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Die Gegensätze Glasgows im Blick hat Denise Mina.

Krimi aus Schottland

Unter die Dächer schauen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Denise Minas großartiger Kriminal- und Gesellschaftsroman „Götter und Tiere“.

Die Schottin Denise Mina behauptet in ihren Kriminalromanen nie, dass ein paar Polizistinnen und Polizisten die Welt aufräumen können. Haben sie in einem Eckchen des großen Glasgow einigermaßen Ordnung geschaffen und drehen sich um, sehen sie vielleicht noch, wie ihnen gerade die eine und andere Nase gedreht wird. Manchmal sogar von einem Kollegen. Und im Fall von DS Alex Morrow öfters vom eigenen Bruder, Danny, der in der Unterwelt der Stadt einen klingenden Namen hat. Trotzdem wird sie ihn in „Götter und Tiere“ am Ende fragen, ob er Pate sein will für ihre Zwillinge.

Nur das Wort Brexit fehlt

„Gods and Beasts“ ist bereits 2012 erschienen, aber das merkt man allenfalls daran, dass das Wort Brexit nicht fällt. Es gibt einen Labour-Politiker, Kenny Gallagher, der von den einen als charismatische Lichtgestalt, von den anderen (die mehr über ihn wissen) eher als Problem gesehen wird – die Parteikollegin, die ihn absägen will, nennt er für sich „Meuchelmörderin“. Es gibt die Arbeiterfamilie mit gerade wieder einem vaterlos aufwachsenden Kind. Und nun ist es auch noch großvaterlos, denn der alte Brendan Lyons ist gerade bei einem Banküberfall erschossen worden. Er muss den Täter erkannt haben, sagt Zeuge Martin Pavel aus, der von Brendan in der Bank den kleinen Enkel zugeschoben bekam. Pavel hielt das blutbespritzte Kind ganz fest, bis die Polizei sich seiner annahm. Der kommt der junge Mann mit den Tattoos verdächtig vor, besonders, nachdem sie entdecken, dass er allein in einem riesigen Haus wohnt. Da Denise Mina die Erzählperspektive immer mal wechselt, weiß die Leserin schon, dass Pavel geerbt hat und ihm das viele Geld und die Geschäftemacherei seiner Familie unendlich peinlich sind.

Das Buch:

Götter und Tiere. Aus dem Engl. von Karen Gerwig. Ariadne im Argument Verlag, Hamburg 2020. 346 S., 21 Euro.

Die Dannys und Kennys ziehen die Strippen, knüpfen Einfluss-Netze, es geht ums Geschäft, aber Minas Frauenfiguren wissen schon auch, was sie wollen. „Es war Unsinn. Wer sollte den ganzen Tag nach den Kindern sehen?“, denkt Kenny entsetzt, als ihm seine Frau Annie mitteilt, sie werde kandidieren. Er versucht, locker zu klingen, es abzutun, er lächelt sie erstmal unverbindlich an. Treffsicher, in großartigen Dialogen beschreibt Mina, wie Machtverhältnisse verhandelt werden und sich verschieben, auch zwischen Ehepartnern.

Die Schottin hat immer eine Vielfalt an Figuren im Spiel, so dass ein veritabler Gesellschaftsroman entsteht. Aber sie sucht nicht den Proporz, sie strapaziert auch nicht den Zufall – lieber lässt sie am Ende einen Gutteil ihrer Handlungsstränge gleichsam aus dem Buch hinausflattern. Zum Beispiel, ob Annie Gallagher, die schon ebenso lange in der Partei ist wie ihr Mann, tatsächlich kandidieren wird. Oder ob Martin Pavel endlich etwas Sinn in seinem Leben entdecken wird.

Denise Mina hebt die Dächer von den Glasgower Häusern und lässt uns hineinspähen und -hören. Ohne es an Action und Gewalt jemals zu übertreiben. Sie hält den Ball flach, sie überzeugt umso mehr. Wahnsinnig gern würde man bald einen Kriminalroman über die Corona-Zeit von ihr lesen. Und dabei lernen.

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