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Deniz Ohde, aus dem Stand auf der Buchpreis-Shortlist.

Shortlist Buchpreis

„Man sieht es gar nicht“

Jungsein im Westen von Frankfurt: Deniz Ohde überzeugt mit dem spröden, unverzierten Debütroman „Streulicht“.

Es stimmt etwas nicht, aber es wird gar nicht so viel darüber gesprochen. Die Erzählerin in Deniz Ohdes Roman „Streulicht“ wird mit latentem und virulentem Rassismus konfrontiert. Ihre Eltern haben nicht viel Geld, der Vater arbeitet im Industriepark, die Mutter putzt. Es sind die neunziger Jahre. Die beste Freundin der Erzählerin sagt: „Das bildest du dir ein.“ Es gebe keine feindliche Umgebung. „Du nimmst die Dinge eben immer gleich persönlich“, sagt Sophia. „Jede Anfeindung“, schreibt die Erzählerin, „spielte sich zwischen den Zeilen ab und war immer schon wieder verschwunden, wenn ich sie ansprechen wollte.“

Auf der Abendschule lernt sie später Cansu kennen. Cansu hatte Einsen und Zweien, aber die Lehrerin, erzählt sie, hat immer auf ihre Fehler gewartet. Ein falscher Artikel für „Licht“, der Licht, gab dann den Ausschlag, ihr doch besser vom Gymnasium abzuraten. „Du musst doch bestimmt sowieso viel zu Hause helfen.“ – „Sie hatte gelernt, dass es verschwendete Zeit war zu versuchen, jemanden von sich zu überzeugen, der von vornherein nicht an sie glauben wollte.“

Bei der Erzählerin verhält es sich noch komplizierter. Sie kommt in der Schule nicht sehr gut zurecht, ist schüchtern, der Lehrer übersieht sie bestenfalls (Herr Kaiser, der, wenn er sich in diesem Buch wiedererkennen sollte, erröten wird, aber was ist das Erröten gegen eine vernichtete schulische Existenz). Die Eltern können ihr nicht helfen, nicht mit einem Schulranzen, nicht mit einem geregelten Tagesablauf, nicht mit Hobbys. Sophia hat einen Scout mit lauter Mädchennamen darauf (aber der Name der Erzählerin ist nicht dabei) und geht reiten.

Es gibt Momente, in denen mag „Streulicht“ plakativ erscheinen, bis einem wieder einfällt, dass es die Dinge selbst sind, die nicht nur plakativ erscheinen. Wenn sich die Sommerferien nähern und die quasseligen Mädchen in der ersten Reihe „ihm zu laut über ihre Heimatländer sprachen, sagte er (Herr Kaiser natürlich), dass sie sich integrieren sollten“. Ja, darüber wird viel gesprochen.

Natürlich gibt es auch andere Leute. Die Erzählerin begegnet ihnen etwas spät, aber nicht zu spät. Da muss sie schon an der Abendschule einen zweiten Anlauf nehmen. Als die Lehrerin ihr vorschlägt, Abitur zu machen, sagt sie: „Muss man dafür nicht ein bestimmter Typ sein?“ – „Was für ein Typ soll das sein“, fragt die Lehrerin zurück. Die Erzählerin hat jetzt ein Schülerabo der „Zeit“ und die Tasche dazu. Einmal sagt ein Mann, dem sie am Fahrkartenautomaten helfen kann: „Sie sind wohl Studentin?“

„Streulicht“ ist das Debüt der 1988 in Frankfurt geborenen Ohde, die heute in Leipzig lebt und mit dem Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht. Ein markantes Buch in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur weil es einmal prekäre Verhältnisse in einer besonders westlichen Biografie erzählt (in der Berlin wieder so weit weg ist, wie es einmal war). Einer westdeutschen und einer Westfrankfurter, der Westen von Frankfurt jenseits des Westends. Wenn wieder einmal merkwürdiger Schnee über der Gegend niedergegangen ist, gibt es Gutscheine für die Autowäsche: diese Art von Westen.

