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DDädderähh? Non merci!

Claudia Ruschs "Freie deutsche Jugend" war nicht frei

Von Erika Deiss

Es ist kein Zuckerschlecken, Kind zu sein, auch wenn Erwachsene die eigne Kindheit gern verklären. Claudia Rusch, geboren 1971 auf der Insel Rügen, ist von derlei Wirklichkeitsvergoldung weit entfernt. Schon weil der offizielle Jubel ihr von Hause aus verdächtig war, ist sie immun gegen Nostal- oder Ostalgie. In Dissidentenkreisen aufgewachsen, kam sie nie auf die Idee, der Propaganda ihr Gefasel abzukaufen. Eine ihrer frühesten Erinnerungen an die "Schwedenfähre" bringt die Freiheitssehnsucht des kleinen Mädchens auf den Punkt. Mutter und Tochter sitzen an der Ostsee, in der Ferne zieht ein weißes Schiff nach Malmö unerreichbar märchenhaft am sommerblauen Horizont vorbei. Eines Tages, so verspricht die Mutter, werden ganz bestimmt auch wir nach Schweden fahren. Aber nie, niemals geschieht es. Für den Teenager wird dann Paris zum Traumziel. Doch auch dorthin führt kein Weg. Allein sich die französische Sprache anzueignen - sie zu lernen ist der reinste Luxus, wo nur Russisch als verwertbar gilt - ist schwer genug. Wo aber alle Grenzen dicht sind, wächst die Wut auf den monströsen Überwachungsstaat, der seine eigenen Bürger wie Gefangene behandelt. Dass es dann ganz anders kam, war nicht voraussehbar. Schlag Abitur, als im November '89 die Berliner Mauer fällt, liegt der gerade 17-Jährigen die große weite Welt grenzenlos zu Füßen.

Doch der Reihe nach. Schon Claudias Großvater, als engagierter Landrat den Genossen unbequem gewordener Vorzeigekader, starb in Stasi-Untersuchungshaft; die Mutter, die nach ihrer Scheidung mit der 5-Jährigen geradewegs zum Staatsfeind Nummer eins ins Haus zieht, nämlich zu Katja und Robert Havemann, wird rund um die Uhr bespitzelt. Der Entscheidung ihrer Eltern "ausgeliefert,... in der Opposition zu leben", wird sie 10-jährig dazu verdonnert, mit einem "Schwerter-zu-Pflugscharen-Aufnäher" in die Schule zu gehen. Preisfrage: Welches Kind ist je aus freien Stücken Außenseiter? Zwar, das Mädchen hat für das, was die Erwachsenen vertreten - Pazifismus, Öko-Engagement, Gewaltfreiheit - schon Sympathien. Aber hat die Schule nicht trotzdem ein bisschen recht? Ist nicht der Sozialismus doch die bessere Gesellschaftsform?

Unangepasst zu sein, gilt erst dem Teenager als cool. Und an allen Ecken rumort es da immer deutlicher im Staate. "Keine Freude gleicht dem Aufruhr", hatte einst Peter-Paul Zahl in seinem Knastroman Die Glücklichen erklärt. Und ist es nicht ein Glück, dass schließlich die als Erzfeind denunzierte Westwelt mit Karacho in die Scheinidylle der maroden DDädderähh hereinbricht? Was im viel zitierten "Tal der Ahnungslosen" wirklich Sache war: In Claudia Ruschs Erinnerungen ist es so prägnant bewahrt wie das Insekt im Ostseebernstein. Tragisch und grotesk, infam und hanebüchen sind die exemplarischen Geschichten, die, in bester deutscher Journalistentradition - "Schreib das auf, Kisch!" - dieses ungemein wahrhaftige und anrührende Buch zu einer Quelle ersten Ranges machen.

Was im "Anderen Deutschland" zwischen Mathelager, Intershop und Montagsdemo an der Tagesordnung war, fängt Ruschs gerade einmal 150 Seiten schmales Buch in einer Dichte ein, die einzigartig ist. Dabei entzieht sich dies spritzige Debüt den Schablonen Belletristik beziehungsweise Sachbuch durch den singulären Ton, der das historische Ereignis mit der Literarisierung so bewusst zum Signum einer unverwechselbaren Subjektivität verschmilzt, dass er Geschichte zwanglos in Geschichten auflöst, das Geschehen unbefangen dem vitalen Sprudeln der Erzählung anvertraut. "Die Mauer war offen... Das war das Ende. Montagsdemos, Neues Forum, Friedenswachen, alles umsonst. Kein reformierter Sozialismus. Die Mauer war gefallen und der Weg zu Aldi offen." Respektive umgekehrt: Ruschs Miniaturen reflektieren Zeitgeschichte - "Wen interessiert schon das Abi, wenn die Revolution losgeht" - als von jeher vom Erlebenden Subjekt untrennbare Begebenheiten.

Claudia Rusch hat eine Menge zu erzählen, auch wenn Reflexion, die Problematisierung des Erlebten, ihre Sache nicht ist. Allerdings sprechen diese Skizzen für sich selber. Das Phänomen des Mitläufers zum Beispiel erscheint in manchen Schnappschüssen grausam genau getroffen. Aber Rusch will nicht entlarven. Vielmehr schildert sie mit großer Liebe zu den Menschen das normale Leben ganz normaler Leute, deren Alltag keineswegs nur Schattenseiten hatte. Der Verdacht um IM "Buche" - sollte wirklich Großmutter dahinterstecken ??! - ist zwar ein makabrer Tiefpunkt der Ereignisse. Doch spielen Freundschaft, Solidarität, "Aufrechter Gang" oder die erste Liebe in Ruschs mit viel Witz erzählten "Simplen Storys" - Ingo Schulze ist als Folie mühelos erkennbar - eine ebenso zentrale Rolle wie die kleinen oder großen Katastrophen, die die Machenschaften des Regimes den Bürgern an den Hals vexierten. Nachdrücklich gibt Claudia Rusch sie dem befreienden Gelächter preis. In jenen 25 lapidaren Episoden ihrer "freien deutschen Jugend" steckt ein solches Maß an Authentizität, dass sich die "Ossis" vor dem Urteil der Geschichte nicht verstecken müssen.

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