Besucherin in den Überresten des Lagers auf der Adria-Insel Goli Otok.
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Besucherin in den Überresten des Lagers auf der Adria-Insel Goli Otok.

Roman

Eine Entscheidung

  • vonMartin Oehlen
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„Was Nina wusste“: David Grossman widmet der tragischen Geschichte von Eva Panic-Nahir und ihrer Tochter einen großen Roman.

Was für eine Situation! Vera muss sich innerhalb von Sekunden entscheiden. Ein Ja oder Nein, das mehr als ein Leben bestimmen wird. Gerade hat sie erfahren, dass sich ihr Ehemann Milos im Gefängnis umgebracht hat, da soll sie dem jugoslawischen Geheimdienst erklären, dass Milos ein Verräter gewesen sei. Ein Stalinist, der insgeheim gegen Tito gekämpft habe. Entweder könne sie jetzt gleich durch die eine Türe zurück in die Freiheit und zurück zu ihrer sechsjährigen Tochter Nina gehen, hört Vera den Colonel sagen, oder durch die andere zur Zwangsarbeit ins Straflager.

Vera entscheidet sich für die Wahrheit: Nein, ihr Milos sei kein Volksfeind gewesen. Das war’s. Gesagt ist gesagt. So verbringt sie die nächsten Jahre auf der berüchtigten Gefängnisinsel Goli Otok. Nina wächst erst einmal ohne Mutter auf. Viele Jahrzehnte später, da hat Vera schon ein hohes Alter erreicht, steht sie unerbittlich zu dieser Entscheidung: Die Ehre ihres toten Mannes war ihr wichtiger als die Fürsorge für ihre Tochter.

Der israelische Schriftsteller David Grossman, 1954 geboren, erzählt in „Was Nina wusste“ ein schier unglaubliches Drama, wie es das Leben aber schreibt. Der Roman basiert auf der zutiefst bewegenden Biografie von Eva Panic-Nahir (1918-2015) und ihrer Tochter Tiana Wages. Als 17-Jährige hatte sich Eva, die aus einer gebildeten und begüterten jüdischen Familie stammte, in einen fünf Jahre älteren Serben aus ärmlichen Verhältnissen verliebt. Sie verlor ihre Eltern im KZ Auschwitz. Kämpfte mit ihrem Mann für das kommunistische Ideal. Wurde auf Goli Otok aufs Schlimmste gedemütigt und gepeinigt. Zog nach dem Krieg in einen Kibbuz nach Israel. Dort heiratete sie einen Witwer. Er hat nichts dagegen, dass sie eine Fotografie ihres verstorbenen Ehemannes im Schlafzimmer aufhängen möchte. Er erklärt, er wolle seinerseits ein Porträt seiner ersten Ehefrau daneben platzieren. Liebe über den Tod hinaus.

Eine vorzügliche Möglichkeit, diese unbeugsame, hellwache, drahtige, kleine Frau kennenzulernen, bietet der Dokumentarfilm „Eva“ von Macabit Abramson und Avner Faingulernt aus dem Jahre 2003. Auf YouTube ist er schnell gefunden. Darin ist zu sehen, wie die alte Dame – stets perfekt geschminkt und gekleidet – gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin von Israel aus auf die Gefängnisinsel im heutigen Kroatien fährt. Eine Mutprobe.

Zum ersten Mal scheinen Mutter und Tochter den Riss in ihrem Leben zu besprechen. Eva beharrt. Sie hätte sich damals nicht anders entscheiden können. Sie habe ihren Mann einfach mehr geliebt als ihre Tochter. Man staunt über beide – über die alerte Seniorin, die nicht anders kann, und über die tapfere Tochter, die den psychologischen Tiefschlag wegsteckt.

Der jugoslawische Autor Danilo Kis (1935-1989) war vermutlich der erste Schriftsteller, der auf diese das 20. Jahrhundert in seinen bösesten Momenten zwischen Weltkrieg und Totalitarismus spiegelnde Geschichte aufmerksam geworden ist. Doch schon früh stand auch David Grossman in Kontakt mit Eva Panic. Er hat dann daraus einen großen Roman gemacht, in dem die Enkelin von der Reise der drei Frauen erzählt.

Grossman modifiziert dafür den Plot, fokussiert Persönlichkeiten und Problematik. So ist die Tochter in seiner Schilderung verlorener, bitterer, stärker versehrt als sie es der Dokumentation zufolge zu sein scheint. Auch wird Ninas drohende Demenz zum Anstoß für die Rückkehr auf die Insel. Grossman spitzt den Aufenthalt dort, wo „Titos Gulag“ war, mit einer Übernachtung zu, bei der sich diese sehr spezielle Reisegruppe unter einer Decke wärmen muss. Die Übersetzung aus dem Hebräischen stammt von Anne Birkenhauer. Der Protagonistin Vera hat sie einen schönen Akzent gegeben.

Was ist richtiges Verhalten, was ist falsches? Man versteht die reale Eva und die fiktive Vera und man versteht sie nicht. David Grossman selbst fällt kein Urteil über die Frau, die sich für ihren toten Mann und gegen ihre Tochter entschieden hat. Sehr sympathisch sind sie uns am Ende alle. Dass die beiden Frauen wieder zueinander gefunden haben, ist ein großes Glück – im Roman wie im wirklichen Leben.

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