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Dem Frankfurter Verleger, Autor, Theatermann Karlheinz Braun zum 90. Geburtstag: Der unermüdlich Beständige

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Von: Peter Iden

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Der Verleger, Autor, Lektor, Festivalgründer, Theatermann, Freund und Frankfurter Karlheinz Braun. Foto: Peter Jülich
Der Verleger, Autor, Lektor, Festivalgründer, Theatermann, Freund und Frankfurter Karlheinz Braun. Foto: Peter Jülich © peter-juelich.com

Für Karlheinz Braun zum 90. Geburtstag.

Im Übergang der 50er zu den 60ern des vorigen Jahrhunderts war in Frankfurt am Main ganz schön was los. Die Kulturszene der Stadt galt damals als die spannendste, vielseitigste, anregendste der westdeutschen Metropolen. Am Institut für Sozialforschung lehrten und argumentierten Adorno und Horkheimer, gleich nebenan, im Philosophischen Seminar der Goethe-Universität, hielt in mancher Hinsicht ihr Widerpart, der systematische Erkenntnistheoretiker Wolfgang Cramer, seine Vorlesungen. Im Kammerspiel der Städtischen Bühnen ließ der Dramaturg Helmut Krapp das Publikum kennenlernen, was während der Nazizeit an Entwicklungen des Dramas außerhalb Deutschlands bei uns nicht gezeigt werden durfte.

Der Neubau des Großen Hauses wurde mit vier Premieren eröffnet, darunter Sartres „Der Teufel und der liebe Gott“ in der Inszenierung Erwin Piscators, als Schauspieler debütierten die junge Renate Schroeter und Peter Fitz, später Protagonisten in Zürich und Berlin; an der Bühne von Fritz Rémond im Zoo wurde früh Samuel Becketts Jahrhundertstück „Warten auf Godot“ gespielt. Am 20. Dezember 1963 begannen in Frankfurt die Auschwitz-Prozesse. Der erste deutschen Versuch, die Verbrechen der Vergangenheit juristisch zu fassen, initiierte den Vorgang einer Aufarbeitung, für die kein Ende sein kann.

Es gab in jenen Jahren in Frankfurt mehr Galerien für das Neue in der Kunst als irgendwo sonst, allen voran Rochus Kowalleks „dato“. Hanno Reuter beschrieb, wie Eduard Beaucamp in der FAZ, die vielen künstlerischen Ansätze in der FR (wo Wolfram Schütte neue Maßstäbe als Filmkritiker behauptete und Hans-Klaus Jungheinrich das für die Musik leistete). In der Tarnowstraße wohnte und schrieb der Dichter Ror Wolf, up-and-coming. Im Oederweg führte Richard Kreß eine Drogerie, rechter Flügelstürmer der Eintracht, nach dessen Führungstor in der 18. Minute im Endspiel des Europapokals der Landesmeister 1960 gegen Real Madrid im Hampden Park von Glasgow jubelten wir an den Fernsehern in Frankfurt und durften gegen den hohen Favoriten kurz auf eine Sensation hoffen – und verloren dann doch 3:7.

Abisag Tüllmann war die Fotografin der Stunde. Den unvergleichlichen Zauber von Ingeborg Bachmanns erstem Auftritt in Frankfurt (an der Uni) wird, wer dabei sein durfte, niemals vergessen. Bazon Brock hielt an der Hauptwache seine „Pfingstpredigt“. Attraktive Treffpunkte waren der Jazzkeller von Albert Mangelsdorff, der Club Voltaire, die Wohnung des Künstlers Hermann Goepfert und seiner Frau Lielott, in der man mit Größen der aktuellen europäischen Kunstszene wie Lucio Fontana, Piero Manzoni, Jeff Verheyen ins Gespräch kommen konnte. Und die Buchhandlung von Melusine Huss, Ort der Bücher und bürgerlicher Salon zugleich.

Warum nun aber gerade heute diese Erinnerung, notwendig fragmentarisch, an Gegebenheiten und Ereignisse einer glücklichen Phase der Stadtgeschichte Frankfurts? Weil heute, an seinem 90. Geburtstag, einer gefeiert werden muss und sich feiern lassen darf, dessen bisherige Lebensleistung in tatsächlich unzähligen Momenten mit eben dieser Stadtgeschichte auf das engste verbunden ist: Karlheinz Braun.

