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Musical - Grusical: Roman Polanski inszenierte 2014 den „Tanz der Vampire“ nach seinem gleichnamigen Film im Pariser Mogador-Theater,

Literatur

Deborah Harkness: „Bis ans Ende der Ewigkeit“ - Nicht ohne meine Blutkonserve

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Deborah Harkness lässt erneut die Vampire aufleben. In ihrem Roman „Bis ans Ende der Ewigkeit“, der ihre Trilogie abschließt, sind sie die Hüter der Hochkultur.

Das Erste, was Phoebe nach ihrer Verwandlung zur Vampirin machte, war, dass sie zu malen begann und Tanzunterricht nahm. Natürlich ging es ihr auch um die Liebe. Aber wonach sich die junge Kunsthistorikerin als Mensch am meisten „verzehrt“ hatte, nachdem sie in die Vampirfamilie ihres Freundes Marcus eingeführt worden war, war der „unerschöpfliche Vorrat an Zeit“, der Vampiren zur Verfügung steht. Endlich nicht mehr von A nach B hetzen zu müssen! Die Lektüre auch einmal in aller Ruhe unterbrechen können, um nachzudenken. Und beispielsweise tanzen lernen, selbst wenn es in den nächsten hundert Jahren nicht zur Primaballerina reichen wird!

„Time’s Convert“ (vielleicht: Eine Bekehrte in Sachen Zeit), heißt der neueste Roman der amerikanischen Autorin Deborah Harkness, mit dem sie ihrer erfolgreichen „All Souls“-Trilogie 2018 noch einen Folgeband hinzufügte. Unter dem Titel „Bis ans Ende der Ewigkeit“ ist er bei Blanvalet soeben auf Deutsch erschienen. Länger zu leben, am besten ohne weiter zu altern, ist zweifellos der Traum (und das Forschungsziel) des 21. Jahrhunderts. Wie sonst könnte jeder einzelne das volle Potenzial seiner geradezu täglich wachsenden Möglichkeiten erschließen? Die Konkurrenz der Künstlichen Intelligenz schläft ja bekanntlich gar nicht und sieht dabei trotzdem sogar immer besser aus …

Schon Stephenie Meyers „Twilight“-Serie, die in Buchform und erst recht in den Verfilmungen mit Robert Pattinson und Kristen Stewart ein Millionenpublikum erreichte, promovierte das jahrhundertealte Bild des Vampirs vom Inbegriff verdrängter (weil verschlingender) Lust zum cleanen Rollenmodell einer sich immer entschlossener selbstoptimierenden Gesellschaft: Mit den Cullens schilderte sie gleich eine ganze Familie strahlender (im Sonnenlicht glitzernder!), schöner, reicher, gebildeter, maximal selbstbeherrschter und als Verzehrer von ausschließlich Tierblut sogar moralisch unantastbarer Helfer der Menschheit.

Mit ihrer kühlen Haut und ihren harten Körpern erinnerten diese omnipotenten und trotz der zentralen Liebesgeschichte (Edward und Bella!) fast asexuell erscheinenden Figuren an Androiden. Wobei sie diesen gegenüber als zumindest ehemalige Menschen im Sinne der Schöpfungsgeschichte gegebenenfalls aber einen Herrschaftsanspruch geltend machen dürften – Zurüstungen für die Kämpfe eines kommenden Novozän (wie James Lovecraft die Zeit nach dem von Menschen bestimmten Anthropozän nennt)?

Darauf baut Deborah Harkness in ihrer im Original ab 2011 erschienenen „All Souls“-Reihe natürlich auf. Darauf, und auf den Welterfolg der Zeitreise-Historien-Romanze „Outlander“ von Diana Gabaldon. Jamie und Claire, Edward und Bella, und jetzt (in der Trilogie) Diana und Matthew sowie (in der Fortsetzung) Marcus und Phoebe. Sky hat den ersten Band der Trilogie 2018 als Serie verfilmt, weitere Staffeln werden folgen.

Im Vergleich muss man sagen: Die 1965 geborene Wissenschaftshistorikerin Harkness ist anders als Gabaldon nicht gerade das, was man eine geborene Erzählerin nennt. Und mit der Leidenschaft von Meyers Teenagern, die nichts im Leben wollen außer einander, kann die ihrer erwachsenen Protagonisten auch nicht mithalten. Dafür ist ihr in der Gegenwart angesiedeltes und dann per Zeitreise oder Rückblick ins 16. und 18. Jahrhundert führendes Universum menschlicher Varianten deutlich komplexer. Das Anliegen ist relevanter. Und die Konsequenzen sind bedrückender. Mitten unter den Menschen leben hier nicht nur (vorzugsweise in medizinischen Berufen, obwohl sie dank jahrhundertealten Reichtums natürlich gar nicht arbeiten müssten) Vampire, sondern auch Hexen und Dämonen. Forscher, Historiker und Kreative gewissermaßen.

