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David Graeber, David Wengrow „Anfänge“: Menschen haben immer die Wahl

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Von: Arno Widmann

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Der Jesuit Jean de Brebeuf missioniert bei den Wendat, die nicht bereit sind, „ihren Willen welcher Macht auch immer zu unterwerfen“.
Der Jesuit Jean de Brebeuf missioniert bei den Wendat, die nicht bereit sind, „ihren Willen welcher Macht auch immer zu unterwerfen“. © picture-alliance / United Archiv

David Graebers und David Wengrows „Anfänge“ sind eine Revolution der Geschichtsschreibung

Es war alles ganz anders. So erklären uns die beiden Autoren des 667 Seiten dicken Buches „Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit“. David Graeber lehrte Anthropologie an der London School of Economics, war einer der Wortführer der Occupy-Wall- Street-Bewegung und seit seinem vor zehn Jahren erschienenen Weltbestseller „Schulden – Die ersten 5000 Jahre“ wohl der berühmteste bekennende Anarchist der Welt. Im vergangenen September starb Graeber im Alter von 59 Jahren in Venedig. David Wengrow, geboren 1972, ist Professor für vergleichende Archäologie am University College London.

Der Untertitel klingt ein wenig abschreckend. Die Autoren erzählen aber nicht die Geschichte der Menschheit noch einmal. Sie konzentrieren sich auf die Fragen nach den Ursprüngen von Freiheit, Gleichheit und Demokratie. Uns wurde in unseren Bildungseinrichtungen beigebracht, es handele sich dabei um westliche Werte. Noch heute findet man das immer wieder in fast allen Zeitungen. Selbstverständlich sagen dergleichen auch Autokraten überall auf der Welt, die zum Beispiel gerne auf die so ganz anders gearteten „asiatischen Werte“ verweisen.

„Anfänge“ zeigt uns, wie es zu diesen Vorstellungen kam und konfrontiert sie mit neuen ethnographischen und archäologischen Befunden. Das geschieht mit einer bezwingenden Gründlichkeit. Sie treibt Leser und Leserinnen durch Bibliotheken alter ethnographischer Berichte, durch die großen Völkererzählungen und durch Tonnen des von Hunderten von Archäologen beiseite geräumten Schutts. Sie erinnern sich noch an die Echternacher Springprozession, die uns die Handbücher zur Geschichte der Demokratie boten: Athenische Demokratie, Alexander der Große, römische Republik, Kaiserreich, Stadtluft macht frei, absolute Monarchie, Gottesgnadentum, französische Revolution, Kaiserreich? Dabei steht doch angeblich Europa für Demokratie.

Die Wahrheit aber ist, wie Graeber und Wengrow schreiben: „Erfunden wurde das Wort ‚Demokratie‘ wohl in Europa – und das auch nur um ein Haar, denn Griechenland war in der fraglichen Zeit Afrika und dem Nahen Osten kulturell viel näher als sagen wir zum Beispiel England –, doch es ist nahezu ausgeschlossen, vor dem 19. Jahrhundert auch nur einen einzigen Autor aufzuspüren, der nicht die Ansicht vertreten hätte, dass die Demokratie nichts anderes als eine schreckliche Regierungsform sei.“

Als die europäischen Eroberer zum Beispiel die Bevölkerung Amerikas kennenlernten, waren sich beide Parteien einig darüber, dass die „Indianer“ in freieren Gesellschaften lebten als die Europäer. Über die „Wendat“ eine Irokesen-Vereinigung im Norden Nordamerikas, schrieb 1644 Jerome Lalemant (1593–1673): „Ich glaube, dass es auf der Welt keine freieren Menschen gibt als sie, weniger bereit, ihren Willen welcher Macht auch immer zu unterwerfen – so sehr, dass Väter hier keine Gewalt über ihre Kinder haben oder Hauptleute über ihre Untergebenen oder die Gesetze des Landes über einen jeden von ihnen, außer, wenn es dem Einzelnen gefällt, sie zu befolgen. Es gibt keine Strafe, die dem Schuldigen auferlegt wird, und keinen Verbrecher, der sich nicht gewiss ist, dass sein Leben und sein Besitz nicht in Gefahr sind.“ So naiv, derartige Einschätzungen wörtlich zu nehmen, sind die beiden Autoren keine Sekunde. Aber die zentrale Botschaft ihrer Untersuchungen bleibt doch: Der Wert der Freiheit des Einzelnen dämmerte den Europäern erst, als sie auf Gesellschaften stießen, in denen es unvorstellbar war, dass sich Menschen anderen oder gar einem einzigen anderen Menschen so unterwerfen könnten, wie die Untertanen der europäischen Souveräne das taten.