Wer ist dieser Mensch? Als ich, Mitte zwanzig, um 1960 seine Bekanntschaft machte, war Braun, sechs Jahre älter, schon ein erfolgreicher Verleger. Peter Suhrkamp, der die Vielseitigkeit der Begabung und Brauns spezielles Interesse erkannte, hatte ihn zum Leiter der Theaterabteilung seines Verlags gemacht. Unsere erste Begegnung war ein wenig irritierend, ich hatte gerade geheiratet, die Wohnung am Südbahnhof war bescheiden, Braun erschien überraschend, er sondierte die Verhältnisse, sah, davon aber nicht besonders beeindruckt, immerhin ein frühes Schnittbild Fontanas, und bemerkte: „Sie haben zu wenig Bücher, so wird das nichts werden mit Ihnen“. Seine Lehre fürs Leben: Ohne Bücher geht es nicht.

Braun kam bald darauf wieder, nun mit einem Vorschlag: Er war mit dem gerade aus dem amerikanischen Asyl nach Deutschland (in den Westen, Brechts Angebot, in Ost-Berlin zu arbeiten, hatte er abgelehnt) zurückgekommenen Erwin Piscator zusammengetroffen und beschrieb das Inspirierende der Begegnung. Mit dem neuen, zeitkritischen Theater der Inszenierungen Piscators im Berlin der zwanziger Jahre hatte ich mich beschäftigt, Braun stellte einen Kontakt her und regte an, der Regisseur von Weltruhm, der in Westdeutschland seiner kommunistischen Vergangenheit wegen zunächst (dank vor allem der ständigen Attacken des stockreaktionären Kritikers Friedrich Luft) keine Arbeit fand, könnte mich doch als Assistenten engagieren. Piscator lud in das Haus seiner Verwandten in Dillenburg ein und stimmt zu – für mehr als ein Jahr fuhr ich ihn durch die deutsche Theaterlandschaft, von Absage zu Absage.

Braun aber hatte nicht nur die Rolle eines Chauffeurs für mich vorgesehen – mit Piscator hatte er nämlich die Idee für ein internationales Theaterfestival in Frankfurt entwickelt, die Finanzmittel kamen von der Bank für Gemeinschaft, deren linke Leitung die Pläne Piscators und Brauns mehr überzeugten als manchen Theaterintendanten. Braun nahm mich als gleichgestellten Verantwortlichen mit ins Boot.

So haben wir gemeinsam das nun wirklich erste internationale Theaterfestival in Deutschland, das wir „Experimenta“ nannten, fünf Jahre lang programmiert und realisiert. Macht man etwas unter doppelter Leitung, muss man sich zuvor genau überlegen, ob das überhaupt geht, professionell wie privat. Mit Karlheinz Braun war es, wieder und wieder, kein anderes Wort: eine Lust. Will man, wie damals wir, Künstler aus vieler Herren Länder an einem Ort zusammenbringen, wird es hinsichtlich der Qualität nicht immer nur eine Meinung geben – so war es gelegentlich auch mit uns, aber wir sind noch in jedem Einzelfall einig geworden.

Braun plädierte, es ist seine besondere Qualität, fast immer mit äußerster Leidenschaft. So, dass der Partner manchmal dachte, zu viel, zu viel, so gut, wie er meint, sind die gar nicht. Obzwar seine Erfahrung weiter zurückreichte als meine, hörte er den Einwänden konzentriert zu und bedachte sie, kfzsprachlich salopp gesagt, fuhr er bewundernswert gerne mit vollem Gas – ich näher am Bremspedal. Ans Ziel kamen beide. Die „Experimenta“ mit, neben auch deutschsprachigen Eigenproduktionen und Brechts Theater aus der DDR, Gruppen aus den USA, Japan, Frankreich, England, Italien, Spielort war zumeist das Theater am Turm, wurde beim breiten Publikum, für das der Bestand an Eintrittskarten nicht ausreichte, wie bei der Kritik ein derart nicht erwarteter Erfolg.

