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Tor zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar, 2020.

NS-Zeit

Annäherung an das nicht Vermittelbare

  • vonDaniel Jurjew
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Nach 74 Jahren ist David Roussets wichtiges Buch „Das KZ-Universum“ endlich auf Deutsch erschienen – und kann sich sofort in die gegenwärtige Debatte schalten.

Die Häftlinge“, schreibt David Rousset (1912–1997), „sind im Schlafraum zusammengepfercht und seit einer Stunde nackt, in ständiger Zugluft. Die zerbrochene Fensterscheibe gibt den Blick auf einen Eisplaneten frei: die in Schnee und Wirbelstürme gehüllte Welt von Buchenwald, und dahinter, jenseits der Wachtürme, verschneite Tannenhügel, die wie Weihnachtspostkarten aussehen.“

Roussets „Das KZ-Universum“ erschien 1946 im französischen Original und 1947 in englischer Übersetzung. Trotz seiner enormen historischen Bedeutung ist es erst jetzt zum ersten Mal auf Deutsch herausgekommen.

Der französische Journalist, Kommunist und Widerstandskämpfer, der Ende Januar 1944 dieses „Universum“ betrat und am 2. Mai 1945 daraus befreit wurde, setzt sich in einer Mischung aus Reportage und Analyse das Ziel, die Regeln des KZ-Lebens „zu erfassen und seinen Sinn zu verstehen“. Sein Blick geht weit über seine eigenen Lagererlebnisse (in Buchenwald und Neuengamme) hinaus. Manches davon muss aus zweiter oder dritter Hand stammen, allerdings wohl in vielen Fällen aus Gesprächen der Häftlinge dieses „Universums“ – die zahlreichen Transporte zwischen verschiedenen Lagern machten zum Teil auch einen Informationsaustausch zwischen diesen möglich.

Das Buch

David Rousset: Das KZ-Universum. A. d. Franz. v. Olga Radetzkaja/Volker Weichsel. Suhrkamp/Jüd. Verlag, Berlin 2020. 141 S., 22 Euro.

Eine intrinsische Schwierigkeit, mit der Roussets Projekt zu kämpfen hat, ist, dass er einerseits die allmähliche Auflösung des Menschen durch das Lager vermitteln, andererseits betonen will, dass es einigen durchaus gelang, sich ihre Identität zu bewahren. Dies trägt zu einer Zerrissenheit des Werks bei, die aber vielleicht gar nicht so sehr zu beanstanden ist. Einem Verständnis der Erfahrung als Insasse im „KZ-Universum“, von der Rousset selbst schreibt, dass sie „sich nicht vermitteln lässt“, kann man sich gerade dann annähern, wenn erkennbar wird, wie der Versuch, sie in ein erklärendes Korsett zu pressen, misslingt.

Auch wenn Roussets kommunistische Prägung sich nicht nur in seinen Sympathien, sondern auch in der Art der Analyse zeigt, trägt das Buch viel zum historisch-analytischen Verständnis des sozialen Gefüges der KZs bei. Rousset beschreibt einen „Staat“ der Lagerinsassen, in dem zunächst deutsche Ganoven herrschen. Sie übernehmen für die SS diverse Aufgaben und sind wichtiger Bestandteil der Hölle, die das Leben des gewöhnlichen Insassen ausmacht. Die ständige Angst ums eigene Leben, das durch körperlichen Verschleiß, die Mithäftlinge und die SS bedroht ist, der Hunger, der die Gedanken ausschließlich ums Essen kreisen lässt – die Umstände im Lager schaffen ein Klima, das dazu geeignet ist, bei vielen Menschen die schlechtesten Seiten hervorzuholen. Mit der Zeit gelingt es den kommunistischen Häftlingen, die Rousset als untereinander solidarische, verschworene Gemeinschaft beschreibt, selbst eine wesentliche Zahl der privilegierten Positionen zu besetzen und ein Gegengewicht zu den Ganoven aufzubauen.

„Das KZ-Universum“ lässt auch an die Kontroverse zwischen Jean Améry und Primo Levi denken, ob man sich in solchen Situationen eine intellektuelle Identität bewahren kann. David Rousset bestätigt das ausführlich – indirekt auch dadurch, dass er immer wieder literarische Verfahren und Bezüge nutzt.

Die Aktualität dieses Buches zeigt sich außerdem daran, dass es im Kontext der im Zuge der „Mbembe-Debatte“ verstärkt in den Blick gekommenen Kontroverse um die Exzeptionalität der Schoah erwähnt wird. Hauptgegenstand von „Das KZ-Universum“ ist – und dies scheint gegenwärtig zu manchen Menschen nur schwer durchdringen zu können – eben nicht der Genozid an den Juden. In einem späteren Buch (1947) hat Rousset sich hinreichend deutlich zum kategorialen Unterschied zwischen dem Leid der Juden und dem der anderen Häftlinge bekannt. Der Zusammenhang zwischen Schoah und dem Schicksal der unzähligen Nichtjuden, die in den KZs ebenfalls eine existentielle Katastrophe erfuhren, bleibt beim Nichtjuden Rousset aber mehr als offensichtlich – wie auch der zwischen den KZs und dem restlichen nationalsozialistischen System. So erweist sich die in der aktuellen Debatte häufig betriebene Gleichsetzung von Postulierung der Exzeptionalität der Schoah und Dissoziation derselben von sonstigen menschengemachten Katastrophen einmal mehr als unbegründet.

Wenn Rousset mit seiner eigenen Hafterfahrung, seinem fortdauernden Engagement für die Kultur der Erinnerung an die Lager und noch dazu trotz seiner marxistischen Prägung zu dem Schluss kommt, dass die Gräueltaten, die in der Schoah verübt wurden, eine andere Qualität haben als die in deren unmittelbarer Nachbarschaft – sollte man dann nicht ernsthaft in Betracht ziehen, dass dieser Unterschied eben tatsächlich besteht?

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