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Ein Hörsaal der Goethe-Universität in Frankfurt im Jahr des Romangeschehens, 1988.

Andreas Maier: "Die Universität"

Debakulöses Dasein

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Andreas Maier setzt seine elfteilige Heimatsaga so famos wie profund fort. Mittlerweile ist der Erzähler in "Die Universität" eingetreten.

Weiter, es geht immer weiter. Vom Zimmer über das Elternhaus, die Straße, das Viertel, den Ort, ist der Erzähler mittlerweile in die Universität eingetreten. Der Erzähler in Andreas Maiers Roman hat die Schauplätze seiner Jugend hinter sich gelassen, die Kleinstadt Friedberg im Hessischen. Im neuesten Kurzroman seiner elfteiligen Saga ist er angekommen in der Großstadt Frankfurt – aber was heißt denn angekommen? 

Es geht nicht weiter, denn der Wunsch auszugreifen endet in einem Debakel. Kaum hat der Erzähler den Rucksack gepackt, um Richtung Italien aufzubrechen, geht er sein Vorhaben „noch einmal durch“. Auf einer Bank, mit einer Flasche Bier, bringt ihn seine innere Stimme von dem großen Vorhaben ab. Es ist nicht das einzige Mal, dass das Roman-Ich bei Andreas Maier auf diese innere Stimme hört. Diese Stimme ist ein ständiger, auch höhnischer Bedenkenträger. Es kommt nicht zur Italienreise, die Aufbruchstimmung bricht in sich zusammen, denn der Zweifel an dem Entschluss wird übermächtig. Es kommt bloß zu einer Reise nach Butzbach (das von Thomas Bernhard bereits schwerstens verhöhnte Butzbach). Nichts wird aus dem großen Plan. Das gilt auch für immer wieder neue Schreibversuche. Die großen Anläufe bleiben stecken. Anstelle der Erfahrung von etwas Großem und Absolutem steckt der Erzähler fest in Geringfügigem und banalen Wiederholungen. 

Auf sechs Romane ist Andreas Maiers Heimatsaga mittlerweile angewachsen, und schon auf der ersten Seite von „Die Universität“ werden Fingerzeige auf das Maiersche Gesamtwerk gegeben, von Südtirol (siehe der Roman „Klausen“) bis Onkel J. (siehe „Onkel J. – Heimatkunde“). Auch dieser Roman ist so etwas wie eine Heimaterkundung, zugleich die Heimsuchung einer Orientierungslosigkeit in der Welt, und die ist nicht mehr nur der Wetterau-Kosmos. 

Aus „Andi“ wurde „Problem-Andreas“

Schon die Anfänge der Saga waren überschattet von Widrigkeiten, den Missgeschicken des Kindes „Andi“ folgten die Misserfolge des protopubertierenden „Problem-Andreas“. Jetzt nimmt das Ich einen mittlerweile um die universitäre Ausbildung erweiterten Lebenskreis in den Blick, und wie immer bei Maier wird dabei nicht nur die Außenwelt „durchmustert“, werden nicht nur die Innenwelten durchgesehen, sondern die Sprache selbst durchgegangen, darunter das Wort von der „Durchmischung des eigenen Daseins“. 

Auch Maier erteilt dem Leser die Lektion, dass nicht er die Sprache hat, sondern dass die Sprache vielmehr ihn hat. Aller Sprachbesitz ist auch für das Ich Andreas Maiers ein äußerst prekärer Besitz, auch das so pompöse Wort „profund“ wird gleich mehrfach benutzt, der Wiederholungszwang ist, wie in jedem Insiderjargon, krass, zumal angesichts der Gesprächssituationen an der (Frankfurter) Universität, beim Reden über die Wahrheit, in den Seminaren der Philosophie, Musikwissenschaften und Germanistik, in den Vorlesungen über „Transzendentalpragmatik“. 

Auf die geistigen Anstrengungen reagiert der Körper des Ich mit Magenkrämpfen. Die Missgeschicke wirken wie infektiös, das Dasein zeigt sich debakulös. Und auch wenn manches spöttisch anmutet, so ist  es doch unabweisbar bitter gemeint. Was leichthin betrachtet zum Schmunzeln ist, ist profund betrachtet zum Verzweifeln. Wo doch „Die Universität“ äußerst ernst genommen werden will, das Blasierte der Kommilitonen oder das Einschüchterungsvokabular der Doktoranden, die Sprache, deren Körpersprache, deren Artikulation, mit denen sie ihre Dozenten nachahmen. Es ist ein befremdetes Zusehen eines Habitus. Namen nennend, darunter berühmte Namen der Frankfurter Geistesgeschichte, handelt es sich bei Maiers Kurzroman auch um eine bitterböse Durchmusterung (der Sprachspiele) der Suhrkamp-Kultur. Was wird noch folgen? 

So sehr sich der Erzähler auf den ersten Blick konsterniert zeigt vom Jargon der Einschüchterung – tatsächlich veranschaulicht er die Subjekt-Objekt-Problematik, in die er an der Universität eingeführt wird, ziemlich radikal. Subjekt – Objekt. Der Leser kann dem Verhältnis zusehen in einer Szene, in der sich das Ich in einem Seminar unter den Kommilitonen umschaut. Wie wird der zugleich entgeisterte wie böse Blick noch sich entwickeln? Von einer Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie zum Apropos einer klassischen Theodizee? 

