Deniz Ohde in der Albanusstraße in Höchst.
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Deniz Ohde in der Albanusstraße in Höchst.

Deutscher Buchpreis

Das Glück und das Pech der guten Erinnerung

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Mit der Schriftstellerin Deniz Ohde unterwegs im Frankfurter Westen.

Der italienische Imbiss am Bahnhof von Frankfurt-Höchst ist durch einen Zeltanbau nach außen erweitert. Tische und Bänke aus Holz. Italienisch und Türkisch wird hier gesprochen, afghanisch auch (also paschtunisch). Doch die alten Männer, die im Quadrat hocken, rühren meist schweigend in ihrem Kaffee oder Tee. Ab und an fällt eine hingeknurrte Bemerkung. Deniz Ohde kommt, wie sie sagt, nicht mehr so oft in den Frankfurter Westen. Vor zehn Jahren hat sie ihre Geburtsstadt und alte Heimat hinter sich gelassen. Wir treffen uns an diesem Herbstmorgen, weil die 32-Jährige durch ihren bei Suhrkamp erschienenen Debütroman ins Rampenlicht katapultiert wurde: Shortlist des Deutschen Buchpreises, Shortlist des Aspekte-Literaturpreises.

Das muss man erst mal verkraften. Ohde steht in ihrem Parka auf dem Bahnhofsvorplatz, eine kleine, schmale Frau. Sie spricht leise, setzt ihre Worte mit Bedacht, hört ihren Sätzen nach. „Bis jetzt ist es noch gut“, sagt sie nachdenklich und meint das öffentliche Echo auf „Streulicht“ und ihren Alltag. Keine Verrisse, im Gegenteil. Sehr positive Kritiken.

Das Buch hat ihr Leben verändert. Als vor der Lesung mit drei Autorinnen und einem Autor der Shortlist in Frankfurt ausführlich fotografiert wurde, war das eine neue, anstrengende Erfahrung. Jetzt ist sie „auf der Durchreise“, von ihrer Heimatstadt Leipzig nach Baden-Baden, wo sie sechs Monate als eine Art Stadtschreiberin leben soll. Auch damit hätte sie nie gerechnet.

„Streulicht“ erzählt von einem Leben im Schatten des sogenannten Industrieparks von Höchst, im Streulicht eben, das er aussendet, dazu ständig ein Brummen und Dröhnen, Tag und Nacht. Arbeitermilieu, deutsch-türkisch. Ohde ist in Sindlingen aufgewachsen, noch ein Stück weiter, aber der Name fällt im Buch nie. Wir gehen in Richtung Innenstadt und Mainufer. Das sind die Wege, die sie als Schülerin immer genommen hat. Nach dem Unterricht trafen die Jugendlichen sich am Main, hingen am Fluss ab, bis es dunkel wurde.

Was sofort auffällt im Buch, sind die detaillierten Beschreibungen, die Gerüche, die Geräusche, die Interieurs von Wohnungen. Seitenlang schildert Ohde, was im Einzelnen auf zwei Waschbecken steht, welche Abnutzungsspuren die Lippenstifte der Mutter der Freundin haben, „eine scharf zulaufende und zerbrechlich wirkende Spitze in der Mitte, weil sie Ober- und Unterlippe gleichzeitig bemalte, indem sie die Spitzen zwischen die Lippen klemmte“. Deniz Ohde lächelt. „Ich habe das Glück oder das Pech, dass ich eine sehr gute Erinnerung, eine sehr gute Wahrnehmung besitze“, und dann nach einer kleinen Pause: „Das ist manchmal anstrengend.“ Das Erste, was vom Text da war, sei denn auch „die Szenerie“ gewesen, „die „düstere Stimmung“.

Die Jugendlichen, die zwischen den Hallen der Industrieanlagen und dem verdreckten Fluss unweit der Kläranlage aufwachsen, empfinden den Ort als geradezu romantisch. „Ich fand es interessant, etwas, das ein kitschiges Image hat, mit der brachialen Industrielandschaft zu verbinden.“ Melancholie durchzieht die Seiten. Die Autorin findet noch einen anderen Begriff. „Wehmut spielt eine Rolle.“ An einer Stelle des Romans variiert Ohde ironisch „das berühmte Bild der Venus“. Da heißt es: „Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legt. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage ...“

Das erste Bild, das sich ihr aufgedrängt habe für den Roman, sei der allgegenwärtige „Industrieschnee“ gewesen, „eine manipulierte Natur, Industrieschnee und Salz“. Auf unserem Gang durch Höchst erreichen wir einen Kindheitsort von Ohde. Bücher Bärsch an der Albanusstraße wirkt mit seinem brav aufgeräumten Schaufenster ein wenig aus der Zeit gefallen, wie eine Insel der 50er Jahre. Hier holte Deniz als Kind und Jugendliche, was sie für die Schule brauchte, „hier haben wir unsere Hefte gekauft“. Für das Foto stellt der Buchhändler den mitgebrachten Roman ins Schaufenster, in Wahrheit ist er ausverkauft, „sechs Wochen Wartezeit“.