In der Folge blieb Braun mit schier unermüdlicher Energie weiter einflussreich und mit großem Erfolg als Verleger tätig. Lang ist die Liste der Autoren, die er neben den Heroen der Backlist des inzwischen von Siegfried Unseld geführten Suhrkamp Verlags als Dramatiker entdeckte, bei Dramaturgen und Intendanten und schließlich beim Publikum sich durchzusetzen half. Kein leichtes Geschäft. Jedoch ist Brauns Insistenz, wenn er sich einmal für einen Autor entschieden hat, nahezu grenzenlos und vor allem unwiderstehlich. Darum ist seine Haltung zu recht so oft belohnt worden.

Mit Unseld allerdings, der seine Alleinherrschaft nicht preisgeben wollte, kam es zum Bruch. Wie Braun verließen die wichtigsten Lektoren den Verlag. Klaus Reichert und, inzwischen verstorben, Walter Boehlich, Urs Widmer und Peter Urban begaben sich mit Braun in das Abenteuer der Gründung des „Verlags der Autoren“ – so etwas hatte es bis dahin in Deutschland nicht gegeben und wurde von Kennern der Branche auch nicht für realistisch gehalten: Ein Unternehmen, in dem Dichter mitbestimmen sollten, wer aufgenommen werden sollte in ihren Bund? Aber waren sie nicht alle letzten Endes Rivalen? Das blieb wie die Unterschiede in Betracht der Bedeutung ihrer Bücher ein Problem. Jedoch gelang es, mit der Zeit Formen des Ausgleichs zu entwickeln, die der Neugründung seit Beginn der Siebziger Jahre halfen, sich zu behaupten bis heute.

In einem Band von fast 700 Seiten, „Herzstücke. Leben mit Autoren“, hat Braun vor drei Jahren an vielen Beispielen hinreißend gezeigt, wie mühsam die Zusammenarbeit mit den Produzenten von Literatur oft sein kann – aber welch ein Glück auch, wenn sie gelingt. Der Band, dessen Titel treffend anzeigt, wovon er handelt und was seinen Autor veranlasst hat, mehrere Jahre lang daran zu arbeiten, ist Erzählung und Dokumentation in einem. Wie in jedem Leben gab es auch für Braun auf einem Abschnitt der Wegstrecke die Erfahrung einer Niederlage: Nach der Uraufführung von Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ an den Frankfurter Städtischen Bühnen der Intendanz von Günther Rühle (bis zu der Zurücksetzung durch seine Zeitung der überzeugendste deutsche Theaterkritiker) hat Braun die inhaltlich nicht zu rechtfertigende Absetzung der Aufführung unter politischem Druck nicht verhindern können.

Er blieb aber ein hochgeschätzter Berater und Unterstützer von so manchem Vorhaben keineswegs nur der Theater. Und Brauns Wort zählte, vor und auch (wie oft sinnvoll) hinter den Kulissen. Der gute Ruf gründete darauf, dass es ihm stets primär um das Interesse des Publikums und Frankfurts ging und geht, nicht um die eigene Bedeutung. Dieser Antrieb ist bei ihm nach wie vor spürbar.

Als wir vor mehr als einem halben Jahrhundert in Frankfurt begannen, Verantwortung zu übernehmen für uns selbst wie für andere, boten sich viele Möglichkeiten, mehr als den Jüngeren später. Chancen, die man ergreifen konnte, in weitläufigen Aktionsräumen, nicht so beengt wie sie nachher wurden. So hatte Karlheinz Braun ursprünglich Tänzer werden wollen und ist tatsächlich als solcher in Paris und sogar auf der Bühne der Oper in Frankfurt aufgetreten. Co-Intendant am Schauspiel ist er auch noch geworden, dem Regisseur Peter Palitzsch zuliebe, der darauf setzte, durch Braun von den Lasten der Verwaltung befreit zu werden. Eine Hilfeleistung also für das Theater der Stadt, die Karlheinz Bohrer sympathisierend definiert hat als „Metropole des toleranten Eigensinns“.

Seit Längerem wieder einmal zusammen, reden wir über den Krieg. Dass wir gedacht hatten: Nie wieder! Wir, das sind jetzt, mit einem Wort Jürgen Flimms, „Die von früher“. Und halten inne. Betroffen. Verunsichert. Ratlos.

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