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Als alle Charlie waren: Trauerbekundungen in Berlin im Januar.
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Als alle Charlie waren: Trauerbekundungen in Berlin im Januar.

„Keine Toleranz den Intoleranten“.

Demokratische Grundpfeiler bröckeln

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Gegen die bequeme Selbst-schuld-Haltung: Alexander Kisslers bitterer Essay „Keine Toleranz den Intoleranten“ durchforstet die europäischen Öffentlichkeiten, um die Stufen von Toleranzverständnis kenntlich zu machen.

Es waren eindrucksvolle Bilder des Gemeinsinns in den Tagen nach dem verheerenden Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris. Der bekenntnishafte Satz „Ich bin Charlie“ erklang nahezu überall, doch er hallte nicht lange nach. Der Tag kurz nach Jahresbeginn 2015, es war der 7. Januar, hatte eine ähnliche Signalwirkung wie der 11. September 2001, aber nach der beinahe vollständigen Auslöschung einer Redaktion wurde bald wieder mehr vergessen als nur das Datum des Anschlags.

Rasch hob die zersetzende Diskussion an, ob die frechen Satiriker ob ihrer Provokationen nicht auch ein wenig Mitschuld tragen an ihrer brutalen Ermordung. „Selber schuld“ lautete erst recht das Diktum, das die Veranstalter einer Ausstellung mit Mohammed-Karikaturen in Garland/Texas traf, zu der auch der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders sprechen sollte. Der Anschlag konnte verhindert werden, aber das Kopfschütteln über die Beinahe-Tat mussten vor allem die Veranstalter über sich ergehen lassen. Man kann ja wissen, was einem blüht, wenn man Muslime reizt und sich dazu noch einen Wilders einlädt.

Es sind schnoddrige Haltungen wie diese, die auch zu einer Untergrabung der demokratischen Standards beitragen, findet der Journalist Alexander Kissler in seinem Essay über Toleranz. Er möchte seinerseits vor allem einer falsch verstandenen Toleranz das Wasser abgraben, die längst unseren Alltag, aber auch die Justiz durchdrungen hat. Als in Wuppertal im Februar drei junge Männer palästinensischer Herkunft einen Brandanschlag auf die dortige Synagoge verübten, kamen sie mit Bewährungsstrafen davon. Strafmildernd wirkte sich die Tatzeit aus – es geschah nach Mitternacht – sowie die fehlenden Anhaltspunkte für eine antisemitische Tat, so das Gericht.

Kein Antisemitismus?

„Für ein deutsches Gericht“, schreibt Kissler in bitterem Ton, „ist also der Versuch, eine Synagoge zum Brennen zu bringen, kein Ausdruck von Antisemitismus. Müssen wir uns die drei Muslime als Architekturkritiker oder Lichtkünstler vorstellen? Auch die Jurisprudenz, lernen wir, kann es mit der Toleranz so weit bringen, dass sie bei deren Gegenteil landet.“

Alexander Kissler durchforstet in seinem Essay die europäischen Öffentlichkeiten nach derlei Paradoxien, um die Schwundstufen eines Toleranzverständnisses kenntlich zu machen, durch die längst die Grundpfeiler unseres demokratischen Selbstverständnisses zu bröckeln beginnen. Kissler ist kein Eiferer wie Henryk M. Broder oder Thilo Sarrazin, die jedes Indiz für eine prekäre Auslegung von Toleranz alarmistisch zum Tönen bringen. Eher hat er es auf eine Sensibilisierung unserer Vorstellungen von Toleranz abgesehen, die es nicht als jederzeit einsetzbare Währung gibt, sondern immer wieder neu ausgehandelt werden muss.

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