Die Parallelgesellschaft, in der sie sich organisiert haben, setzt anfänglich auf strikte Trennung der Arten, wobei – Achtung Spoiler! – sich im Laufe der Trilogie herausstellt, dass das genetische Überleben dieser Besonderen letztlich nur durch ihre Vermischung gesichert werden kann. Ein interessanter inklusiver Ansatz, wobei Harkness neben Konventionskitsch (gutaussehender, reicher, kluger, starker und besitzergreifender Mann verfällt ihr auf sein ewiges Leben hin ...) auch auf eine Macht des Weiblichen setzt.

Denn Diana entwickelt sich im Laufe der ersten drei Bücher (von denen auf Deutsch bereits 280000 Exemplare verkauft wurden) durchaus nicht ohne Witz zu einer Art Superhexe, deren Kräfte auch Männerbünde der finstersten Art besiegen. Am Ende gebiert sie sogar Hexe-Vampir-Kinder, wobei Diana selbst als Hexe eine Sterbliche bleibt – und bleiben will.

Phoebe indessen, im neuen Buch, kommt als Mensch nicht ganz so einfach davon. Sie will einen Sohn von Matthew heiraten und dazu offiziell ins Vampir-Reich einchecken, was ihr wirklich niemand verdenken kann: Schönheit, Reichtum, Ewigkeit, bester Sex jemals, und die Sache mit dem Blut wird diskret geregelt. Während es in „Twilight“ neben dem Werwolf Jacob auch die menschlichen Eltern Bellas als emotionale Gegengewichte zur Welt der attraktiven Kaltblüter gab, existiert bei Harkness erschütternderweise nichts, aber auch gar nichts in der Menschenwelt, was der Vampirgesellschaft vorzuziehen wäre.

Daher gehört zu den ersten Lektionen, die Phoebe nach ihrer Verwandlung lernen muss, auch die, dass nicht alle zu Vampiren gemacht werden können, die danach verlangen oder deren (vollständiger) Tod dadurch verhindert würde. Einst gefürchteter Ort der Verdammnis, ist das Reich der Untoten hier ein Closed Shop der Happy Few. Tatsächlich sind es bei allem Plädoyer für eine offene Gesellschaft letztlich stramm aristokratische Strukturen, die ansatzweise schon in der Trilogie und erst recht im Folgeband gefeiert werden. Hierarchie, Ehre, Regeln und Gehorsam bestimmen alles. Auch dass Phoebes Verwandlung nicht durch den Geliebten, sondern durch eine Freundin der Familie vollzogen wird, und sie im Anschluss 90 Tage warten muss, bis sie Marcus erstmals sieht (um frei entscheiden zu können, ob sie ihn wirklich will), gehört dazu und entsexualisiert die Idee des Vampirismus vollends.

Wozu passt, dass bei Harkness nur Barbaren unter den Vampiren Menschen gegen ihren Willen beißen. Die kultivierte Mehrheit, die zwischen ihren Kunstschätzen in den europäischen Metropolen oder in Schlössern auf dem Land residiert, zahlt dafür, nimmt die Katze oder begnügt sich mit Rotwein.

Interessanterweise wurde in der wirklichen Welt aus der unter Hochdruck in Sachen Zellerneuerung forschenden Wissenschaft (aus Stanford) soeben bekannt, dass junges Blut zumindest bei Mäusen die Zelldegeneration älterer Artgenossen tatsächlich verhindern und sogar umkehren können soll. Wobei das Blut intravenös verabreicht werden muss. Aber was macht das schon in einer Gesellschaft, in der ständiges Essen und Trinken mit Blick auf die Zellerneuerung sowie schon verpönt und mindestens halbtägiges Fasten angesagt ist! Wer es sich leisten kann, könnte also auch in dieser Welt schon bald auf eine lebensverlängernde Frischblutdiät umsteigen ...

Harkness’ Fantasy-Projekt, das als origineller Genre-Roman begann, liest sich in seiner Fortsetzung zunehmend als soziale Dystopie. Wider Willen vermutlich, denn neben Phoebes Verwandlung und dem Familienleben von Diana und Matthew geht es im Wesentlichen und etwas mühsam um die Lebensgeschichte von Marcus inmitten der Revolutionen des 18. Jahrhunderts. Dass eine elitäre Kaste von Untoten zu Helden der Weltgeschichte wird, mag als rhetorisches Mittel irgendwie angehen. Aber wenn sie auch noch zu den einzigen Hütern der Hochkultur stilisiert werden, ist das Ende des Anthropozän hier doch tatsächlich etwas gruselig vorgeformt.

Zur Autorin: Deborah Harkness

Deborah Harkness, 1965 in Philadelphia geboren, veröffentlichte Bücher über Alchemie und das elisabethanische London, bevor sie 2011 mit dem ersten Band ihrer „All Souls“-Trilogie als Romanautorin in Erscheinung trat: „A Discovery of Witches“ (Die Seelen der Nacht). Es folgten „Wo die Nacht beginnt“ und „Das Buch der Nacht“.

Zum Buch

Deborah Harkness: Bis ans Ende der Ewigkeit. Dt. v. Christoph Göhler. Blanvalet, München 2019. 576 S., 22 Euro.

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