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Defizite im Detail

Seit Jahren arbeitet eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern an einem ehrgeizigen Projekt. Sie wollen die Zivilgesellschaft in mehr als 50 Ländern

Von RUDOLF SPETH

Seit Jahren arbeitet eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern an einem ehrgeizigen Projekt. Sie wollen die Zivilgesellschaft in mehr als 50 Ländern erforschen und vergleichen. Dafür haben sie einen "Civil Society Index" (CSI) entwickelt, mit dem der Zustand und die Stärke der Zivilgesellschaft gemessen werden sollen.

Für Deutschland hat nun Sabine Reimer vom Berliner Maecenata-Institut die Ergebnisse vorgelegt. Insgesamt wird die Stärke der deutschen Zivilgesellschaft auf einer Skala von 0 bis 3 mit Werten über 2 bewertet. Die Wissenschaftler sind dabei so vorgegangen, dass sie die bereits in größerer Fülle vorliegenden Daten (Freiwilligensurvey, Zeitbudgeterhebungen, Befragungsergebnisse von Instituten) ausgewertet haben. Die Daten wurden zwei Gruppen mit Vertretern aus zivilgesellschaftlichen Organisationen vorgelegt und von ihnen bewertet. Die Wissenschaftler haben ihnen einen übersichtlichen, aber detaillierten Bewertungsmaßstab vorgelegt.

Bewertet wurden vier Bereiche: Struktur, Rahmenbedingungen, Werte und Normen und gesellschaftliche Effekte der Zivilgesellschaft. Die schwächsten Werte finden sich in der Strukturdimension (1,6). Dort fiel insbesondere die Mitwirkung auf der kommunalen Ebene und die mangelnde Mitgliedschaft in zivilgesellschaftlichen Organisationen negativ ins Gewicht. Zufrieden waren die Experten mit den Rahmenbedingungen (2,35), mit den Werten und Normen, die für zivilgesellschaftliche Akteure gelten (2,2), und mit den gesellschaftlichen Effekten (2,5). Im Detail zeigten sich dann aber doch immer wieder gravierende Defizite, beispielsweise bei der Transparenz der zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Überforderter Dritter Sektor

Wenn die Gesellschaft als ein großes Gemälde dargestellt werden soll, so wird häufig eine Dreiteilung vorgenommen. Unstrittig sind die Bereiche Staat und Wirtschaft, die jeweils eine besondere Funktionslogik haben. Zwischen oder jenseits dieser beiden Felder wird die Bürgergesellschaft angesiedelt. In einer Organisationsperspektive wird dieser Bereich nun zum Dritten Sektor, weil sich in ihm alle die Organisationen finden, die nach einem ähnlichen Muster funktionieren.

Die Herausgeber des Bandes Dritter Sektor/Drittes System sehen in der Solidarität und in der fehlenden Gewinn-Orientierung (Non-profit) die wesentlichen Unterschiede zu dem bürokratisch-hierarchischen Bereich des Staates und dem Gewinnstreben der Unternehmen.

Als besondere Leistung der Organisationen des Dritten Sektors streichen Annette Zimmer und Eckhard Priller die Multifunktionalität heraus. Diese Organisationen sind nicht nur Dienstleister, sondern auch Interessenvertreter, und sie tragen zur gesellschaftlichen Integration bei. Diese Leistungen würden aber in den gegenwärtigen Reform- und Modernisierungsdiskussionen kaum berücksichtigt, klagen die Autoren.

Insbesondere Dathe/Kistler und Bode/Evers/Schulz bieten in ihren Beiträgen Einsichten in die Beschäftigungsleistungen von Organisationen im Dritten Sektor. Dennoch sollte man nicht allzu euphorisch sein. Die Staatsnähe des Sektors sowie die "dunklen Seiten", die Stecker und Nährlich in ihrem Beitrag beschreiben, machen skeptisch. Vielleicht sind die Dritte-Sektor-Organisationen einfach durch die "komplexen Herausforderungen überfordert", so Stecker und Nährlich.

Sabine Reimer: Die Stärke der Zivilgesellschaft in Deutschland, Maecenata Verlag, Berlin 2006, 233 Seiten, 24,90 Euro (deutsch/englisch).

Karl Birkhölzer u.a. (Hrsg.): Dritter Sektor/Drittes System. Theorien, Funktionswandel und zivilgesellschaftliche Perspektiven, VS Verlag, Wiesbaden 2005, 315 Seiten, 34,90 Euro.

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