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Sommer in Hellersdorf, aber Ramón geht nie ohne Daunenjacke raus.

Berlin-Roman

Die Rache des Verdrängten - Der Roman „Gegen Morgen“ von Deniz Utlu

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In „Gegen Morgen“, seinem zweiten Roman, fragt Deniz Utlu nach der Verantwortung für Verpasstes und Verdrängtes.

Machtvoll ist die Rache des Verdrängten. Was wir nicht hineinlassen in unsere Welt, gräbt ein schwarzes Loch in unser Bewusstsein und saugt uns langsam aus. In Deniz Utlus Roman „Gegen Morgen“ heißt das Verdrängte Ramón, wohnt in Hellersdorf und trägt sommers wie winters eine Daunenjacke, die ihm seine Großmutter geschenkt hat. Kara, der Ich-Erzähler, und sein Freund Vince, zwei angehende Volkswirte, lernen Ramón beim Studium kennen, er schließt sich ihnen an wie ein Hund und geht in deren Schöneberger Wohnung bald aus und ein, ohne weiter beachtet zu werden. Er wechselt das Fach, gibt das Studieren ganz auf, aber was er liest oder sonst macht, ist Kara und Vince egal, sie geben ihm Geld, um etwas zu rauchen zu besorgen und dulden ihn als Zeugen ihrer eigenen Fortschritte ins Leben hinein. Als Ramón eines Tages nicht mehr kommt, fällt es lange keinem auf.

Dann aber, Jahre später, während eines Fluges von Berlin nach Frankfurt, den Kara gar nicht antreten wollte und bei dem es zu Turbulenzen und einer ungeplanten Zwischenlandung kommt, in einem Moment also, in dem das Leben irgendwie stockt, scheint Ramón plötzlich mit im Flugzeug zu sitzen. Zurück in Berlin fährt Kara nach Hellersdorf und findet ihn nicht nur körperlich, sondern Stück für Stück auch in seiner Erinnerung wieder.

Ramón zieht bei Kara ein, in das Zimmer, das frei wurde, als Vince heiratete, aber geistig ist er inzwischen ganz woanders. Weg von der Welt, die ihn nicht wollte, und näher bei Gott und dessen Prüfungen. Als Ramón plötzlich verschwindet, sucht Kara in Paris nach ihm und gerät in die Wirren eines Terroranschlages hinein.

Deniz Utlu, 1983 in Hannover geboren, studierte selbst Volkswirtschaft in Berlin und in Paris. Schon währenddessen wandte er sich aber dem Schreiben zu. Im Jahr 2003 war er Mitgründer des Kulturmagazins „freitext“, das bis 2013 bestand. Er schrieb für Zeitungen, verfasste einige Stücke, darunter eine Fassung seines ersten Romans „Die Ungehaltenen“, und engagiert sich für Menschenrechte.

Dass Kara in „Gegen Morgen“ keine niedersächsischen Vorfahren hat, sondern solche aus dem Mittelmeerraum, wird nur dadurch angedeutet, dass seine Mutter in Hannover Granatapfelkerne in den Salat gibt. Dieser zarte Hinweis öffnet einen weiteren Erfahrungsraum, der die – wenn auch späte – Empathie für einen Wurzellosen wie Ramón zusätzlich motiviert. Oder geht es weniger um die Seelenrettung eines Vergessenen als um das Wiederfinden des eigenen, vergangenen Lebens? Denn obwohl Kara erst Anfang dreißig ist, ist das neben der Frage nach der Verantwortung einer Gesellschaft für jene an ihren Rändern das zweite und stilbildende Thema des Romans. 

„Im Nachhinein wirkt es immer so, als hätte man gelebt“, heißt es, und auch sonst findet Utlu für Karas Suche nach der verlorenen Zeit schöne und herzöffnende Worte, und dass das Vergangene der Gegenwart auf Schritt und Tritt folgt und durch sie hindurchzugreifen scheint wie durch Gaze, dass Kara etwa den Flur seiner Wohnung in der Gegenwart verlassen und im Schlafzimmer in der Vergangenheit ankommen kann, ist dramaturgisch von großer Eleganz.

Anfangs zumindest. Tatsächlich überreizt Deniz Utlu dieses Mittel ebenso wie die Ebene der volkswirtschaftlichen Metaphern, in denen Kara nicht gelebtes Leben zu fassen versucht: „Es muss eine Formel für falsch getroffene Entscheidungen geben. Eine Formel gegen die Sinnlosigkeit. Ich notiere: Die Kosten des Verzichts KV ergeben sich aus den Entscheidungen für etwas in Einheiten der oft unbewusst und implizit getroffenen Entscheidungen gegen etwas – sie sind der Preis der Versäumnisse.“ Das ist – man will ja nicht undankbar sein – ein origineller Kurzschluss, aber in Variationen wieder und wieder als Pointe präsentiert, macht es die Lektüre doch etwas zäh. Zumal gleichzeitig nicht allzu viel passiert und stattdessen seitenweise beiläufige Beobachtungen addiert werden, ohne dass in der Summe daraus zumindest eine Atmosphäre entstünde.

Im Angang also schön, geradezu berückend, in der Ausführung aber zu genügsam, ist „Gegen Morgen“ mehr eine Skizze, weswegen hier trotzdem nicht verraten werden soll, ob Ramón bei dem Anschlag in Paris letztlich eine Rolle gespielt hat und ob Kara in seiner Klemme zwischen Verpasstem und Möglichen am Ende doch noch ein bisschen Leben findet.

Deniz Utlu: Gegen Morgen. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 270 S., 22 Euro.

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