Dead Girl (Cat-)Walking

Scott Bradfields Satire auf Traumfrau, Todeszelle und amerikanische Justiz

Von CARSTEN HUECK

Scott Bradfield kommt aus Kalifornien, jenem Teil der Vereinigten Staaten, der auch alten Europäern verlockend erscheinen muss - nicht nur wegen des guten Wetters. Weltbekannte Orchester wie "The Greatful Dead", wegweisende Komponisten wie Frank Zappa, die Klassiker der modernen amerikanischen Literatur, Allen Ginsberg und Henry Miller, schufen in Kalifornien ihre unvergesslichen Werke. Und Schauspieler sind dort so gut angesehen, dass man ihnen wiederholt politische Ämter anträgt. Ein kultivierter Flecken Erde, sollte man meinen.

Von Kalifornien nach London

Scott Bradfield ist anderer Ansicht. Mit dem Lesen guter Bücher mache man sich dort verdächtig, er habe sich wie ein Fisch auf dem Trockenen gefühlt, erklärt der promovierte Literaturwissenschaftler. Vor zwanzig Jahren zog Bradfield deshalb nach London. Und begann selbst, munter zu schreiben. In seinen grotesken Kurzgeschichten und Romanen, inspiriert von Pop und Postmoderne, kommt er jedoch nicht von der alten Heimat los. Dort ist er eher Geheimtipp, in Deutschland hat er Erfolg, nicht zuletzt deshalb, weil das Literarische Quartett das erste seiner hier übersetzten Bücher mit Recht lobte.

In den neunziger Jahren erschienen die Satiren Die Geschichte der leuchtenden Bewegung, Was läuft schief mit Amerika und Planet der Tiere und zuletzt die Sammlung bissiger Short Stories, Unzweifelhaft der Beste. Schriebe Scott Bradfield keine Bücher, er würde wahrscheinlich Filme drehen wie David Lynch. Doch dem Fünfzigjährigen gelingt es konsequent, seiner Wut über den klimatisierten Alptraum Amerika eine literarische Form zu geben.

So auch in seinem neuen Roman Gute Mädchen haben's schwer, einer Satire über Recht und Ordnung, Sex und Moral. Bradfield ist Grenzgänger zwischen Trash und E-Literatur. Im ironischen Spiel mit unterschiedlichen Textformen - Tagebuchaufzeichnungen, Therapie- und Verhörprotokollen, Tonbandmitschnitten und Briefen - erzählt er von den letzten Monaten einer zum Tode verurteilten Traumfrau. Sie ist jung, bezaubernd naiv, von umwerfender Erotik - ein Busenwunder mit langen Beinen: Delilah.

Todeszellenfeger in Texas

In direkter Nachfolge ihrer alttestamentarischen Namensvetterin wird sie Männern zum Verhängnis. Als sie elf Jahre alt war, geriet der Klassenlehrer in ihren Bann, als "Todeszellenfeger" mischt sie nun die Belegschaft eines texanischen Staatsgefängnisses auf. Vom Sheriff über den Sozialpsychologen bis zu den Direktoren verfällt ihr jeder. Auch wenn er dabei auf den Hund kommt.

Natürlich meinen es alle gut mit ihr. Und Delilah meint es gut mit den Männern. Sie ist ein anständiges Mädchen, weiß, was sich gehört und wie man sich Freunde macht. Nur für schlechtes Benehmen hat sie kein Verständnis. Wegen Sexualverbrechen, Folter und Serienmord soll Delilah hingerichtet werden. Ob die Verurteilte tatsächlich auch Täterin ist, lässt der Autor offen. Deliah selbst ist Vegetarierin. Solchen Menschen ist eigentlich alles zuzutrauen.

Bradfield zeichnet Delilah als Projektionsfläche männlicher Liebeswünsche, Aggressivität und sexueller Beutegier. Das amerikanische Justizsystem beschreibt er als Farce. Der Blick aus der Todeszelle zeigt, wie eng die Gesellschaft draußen ist: Eine Ansammlung unglücklicher und bigotter Spießer. Nichts, was den amerikanischen way of life ausmacht, insbesondere die Mischung aus Chauvinismus und populärpsychologischem Verständigkeitsgetue, ist vor Scott Bradfields Humor sicher. Dabei ist er ein großer Moralist. Mit Witz und treffsicheren Bildern erregt er Mitleid und Furcht, Erkenntnis und Vergnügen.

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