Bewusst langsamer Gang des Geschehens

Der Leser kann zusehen, wenn das Ich auf dem Dachboden eines Wohnungsanbieters und potenziellen Vermieters ein Erotikheft vorfindet, das das Ich einer eher aberwitzigen Strukturanalyse unterzieht, nicht ohne sich in die Fantasien des Vermietersohns zu versetzen, dem Erotikheftbesitzer ganz offensichtlich. In der Projektion, in den Fantasien, die das Ich dem Vermietersohn zuschreibt, in der Überblendung von Subjekt und Objekt erfährt der Erzähler erneut so etwas wie die „Durchmischung des eigenen Daseins“ – bis hin zu einer metaphysischen Vision. 

Es tut sich in diesem Roman nicht viel an Handlung. Erneut verweigert der bewusst langsame Gang des Geschehens sich hartnäckig den Gepflogenheiten eines Entwicklungsromans, in dem das Ich um die Frage nach seiner Person kreist. Auf der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt kommt der Erzähler kaum einen Schritt wirklich weiter. Sprunghaft dennoch heftet er sich immer wieder an die Spuren einer verflossenen Liebe, die zu der dem Leser bereits vertrauten „Buchhändlertochter“, unter vielfältigen Verwicklungen. Erneut spielt Maier mit den Möglichkeiten von Zeitdehnung und Zeitraffung – im Grunde besteht auch dieser Kurzroman aus nur drei, vier größeren Episoden. 

Wenn eines Tages der Student als Pfleger auf Gretel Adorno, die greise Witwe des Philosophen Theodor W. Adorno, stößt und die isolierte, kaum noch bewegungsfähige, die auch dahindämmernde, dann wieder sich aufbäumende, kratzende und schimpfende Dame pflegt, so eröffnen ihm die Mühen immerhin doch eine Flucht, heraus aus seiner eigenen eingeschränkten Existenz. 

Auch hier, wie auch sonst im Werk Maiers, hat es der Leser mit einem Erzähler zu tun, der sich zu seiner Geschichte (Objekt) wie ein eher naiver Erzähler verhält, was er allerdings, durchtrieben wie er, der Autor (Subjekt) in Wahrheit ist, nicht ist. 

Subjekt – Objekt. Die innere Stimme macht das eigene Ich zum Objekt, es, „mein Kuckuck“, horcht wiederum in sich hinein. Das Objekt unterliegt einmal mehr einer unerbittlichen Beobachtungskompetenz und Erkenntniskonsequenz. „Ich ist der Mittelteil des Wortes Nichts“, heißt es, und es ist das Motto des Romans. Er, der Erzähler, das Ich, dem der Verlust der eigenen Person permanent droht, macht sich auf Identitätssuche. Das ist, wie bei Maier stets, von einer verzweifelten Komik: „Ich selbst hatte mich damit eingerichtet, nur noch aus mehr oder minder unverbundenen, nebeneinander existierenden Personen zu bestehen, die ich untereinander nicht länger in Beziehung setzte.“ 

Allegorie des Automobilen

Subjekt – Objekt. Das Problem, das an der Universität durchdacht wird, geht durch den Erzähler hindurch. Weiterhin, wie schon zuvor in der Saga, sieht sich die „Herleitung des Ich-Zustands“ metaphysisch herausgefordert. Zugleich verrät der Autor Maier dem Leser noch ein weiteres Geheimnis. Während der Erzähler über seine Hausarbeit berichtet, eine über den Philosophen David Hume, und dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass Identität eine Fiktion ist, kommt er auch auf das Problem der Wahrnehmung zu sprechen – damit unausgesprochen auch auf das Kompositionsprinzip dieser Saga: „Dass wir einzelne Standbilder zu einem kontinuierlichen Film zusammenfügen, obwohl immer nur voneinander getrennte Einzelbilder vorliegen, zwischen denen es keine Verbindung gibt, außer eben der Ähnlichkeit, die wir ihnen unterstellen, und der zeitlichen Nähe.“ 

Es geht nicht weiter, ganz und gar nicht. In „Der Kreis“, dem Vorgängerroman und fünften Teil der Saga, war es nicht von ungefähr die Möbiusschleife, von der bereits im ersten Abschnitt die Rede war. Als Metapher, natürlich. Als Ausdruck für das Prinzip unendlicher Wiederkehr. In einer Welt der Nichtentwicklung, denn das Möbiusband kennt kein Innen, kein Außen, kein Vorne, kein Hinten, keinen Anfang, kein Ende.

Hier nun steckt der Erzähler zum Ende hin fest, nicht direkt in einem Stau, aber doch in einem Stop-and-go, auf der berühmten A5, die berüchtigt ist für ihre Überlastung, für Verstopfung und Verkehrsstörung. Immer weiter zieht sich bloß die Schlange hin, und was der Erzähler dabei beobachtet, ist so komisch wie bestürzend. Eine Allegorie des Automobilen. Zugleich ein Sinnbild des Daseins, zum „ewig wiederholten Stillstand unserer Zielhaftigkeit“. Ein Kreis schließt sich, der Erzähler hat ihn geschlossen. Am Anfang kein Aufbruch, am Ende kein Fortkommen. Ein Standbild, einmal mehr. Am Horizont die Wetterau. 

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