Auf die Schriftstellerin wirkt das geradezu unheimlich. Denn „Streulicht“ ist in Wahrheit der erste längere Text von ihr, den sie erfolgreich bändigen konnte, „das erste Mal, dass ich es zu Ende gebracht habe“. Vorher veröffentlichte sie nur kurze Erzählungen. Über eine Spanne von drei Jahren hat sie immer wieder an den knapp 300 Seiten gearbeitet. Das Schreiben geht ihr nicht leicht von der Hand. „Ich streiche rigoros und fange noch mal von vorne an.“ Als sie 100 Seiten geschrieben hatte, kürzte sie den Text auf 30 zusammen.

Wir erreichen die belebte Fußgängerzone der Königsteiner Straße. Hier hat es Ohde noch nie gefallen. Sie verzieht schmerzlich das Gesicht. Zu laut, zu hektisch. Wir ziehen weiter, suchen einen ruhigen Ort. Ohde taucht in Kindheitserinnerungen ab. „Mit vier Jahren habe ich meiner Mutter schon Geschichten erzählt, bevor ich selbst überhaupt schreiben konnte.“ Die Mutter las ihr „Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren vor oder „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ von Michael Ende. Das inspirierte sie. Ihre Geschichten handelten von Tieren, die alle möglichen Abenteuer erlebten. Eine hieß „Das grüne Schwein“. Ohde lacht, zum ersten Mal. „‚Das grüne Schwein‘ ist in Wahrheit mein erster Roman.“

Manchmal ist es nicht auszuhalten, was die Autorin in „Streulicht“ erzählt. Wie der Vater, der 40 Jahre lang Bleche in eine Lauge taucht, langsam physisch und psychisch verfällt. Wie er trinkt, sich nur noch betrunken aus dem Haus traut, wie er sinnlos alle möglichen Dinge um sich herum anhäuft. Ohde nickt. „Teilweise ist es krass, was den Vater zerstört.“ Aber: „Es ist nicht einfach die Arbeit, die ihn kaputt macht.“ Er sei auch selbst nicht in der Lage dazu, sich zur Wehr zu setzen, „über Dinge zu sprechen, Gefühle zuzulassen als Mann“.

Wir erreichen das äußere Ende der Bruno-Asch-Anlage, des einzigen expressionistischen Parks im Frankfurter Stadtgebiet. Ein sechseckiger Brunnen aus vier übereinander angeordneten Wasserschalen bildet das Zentrum. Hier ist es ruhiger, hier in der Herbstsonne auf einer Parkbank lässt sich besser sprechen.

Und natürlich kommt jetzt die Frage, auf die mein Gegenüber seit einer Stunde gewartet hat. „Endlich“, lacht sie. Was hat das traurige Mädchen im Zentrum des Buches mit der Biografie von Deniz Ohde zu tun? „Von mir steckt da vor allem der Blick drin, den ich auf meine Umgebung werfe.“ Doch so traurig wie ihre Hauptfigur sei sie keineswegs. Und sie fühle sich auch nicht „am Nullpunkt“ wie ihre Erzählerin. Und die Figuren der Eltern im Roman entsprächen auch nicht ihrem türkischen Vater und ihrer deutschen Mutter in der Wirklichkeit. Darauf lege gerade ihre Mutter Wert: „Die lebt nämlich noch.“

Wieder ein kleines Lachen. Wie ihre Protagonistin hat auch Ohde am Ende das Industriemilieu des Frankfurter Westens verlassen. Die Romanfigur suche aber vergeblich „nach einem Ort, an dem sie willkommen ist, sich zugehörig fühlt und nicht als Ausländerin wahrgenommen wird“. Die Schriftstellerin, die seit zehn Jahren in Leipzig lebt, lässt offen, was genau davon auch auf sie zutrifft. Sie nennt Leipzig, die Stadt, in der sie Germanistik studiert hat, aber ausdrücklich einen „Glücksgriff“. Gut gefalle ihr der Wald dort, in den sie sich jederzeit zurückziehen könne.

Doch mit dem Rückzug könnte es in nächster Zeit schwer werden. Die Jury des Deutschen Buchpreises, der am 12. Oktober im Frankfurter Römer verliehen wird, hat das jetzt in der Hand. Sie entscheidet auch über ein Vorhaben, das Deniz Ohde mit gelassenem Selbstbewusstsein ausspricht: „Vom Schreiben leben“. Ohde lächelt, zieht den Parka fester um sich und sagt: „Das war schon immer mein Plan.“

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