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Hohe Empfindsamkeit für Details, aber kein Ausblick auf eine schöne heile Welt: Trotz aller Bemühungen liegt ein schmerz- und angstfreier Tod für Nutztiere kaum im Rahmen des Möglichen.

Denken wie ein Rind

Die autistische Anthropologin Temple Grandin sieht zahllose Parallelen zwischen dem Menschen und dem Rest der belebten Welt

Von UTE ESSELMANN

Über den Treibgängen der Schlachthöfe wacht sie mit stahlblauen Augen und will das Töten humanisieren, das Gemetzel am laufenden Band. Seit Jahrzehnten gilt ihr Einsatz den Opfern, den Nutzviechern, allen voran den Kühen, die sie nach eigenem Dafürhalten "über alles liebt". Temple Grandin, hochbegabte Autistin, Professorin für Tierwissenschaften an der Colorado State University und Beraterin zahlloser Zuchtbetriebe, Schlachthöfe, Burgerketten, ist mittlerweile berühmt, auch wenn die Mehrzahl deutscher Leser ihren Namen noch nicht gehört haben wird. Höchste Zeit, sie vorzustellen. Wer ist diese Frau? Und wichtiger noch: Was weiß sie über Tiere, die wir im Grunde gar nicht kennen wollen, aus lauter Liebe zur Bärchen-Wurst?

Als Kleinkind konnte sie nicht sprechen, summte aber mit, wenn die Mutter am Klavier Bach-Melodien spielte. Während ihrer Schulzeit nannten Mitschüler sie "Doofi" oder "Tonbandgerät", weil sie feste Formulierungen liebte und haltlos zum besten gab. Temple reagierte wütend und ging auf ihre Peiniger los. Erst der Wechsel auf ein Internat für verhaltensauffällige Hochbegabte brachte eine Form der Erleichterung: Es gab Pferde dort, als Strafe für Handgreiflichkeiten drohte Reitverbot, und Temple lernte weinen statt raufen.

Mit Beginn der Pubertät wurde sie von Angstzuständen gequält. Eines Tags sah sie auf einer Ranch, wie man Rinder in einen Behandlungsstand trieb, um sie impfen zu können; dadurch inspiriert kaufte Temple einen Kompressor und Sperrholzplatten und konstruierte mit Hilfe eines Lehrers einen Apparat für sich selbst, dessen Aufgabe es war, ihr ordentlich Druck zu machen: "Wenn ich in meine squeeze machine ging, beruhigte ich mich sofort. Ich benutze sie heute noch. Dank ihr und der Pferde überlebte ich die Pubertät."

In Wörtern und Bildern

Trotz ihrer Ängste ist es Temple Grandin gelungen, in Verhaltensforschung zu promovieren. Mittlerweile blickt sie auf rund 30 Jahre Berufserfahrung; immerhin die Hälfte aller so genannten Nutztiere in den USA und Kanada wird, wie sie darlegt, nach Methoden geschlachtet, die sie entwickelt hat. Außerdem hat sie mehrere Bücher geschrieben, darunter Ich bin die Anthropologin auf dem Mars (bekannt aus dem Buch des Neurologen und Autors Oliver Sacks).

Die Tierschützerin denkt in Bildern statt Wörtern, überwiegend jedenfalls; das Verständnis für komplexe Texte hat sie äußerst mühsam lernen müssen. "Das visuelle Denken verschaffte mir eine Perspektive, die viele andere Studenten und Professoren nicht hatten. Das war ein großer Vorteil, schließlich denken auch Tiere hauptsächlich visuell." Überhaupt wird Grandin nicht müde, eine Reihe von Gemeinsamkeiten im Denken und Erleben von Tieren und Autisten zu betonen und an Beispielen aufzuzeigen, darunter: hohe Empfindsamkeit für Details auf Kosten des Erkennens von Ganzheiten und Zusammenhängen ("Hyperspezifität"), keine Schutzmechanismen wie Verdrängung, überwiegend klare anstelle gemischter Gefühle sowie hohe Anfälligkeit für (irrationale) Angst. Seit Jahrzehnten muss Grandin Antidepressiva schlucken, damit die Angst nicht mit ihr durchgeht. Auch deshalb liegt ihr das Beutetier Rind: "Ich empfinde ganz ähnlich."

Mit Catherine Johnson als Co-Autorin hat Grandin ein gut verständliches, unterhaltsames Buch geschrieben; sie erzählt nicht nur aus ihrem (Arbeits-)Leben, sondern präsentiert in Fülle Hypothesen, Studien, Einsichten anderer Forscher: Wie sehen Menschen mit Autismus die Welt? Wie denken und fühlen Tiere? Bisweilen stören allzu pauschale Aussagen, der saloppe Ton (Mäuse sind "gaga", Rassepferde "durchgeknallt") sowie die kommentarlose Darstellung übelster Tierversuche. In Kapiteln wie "Schmerz und Leid" und "Geniale Tiere" begegnen dem Leser die unterschiedlichsten Geschöpfe mit achtbaren Talenten; und alle zeichnet aus, dass sie von Gefühlen stark bewegt und oft auch gebeutelt werden.

Das Profitstreben veredeln

Eine Expertin ersten Ranges ist Grandin zweifellos. Dennoch enthält das Werk seltsame Widersprüche: Eine Tierrechtlerin ist Grandin sicher nicht. Stattdessen hat sie sich der unmöglichen Aufgabe verschrieben, die aus Profitstreben bzw. Esslust verbrochene Tötung komplexer Persönlichkeiten human zu gestalten. (Nicht umsonst findet sich das Wort "human" im Buch meist zwischen Anführungszeichen.) Kommt hinzu, dass die Forscherin mitnichten Vegetarierin ist - sie hat es nur ausprobiert. "Wenn es nach mir ginge, wäre der Mensch ein reiner Pflanzenfresser und kein Tier müsste seines Fleisches wegen getötet werden. ... Wenn ich kein Fleisch esse, fühle ich mich, als hätte ich Unterzucker. Mir wird schwindlig und ich kann mich nicht konzentrieren. Meine Mutter ist genauso veranlagt." O wie abenteuerlich! Von einer Professorin hätten wir zumindest erwartet, dass sie den vermeintlichen Mangel benennt, ihm einen Namen gibt.

Überdies ist der Fachfrau für Tierseelen vorzuwerfen, dass sie durchgängig so tut, als läge ein schönes Leben für Nutztiere zumindest im Rahmen des Möglichen, inklusive schmerz- und angstfreiem Tod. Aber selbst die Biobauern enthornen ihre Kühe, trennen Milchkuh und Kind, kastrieren Ferkel unbetäubt, halten zigtausend Hühner, damit die Arbeit lohnt.

Grandins schöne heile Welt für Nutztiere wird es todsicher niemals geben. Folglich ein in mehreren zentralen Aussagen unlogisches Buch. Grandins selektive Blindheit ist freilich eine, der die meisten Leser bereitwillig nacheifern werden, weil sie so ungeheuer praktisch ist. Tiere lieben und trotzdem fressen ... Damit uns Menschen nicht schwindlig wird?

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