans ist auch Paula Köhlmeiers Maramba, und das Bruchstück ist so vielversprechend wie alle "Unvollendeten" sonst. Freilich war es diesmal nicht der schöpferische Übermut, der die einundzwanzigjährige Verfasserin an der Fertigstellung eines Buches gehindert hat, sondern ihr tragischer Tod. Glaubt man dem Nachwort der Editoren, Monika Helfer und Michael Köhlmeier, so hatte aber die Autorin selbst schon den fragmentarischen Charakter ihres Werks akzeptiert - und das verwundert nicht. Der Reiz liegt nicht in der Komposition einer wohlabgerundeten Handlung, sondern im Stil.

Im Narrengewand

Die Skizze ist einer Beobachtungsgabe angemessen, die im Alltäglichen das Unalltägliche zu entdecken weiß, die das Seltsame, was blitzartig aufscheint, erhascht und festhält. Mit Sketches haben im 19. Jahrhundert auch Dickens und Balzac ihre Laufbahn begonnen. Aus Miniaturen geht seither die Großform Roman hervor. Er bleibt immer Patchwork und trägt das Narrengewand seines Personals zur Schau. Paula Köhlmeier hat ein Auge für die Kuriositäten, die über der Routine des Alltags übersehen werden. Das Ambiente, das sie einrichtet, scheint zwar ganz den Regeln des gegenwärtigen Kleinstromans zu gehorchen, jener alljährlich von Autoren an Verlage gelieferten zweihundertseitigen Gattung der gegenwärtigen Prosaliteratur, wo "Beziehungen" problematisiert und die Langeweile des Alltags kopiert wird. Köhlmeier lässt sich zeitweise auf diese Mimesis der Realität ein, macht aber plötzlich durch eine kleine Volte ihre Figur zum erlesene Sammelstück.

Die Personen fixiert Köhlmeier in einer undramatischen Situation, in einer Enge, die sie nicht entkommen lässt. Meist sind es Paare, nicht nur Liebes-, sondern auch Freundespaare, zwischen denen stumme Gespräche hin- und hergehen, und nur selten steigen aus solcher Kommunikation auch Worte auf. Die soziale Situation dieser Leute ist unbestimmt, zumindest hat sie im Augenblick, da sie von der Autorin beobachtet werden, kaum eine Bedeutung. Entweder sind es Jugendliche, halbstarke manchmal, oder kleine Leute, die sich aber gerade mit etwas beschäftigen, mit ihrer Liebe, ihrem abendlichen Wirtshausbesuch, bei dem sie ihre berufliche und finanzielle Misere vergessen dürfen. Wenn überhaupt Köhlmeiers kleine Szenen einen Abschluss finden, so leichter in einer Lebensweisheit, als in sozialer Kritik. "Liebst du mich denn nicht bedingungslos?" fragt ein Mann seine Frau. "Ein Erwachsener liebt nicht bedingungslos", antwortet sie. "Wie denn?" "Er liebt einfach. Jetzt und in der nächsten Zeit." Mit dieser bündigen Einsicht der Einundzwanzigjährigen enden Gespräch und Geschichte.

Um das, was Auge und Ohr aufschnappen, auch festzuhalten, hat Köhlmeier einen stenografischen Stil entwickelt. Die Sätze sind so kurz wie möglich, schmückende Beiwörter fehlen, das Vokabular ist so gängig, wie es einem, der es eilig hat, gerade in den Sinn kommt. Tempo, Lakonie oder, um es in der Sprache der jungen Autorin zu sagen: Coolness charakterisieren diese Sätze: "Die Stadt ist ein Dorf. Irgendwann wurde aus dem Dorf eine Stadt, und weder Mensch noch Dorf wussten warum. Das Dorf liegt an einem See. In der Nacht hört man Betrunkene, Fliegen, Verliebte und Frösche. Das Dorf hat einen Bahnhof und ein paar Geschäfte. Neben dem Bahnhof ist eine Baustelle. Am Tag arbeiten die Männer mit ihren braunen Rücken. Die Frauen bringen Essen in Silberpapier, oder sie grüßen mit einem Taschentuch. Selten geht ein Mädchen vorbei. Am Abend sitzen die Männer auf den schweren Stahlröhren. Sie trinken Bier, reden über das Wetter, eine andere Baustelle und über Frauen. Selten über die eigene."

Die Stadt, die noch ein Dorf ist, das Dorf, das ein bisschen Stadt sein möchte, das sind die Kulissen, in denen Personen ihren Auftritt haben, die nicht ganz aus der Zeit, aber auch noch nicht ganz bei ihren neuesten Trends angekommen sind. Diese Genregemälde aus dem dörflichen Kleinbürgertum erinnern an die Dorfgeschichte des 19. Jahrhunderts, an Berthold Auerbach etwa oder Marie von Ebner-Eschenbach. Aber nun hat auch diese Form etwas von der Globalisierung abbekommen: Die trostlosen Bahnhöfe, die vertrockneten Wiesen, die armseligen Küchen könnten ebenso gut im mittleren Westen der USA liegen wie in Vorarlberg, der Heimat der Autorin.

Eher könnten denn auch, hätte Paula Köhlmeier über das Fragment hinausgestrebt, aus diesen amerikanisierten Dorfgeschichten Short Stories hervorgehen denn ein europäischer Roman. Wie die Short Story so scheuen auch diese Genregemälde vor Trivialitäten nicht zurück, ja diese scheinen geradezu ein von der Autorin mit Lust gehandhabtes Stilmittel zu sein.

Auf triviale Lösungen zuzusteuern und sie dann im letzten Moment zu umschiffen, ist ihr ein artistisches Vergnügen, mit dessen Kitzel sie virtuos spielt. So schildert die kleine Erzählung "Talent zum Glück" die Liebesgeschichte zwischen einem Ticketverkäufer auf einer verödeten Bahnstation und einer Prostituierten, die gemeinsam ihrem Schicksal entfliehen wollen. Der Mann aber entwischt im letzten Augenblick mit einer schicken Frau im Straßenkreuzer - eine liebende Prostituierte, die zurückbleibt, welch tränenseliger Anblick! Köhlmeier aber hat nur so viel Schmalz aufgetischt, um die Verlassene vom Tisch sich erheben zu sehen und sie ihr "Talent zum Glück" beweisen zu lassen.

Diese neusachlichen Dorfgeschichten sind eher Mutproben denn Gesellenstücke eines Schriftstellers, gerade damit aber beweist Paula Köhlmeier ihr Talent zum Fabulieren.

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