Der „Industriepark“ führt nach Höchst, die Kirche, in der 1996 eine psychisch kranke Frau während einer Christmette sich und andere mit einem Sprengsatz tötete, steht in Sindlingen – ein Ereignis, das die Vorstellungswelt des Kindes mitprägt. „Ob man sich in die Luft sprengt oder ob man geht, sehr leise geht, ohne das Licht hinter sich zu löschen – das schienen mir früher die beiden Möglichkeiten zu sein.“ Sehr leise geht die Mutter. Sie sei nicht gestorben, schreibt die Erzählerin, sie sei sehr leise gegangen.

Das Buch:

Deniz Ohde: Streulicht. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 285 Seiten, 22 Euro.

Es ist eine merkwürdige Familie, vor allem väterlicherseits, wo Lethargie und krankhafter Kauf- und Aufhebedrang herrschen. Die Mutter versucht vergeblich gegenzusteuern. Sie kommt aus der Türkei, ihr Geburtsdatum kann sie nur schätzen und wenn sie von früher erzählt, kann sich die Tochter das so wenig vorstellen wie die Leserin.

Die Tochter wird trotzdem auf eine Herkunft festgelegt, über die sie nichts weiß. Auch die Muttersprache spricht sie nicht. Und sie bemüht sich um eine Tarnung. „,Man sieht es gar nicht‘, sagte Sophia zu mir, und ich nahm es wie eine Auszeichnung.“ Es hilft ihr, dass sie ihren Vornamen etwas anders aussprechen kann und er dann nicht mehr auffällt. Deniz Ohde legt es nicht direkt nahe, „Streulicht“ autobiografisch zu lesen, an solchen Stellen aber schon.

Identität, erklärt die Erzählerin einmal, sei ihr ausgetrieben worden, und sie wird sie im Verlauf des Buches auch nicht finden. Stattdessen macht sie Abitur, und nüchtern betrachtet ist das sehr viel mehr wert, und nüchtern betrachtet die Erzählerin auch die Welt.

Eine Ruppigkeit liegt in dieser Nüchternheit, die sich auch sprachlich zeigt in einer Mischung aus einer ganz unverzierten Direktheit und gelegentlich pathetischen Anwandlungen. „Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt.“

Nicht alle Bilder in diesem Buch sitzen, das stört nicht, im Gegenteil. Der erste Satz von „Streulicht“ – „Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt“ – ist von trotziger Schiefheit, wenn man bedenkt (Herr Kaiser hätte es gewiss bedacht), dass ein Ort keine Schwelle hat. Der letzte Satz des Buches – „Wenn’s nichts wird, kommst wieder heim“ (der Vater der Erzählerin, gelegentlich klingt ein dezentes Kunsthessisch an) –, ist doch eher bedrohlich als ein Trost.

Die Sprödigkeit von „Streulicht“ wird übrigens noch deutlicher und auch zwingender im Vergleich mit einem anderen gelungenen (und sehr ostdeutschen) Kindheits- und Selbstentdeckungsroman des Spätsommers, Judith Zanders „Johnny Ohneland“. Obwohl die beiden erzählten Biografien erstaunlich verwandt sind, vom Arbeiterhaushalt über den keimenden, unaufhaltsamen Bildungshunger bis hin zur verschwindenden Mutter und zum überforderten Vater, gestalten die Autorinnen das ganz unterschiedlich. So poetisch Zander und Johnny vorgehen, vorgehen können, so robust müssen Ohde und ihre Erzählerin sich den Weg bahnen.

Literarisch bietet „Streulicht“ eine starke, unvertraute Stimme. Von einer Befreiung in einem befreienden (versöhnlichen, angenehmen) Sinne erzählt Ohde nicht. Vielleicht kommt das als nächstes.

Die Shortlist-Lesung aus dem Literaturhaus Frankfurt wird diesmal via Livestream übertragen: am Sonntag, 27. September, 15 Uhr. Tickets über literaturhaus-frankfurt.de

Von Judith von Sternburg

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