Mexikanerinnen stehen vor einem Wahlbüro (vor Corona). Luis Perez/afp
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Mexikanerinnen stehen vor einem Wahlbüro (vor Corona). 

Demokratie

David Runciman „So endet die Demokratie“: Melancholische Midlife Crisis

  • vonMicha Brumlik
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David Runciman bedenkt das Ende der Demokratie.

Schon der biblische Prediger wusste, dass ein jedes seine Zeit hat. Dieser Weisheit geht der britische Politologe David Runciman, ohne ihn zu zitieren, in der Sache nach: der Sache der bald zweieinhalbtausend Jahre alten Demokratie. Doch irrt, wer wähnt, es in Runcimans neuem Buch mit einem Schrei der Angst zu tun zu haben. Im Gegenteil: Der in Cambridge lehrende Autor – er dürfte inzwischen seine eigene Midlife-Crisis hinter sich gebracht haben – ist bei aller Melancholie gegen jeden Alarmismus und sichtlich um Fassung bemüht. Freilich animieren ihn Gestalten wie Trump und Putin, wie Ungarns Premier Orbán und Polens Ministerpräsident Kaczynsky, wie der türkische Präsident Erdogan und der ägyptische Staatschef Mursi dazu, zu bedenken, ob jene freiheitliche politische Form, die wir als „Demokratie“ kennen und schätzen, nicht tatsächlich ihrem historischen Ende entgegengeht.

Dabei kommt ihm der historische Zufall entgegen, dass das erste Auftreten dieser Herrschaftsform in der okzidentalen Antike sowie ihr erstes Ende im politischen „Westen“ in Griechenland geschah. Der Bogen seines stets unterhaltsam geschriebenen Langessays spannt sich vom vierten Jahrhundert vor der Zeitrechnung über den Militärputsch des Jahres 1967 bis hin zu den Turbulenzen des Jahres 2015, die er mit den Augen des damaligen Finanzministers Yannis Varoufakis betrachtet.

In pointierten Überlegungen geht Runciman krisenhaften Entwicklungen nicht erst seit Ende des Kalten Krieges nach: Von der Angst vor dem Atomtod über wahrgenommene soziale Ungleichheit bis hin zu den „neuen“ Prozessen von Globalisierung, Digitalisierung und Klimakrise spürt er allen Faktoren nach, die die Stabilität parlamentarischer Demokratien erschüttern könnten. Runciman ist davon überzeugt, dass (interne) Existenzbedrohungen die schlechtesten Seiten dieser politischen Form ans Tageslicht bringen. Freilich geht es ihm – seinem griechischen Beispiel zum Trotz – nicht darum, vor einem künftigen Faschismus im Geiste der 1930er Jahre zu warnen. Sei es doch gerade der relative Erfolg dieser Regierungsform, der sie so vulnerabel mache: „Je selbstverständlicher die Demokratie für die Menschen geworden ist, umso größer ist die Chance, sie zu unterwandern, ohne sie stürzen zu müssen.“

Das Buch:

David Runciman: So endet die Demokratie. Aus dem Englischen v. Ulrike Bischoff. Campus Verlag, Frankfurt 2020. 230 S., 19,95 Euro.

Entsprechend haben die neuen Gefährdungen auch eine zeitliche Dimension. Während Putsche „Alles oder nichts“-Ereignisse sind, die sich in einigen Tagen entscheiden, spielen sich andere Übernahmen seitens der Exekutivgewalten über einen Zeitraum von Jahren ab – man denke nur an das Beispiel Polen. Zudem zeichnen sich autoritäre Übernahmen seit Jahrzehnten durch einen merklichen Rückgang von Gewalt aus – bis hin zu dem nur auf den ersten Blick paradoxen Umstand, dass eine Bedingung für den Aufstieg des die Demokratie gefährdenden Populismus die Abwesenheit von Krieg sei. Als guter Brite arbeitet sich Runciman wieder und wieder an Winston Churchill ab, der bekanntlich sagte, dass die Demokratie keine gute, wohl aber die am wenigsten schlechte Regierungsform sei. „Heute“, so Runciman, „ist die repräsentative Demokratie erschlafft, rachsüchtig, paranoid, selbstbetrügerisch, schwerfällig und häufig ineffektiv. Meist lebt sie von vergangener Herrlichkeit …“

Mit seiner anschließenden Frage, warum „wir“ sie nicht durch etwas Besseres ersetzen, zielt er auf politische Modelle, die gegenwärtig – nicht zuletzt angesichts des Aufstiegs Chinas – auch im Westen erörtert werden: „Autoritärer Pragmatismus“ hier sowie – noch kaum umgesetzt – das Modell einer „Epistokratie“, das heißt einer Herrschaft von Experten, die angesichts der immer unübersichtlicher werdenden komplexen Problemlagen immer wahrscheinlicher werde. Sind, so fragt Runciman besorgt, die heutigen Wähler und Wählerinnen wirklich in der Lage, die Komplexität der Lagen begründet zu analysieren?

Am Ende seiner provozierenden Studie stellt Runciman Leitfäden für das 21. Jahrhundert auf: So sei die reife westliche Demokratie auf dem absteigenden Ast und habe ihre besten Zeiten hinter sich, indes: „Die Stärke der Demokratie liegt weiterhin in ihrer Fähigkeit, Probleme so zu zergliedern, dass sie beherrschbar werden. Das heißt auch, dass die Demokratie auch imstande sein dürfte, ihren eigenen Tod zu zergliedern, so dass er sich Stück für Stück hinauszögern lässt.“

Indem Runciman abschließend versichert, dass „wir“ (also wer genau?, M. B.) nicht die Demokratie seien, kann er auch feststellen: „Der Tod der Demokratie ist nicht unser Tod.“ Was ihn endlich zu dem Schluss führt, dass die westlichen Demokratien ihre Midlife-Crisis überstehen werden, was sie zwar ein wenig läutern werde, ohne sie wirklich wiederzubeleben. Denn – und mit diesen Worten beschließt Runciman sein Buch: „Schließlich ist das nicht das Ende der Demokratie. Aber so endet die Demokratie.“

Bleibt nur noch zu vermerken, dass – aber das mag an der britischen Herkunft des Autors liegen – soziale Bewegungen wie die ihm bekannten „Fridays for Future“, „#MeToo“ mit keinem Wort erwähnt werden, ebensowenig wie die brillanten Studien seines britischen Kollegen Colin Crouch zur „Postdemokratie“, eines Autors, der die Thematik längst soziologisch fundiert durchdacht hat.

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