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David Wagner.

„Der vergessliche Riese“

„Der vergessliche Riese“ von David Wagner: Auf der Suche nach dem Schlauchdings

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David Wagner erzählt in „Der vergessliche Riese“ die Geschichte einer Demenz als Familienroman.

Die Bäume sind groß und die Häuser sind klein, singt Sven Regener in einem Lied seiner Band Element of Crime, das von der Rückkehr an einen Ort der Vergangenheit nach langer Abwesenheit handelt. Die anschließende Zeile lautet: „Früher war’s umgekehrt“. Eine triviale Beobachtung, die jedoch Überraschungen in sich birgt, wenn sie sich auf die eigene Familie erstreckt. Der Vater erschien einmal groß und mächtig, das musste so sein, denn er sollte die Seinen ja vor Unbill und Gefahren beschützen. Und wenn die Sache gut verlief, war der große Vater sanft, gütig und geduldig. Ein Vorbild fürs Leben.

Der Schriftsteller David Wagner hat solch einen Vater, selbst wenn er sich gleich zu Beginn eingesteht, dass sie sich zwischenzeitlich aus den Augen verloren haben. „Über Jahre, über zwei Jahrzehnte, haben wir uns kaum gesehen. Er hat sich nie sonderlich für mich und meine Familie interessiert – umgekehrt aber genauso, er war verheiratet, immer beschäftigt.“

Jetzt aber ist der Vater in Not, auch wenn dieser es nicht so benennen würde. Spätestens nach dem Tod der zweiten Ehefrau wird den Kindern klar, dass er nicht mehr allein wird leben können. Eine fortschreitende Demenzerkrankung entzieht ihm die Kontrolle über das eigene Leben.

David Wagner gerät darüber nicht in emotionale Panik. Er spitzt nicht dramatisch zu, sondern erzählt in Gestalt einer dialogischen Annäherung. Das Verblassen einer Persönlichkeit als sprachliche Anverwandlung und literarisches Projekt. Denn so unerbittlich und unaufhaltsam die Krankheit auch verlaufen mag, erzeugt sie doch auch eine ganz eigene Poesie, etwa wenn der Vater sich auf die Suche nach einem Schlauchdings begibt, um die Gartenarbeit zu verrichten.

Das Schlauchdings ist ein Rasensprenger, dessen Dienste er bald nicht mehr benötigt, weil die Kinder längst die Weichen auf Einfahrt in einen lebenslänglichen Heimaufenthalt gestellt haben. Dabei hat der Vater seine Lebenstüchtigkeit nicht vollends verloren. Er geht einkaufen und scherzt mit der Verkäuferin. Aber oft kommt er mit kuriosen Dingen zurück, und wer weiß schon so genau, was er sonst noch alles online bestellt, wenn er für einen Moment wieder weiß, wie es geht?

David Wagners „vergesslicher Riese“ ist ein lehrreiches Buch, aber es kommt nicht als Ratgeber für die immer größer werdende Kohorte von Kindern mit pflegebedürftigen Eltern daher. Stichworte wie Patientenverfügung und Erbregelung kommen nicht vor. Ein Haushalt wird aufgelöst, ein Auto verkauft.

David Wagner: Der vergessliche Riese. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 270 S., 22 Euro.

Als ehemaliger Dozent für Verhandlungsführung im Managementsegment hat der Vater gut verdient, das Pflegewohnheim, unmittelbar am Rhein gelegen, ist komfortabel. Vor der Einrichtung befindet sich eine Bushaltestelle, die tatsächlich angefahren wird und kein Pseudohalt ist wie vor anderen sogenannten Seniorenresidenzen, durch den die Möglichkeit einer baldigen Abreise suggeriert wird.

Wagners Buch, das ohne Gattungsbezeichnung auskommt, ist die behutsame und genaue Beschreibung eines allmählichen Verschwindens einer Persönlichkeit, die auf paradoxe Weise den Charakter eines Menschen noch einmal hervorbringt. Der Vater kann sich an vieles nicht mehr erinnern, die Gespräche erweisen sich als endlose Variation von Wiederholungen. Wohin fahren wir jetzt? Wie heißt deine Tochter? Und doch treten Witz, Charme und Intellekt des zweifachen Witwers in aller Deutlichkeit hervor.

David Wagner ist keineswegs der erste Autor, der sich an die literarische Bearbeitung einer Demenzerkrankung in der familiären Umgebung heranwagt. 2011 erschien Arno Geigers vielbeachtetes Buch „Der alte König in seinem Exil“. Die Lyrikerin Martina Hefter erzählte die Geschichte ihrer pflegebedürftigen Schwiegermutter in dem prosaischen Gedicht „Es könnte auch schön werden“. Die literarische Form dient hier vor allem auch der Distanzierung. Es geht Hefter nicht nur um die Vermittlung authentischer Gefühle, sondern um die Darstellung einer Ambivalenz des Helfens und Aushaltens. Der pflegende Angehörige ist stets auch Manipulator und Stratege im Umgang mit der nahen Person.

David Wagner spart die Hilflosigkeit der Familie nicht aus. Die Schwester übernimmt die Rolle der Pragmatikerin, obwohl sie gerade mit ihrem Organisationstalent und der gebotenen Nüchternheit immer wieder an Grenzen stößt. Auf die heiteren Momente, die den kranken Vater in einer sympathischen Kauzigkeit erscheinen lassen, folgt unvermeidlich das schlechte Gewissen. Es ist eben auch eine Form von Verrat, einen engen Angehörigen für immer ins Pflegeheim zu bringen. Der Bus, der ihn in ein eigenständiges Leben zurückbringt, hält hier nicht mehr. Der Vater weiß es, manchmal zieht er sich weinend zurück.

In seinem Buch „Leben“, für das David Wagner 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, schildert er nicht nur die Bedrohung des eigenen Lebens durch eine Lebererkrankung samt anschließender Transplantation. „Leben“ ist vielmehr ein Krankenhausroman, in dem David Wagner mit soziologischer Beobachtungsgabe das Universum der Kranken und professionell Helfenden beschreibt.

„Der vergessliche Riese“ hat auf diagnostische Details verzichtet. Das Buch ist zuallererst ein Familienroman, der in dem Bewusstsein geschrieben ist, die verbindenden Erzählfragmente ein letztes Mal vom dementen Vater zu beziehen. Überraschend oft nämlich gibt das zerbröselnde Gedächtnis Lebenserinnerungen preis, von denen die Kinder nichts ahnten. Der vergessliche Riese war einmal ein Zwerg, als Kind auf der Opernbühne bei den Festspielen in Bayreuth.

David Wagners Vaterbuch handelt von der unzerstörbaren Würde eines Menschen, der noch in der Phase des fortschreitenden Verfalls eine reichlich sprudelnde Quelle von Überraschungen und Geheimnissen ist.

Das Buch

David Wagner: Der vergessliche Riese. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 270 S., 22 Euro.

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