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Delphine de Vigan: „Die Kinder sind Könige“ – Die kleinen Youtube-Sklaven

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Von: Cornelia Geißler

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Delphine de Vigan. Foto: Francesca Mantovani/Editions Gallimard
Delphine de Vigan. © Francesca Mantovani/Editions Gallimard

„Die Kinder sind Könige“: Delphine de Vigan setzt ihre Chronik der modernen europäischen Lebensweise mit einem verstörenden Roman fort.

Kimmy ist verschwunden. Ein kleines Mädchen, sechs Jahre alt. Gerade noch hat sie mit dem Bruder Sammy und Nachbarskindern Verstecken gespielt, vorher ging eine Instagram-Story online, die Kimmy beim Schuhkauf zeigte. Doch dann, als sie eigentlich zum Essen hochkommen soll, kann Sammy der Mutter nur mitteilen, dass Kimmy nicht auffindbar sei. Für die Polizei gelten diesmal andere Regeln als sonst bei Vermisstenmeldungen. Kimmy ist einem Millionenpublikum bekannt, ihre Mutter Mélanie hat die eigenen Kinder zu Stars gemacht. Die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan zitiert diese Mutter mit ihrem Romantitel „Die Kinder sind Könige“.

Das Buch scheint der Realität entnommen, auch wenn es nicht „Nach einer wahren Geschichte“ heißt, wie einer der Vorgängerromane der Autorin. Man kann Delphine de Vigan eine Chronistin der modernen west- und mitteleuropäischen Lebensweise nennen. Ihre Themen sind gesellschaftlich relevant, ob es sich um die Pflege älterer Menschen handelt („Dankbarkeiten“, 2020), um Alkoholismus unter Jugendlichen („Loyalitäten“, 2018) oder Magersucht („Tage ohne Hunger“, 2017). Der neueste Roman führt zu den Akteurinnen und Akteuren auf Youtube und Instagram, die ihren Unterhalt mit Klicks und Werbung verdienen, Konsum und Meinungen beeinflussen.

Ihr gescripteter Alltag

Kimmy und Sammy werden von ihren Eltern vor allem gefilmt, wie sie Waren auspacken und bewundern. Um das Interesse der Follower zwischendurch wachzuhalten, postet die Mutter Handyfilmchen aus ihrem gescripteten Alltag vom Mittagsschlaf bis zum gemeinsamen Essen. Gelegentlich wird die Grenze des Laptop- oder Handybildschirms aufgerissen, wenn die Kinder sich in Freizeitparks den Fans präsentieren, dabei wie Stars aus der Musik- oder Filmszene Autogramme geben. Die Überforderung Kimmys und Sammys zeigt später ein Blick ins Kinderzimmer, wo sich etliche unberührte Dinge stapeln. Das favorisierte Spielzeug des Mädchens ist ein abgeliebtes Stoffkamel, „Schmuseschmutz“ genannt.

Die Autorin lässt keinen eindeutigen Eindruck zu, ob das Verschwinden des Mädchens als familiäre Katastrophe empfunden oder als Ende des Geschäftsmodells erlebt wird. Die Kinder sind nicht Könige, sondern Betätigungsfeld der Eltern, die Trennung zwischen Job und Privatleben ist aufgehoben, zur Wohnung gehört ein Filmstudio.

Das Buch

Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige. Roman. A. d. Franz. v. Doris Heinemann. Dumont Buchverlag, Köln 2022. 318 S., 23 Euro.

Destilliert man die geradlinige Handlung aus dem Roman, erzählt er zu zwei Dritteln von der kriminalpolizeilichen Ermittlung im Fall von 2019, „Vermisstes Kind Kimmy Diore“, ergänzt um Vernehmungsprotokolle und Abschriften von Instagram-Storys. Der Videoblogger Loic Serment wird als Zeuge vernommen. Er kennt sich mit der Szene aus, hat die verschiedenen Kanäle verglichen und einen Beitrag überschrieben mit „Die kleinen Youtube-Sklaven“.

Die erzählten Passagen konzentrieren sich im Wechsel auf die Perspektive der höheren Beamtin Clara Roussel und der Youtube-Mutter Mélanie Claux. Sie erscheinen als Gegensatzpaar. Auch optisch: „Selbst bei den schrecklichsten Tragödien spielt das Äußere eine Rolle.“

Der Traum von der Karriere

Die Autorin suggeriert hier eine recht simple Erklärung. Clara Roussel kommt aus einem gebildeten, gesellschaftskritischen Haushalt, die Eltern waren lange gegen die Anschaffung eines Fernsehers, wollten die Tochter von der Polizeikarriere abhalten – um ihr dann doch herzlich zum Abschluss zu gratulieren. Mélanie Claux dagegen fühlte sich in Elternhaus, Schule und Berufsausbildung nie ausreichend beachtet und träumte von einer Karriere, wie sie die Stars von TV-Formaten wie „Big Brother“ erleben. Dabei gescheitert, stellt sie die ersten Videos ihrer Kinder zunächst arglos auf Facebook, bis sie damit auf Beifall stößt.

An suggestiver Kraft gewinnt der Roman, während sich die Ermittlerin ins Milieu der Youtube-Familie und deren Konkurrenz begibt, dabei den einfachen Antworten ausweichend. So webt Delphine de Vigan ein Geflecht aus psychologischen Details und mediensoziologischen Beobachtungen, das über den konkreten Fall hinausweist. Die bittere Erkenntnis, die sich bei der Lektüre verfestigt, heißt, dass es für solche und ähnliche Videos ein dankbares Publikum gibt. Aus den technischen Möglichkeiten und dem Streben nach Aufmerksamkeit entstand eine Parallelwelt, die hemmungslos wächst. Und wenn die Gesetze eine Ausbeutung von Kindern wie Sammy und Kimmy nicht mehr erlauben, bleibt das Darknet.

„Die Kinder sind Könige“ endet nicht mit der Auflösung des Kriminalfalls. Die Autorin warnt nicht, appelliert nicht, sondern erzählt ihre Geschichte in der Zukunft des Jahres 2031 einfach weiter. Das ist so grandios wie verstörend.

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