Freiheit war kein europäischer Exportartikel. Sie kam als Schmuggelware nach Europa. Ein Geschenk der Kolonisierten an ihre Kolonialherren. Die wehrten sich zunächst mit Händen und Füßen, mit Gewehren und Kanonen dagegen, schließlich galt lange ja gerade die Freiheit, in der die „Wilden“ lebten, als Haupthindernis für ihre Bekehrung zum Christentum. Wer die Unterwerfung unter den Willen von Menschen nicht trainiert hatte, der sah wenig Veranlassung dazu, sich unter das Joch eines vorgeblichen Gottes zu beugen. Dann aber, als die Kolonialherren den Wert der Freiheit zu schätzen lernten, wehrten sie sich ebenso energisch dagegen, sie den Kolonisierten zukommen zu lassen.

Das Buch:

David Graeber, David Wengrow: Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit. Dt. v. Dedekind/Dierlamm/ Thomsen. Klett-Cotta 2022. 667 S., 28 Euro.

Was hat das mit den „Anfängen“ von z.B. Staatlichkeit und Privateigentum zu tun? Im 16., 17., 18. Jahrhundert sind wir natürlich weit davon entfernt. Hier bewegen wir uns im Laboratorium, in dem nicht nur die Moderne, sondern auch deren Vorurteile entstanden.

Graeber und Wengrow lehren uns zu erkennen, dass die Begriffe, mit denen wir uns die Welt erklären, niemals „clare et distincte“ sind. Sie sind immer durchmischt, sind selbst Ergebnis einer bestimmten Konstellation. In welcher Demokratie zum Beispiel gehören Frauen zum Volk? Das Wort Demokratie allein sagt nichts aus über die Realität.

Alles war ganz anders, das gilt auch von der Geschichte der Sesshaftigkeit. Die von Gordon Childe so genannte neolithische Revolution, die Ackerbau, Viehzucht, Stadt, Staat und Götter hervorgebracht haben soll, hat es so nie gegeben. So wie wir die Überlebenden einer Vielzahl von Menschenarten sind, so ist auch unsere Welt hervorgegangen aus sehr vielen unterschiedlichen Welten und Weltentwürfen. Monumentale Tempelanlagen sind nicht Produkte einer durch Getreideanbau permanent sesshaft gewordenen Bevölkerung. Jäger und Sammler schufen schon Jahrtausende vor Ackerbau und Viehzucht riesige steinerne Sammelplätze. Es ist außerdem wohl ganz falsch, Sesshaftigkeit und Nomadismus einander ausschließend gegenüberzustellen. Es gab Populationen, die beides verbanden. Arbeitsteilig oder saisonal. Und es gab immer wieder Gesellschaften, die im Laufe ihrer Geschichte hin und her switchten.

Das ist der Kern, der von David Graeber und David Wengrow gelehrten Revolution unseres Blickes auf die Weltgeschichte: Die Menschen haben immer die Wahl. Sie hatten sie auch schon immer. Soziologie, Anthropologie, Geschichtsschreibung sind Wissenschaften. Sie zeigen die Verhältnisse, innerhalb derer die Menschen die Wahl haben. Je genauer ihre Forschungsergebnisse den Wissenschaftlern erscheinen, desto enger kommen ihnen deren Freiräume vor. Die Unterschätzung der individuellen Freiheitsmöglichkeiten ist die déformation professionelle des Sozialwissenschaftlers. Das ist die Crux des wissenschaftlichen Sozialismus, der zugleich revolutionär sein will.

Graeber und Wengrow wollen deutlich machen, dass in der Weltgeschichte sich nicht blinde Gesetzmäßigkeiten vollziehen, kein Fortschritt, aber auch kein Zerfall, einfach seinen Weg geht. Sie ist das Produkt von Entscheidungen – großer und kleiner.

Die Samurai entschieden sich gegen die Verwendung von Feuerwaffen, die Techniken der Keramik wurden für die Herstellung von Kunst und Kinderspielzeug verwendet und erst viel, viel später zur Aufbewahrung von Lebensmitteln oder zur Herstellung von Kochtöpfen. Bergbau wurde zuerst betrieben, um Farbpigmente zu gewinnen. Mesoamerikanische Gesellschaften kannten das Rad. Sie machten Spielzeug damit. Aber niemals wurde es als Transportmittel verwendet. Wie dumm, sagen wir. Aber wie alt ist der Kofferroller? Die Griechen der Antike kannten bereits die Dampfmaschine. Aber sie verzichteten auf die industrielle Revolution und nutzten sie nur, um Tempeltore geheimnisvoll öffnen und schließen zu können oder für andere theatralische Effekte.

Die Menschheit, das ist die Botschaft von „Anfänge“, probierte stets allerhand aus: Werkzeuge, Geräte, Techniken, Technologien, Formen der Arbeitsteilung, Geschlechterverhältnisse, Herrschaftsstrukturen. Sie taten das mal in Absprache mal einander bekriegend. Gesellschaften bestehen immer aus Parallelgesellschaften, in denen unterschiedliche Regeln gelten. Sie wirken aufeinander. Im Guten wie im Schlechten. Das Schlechteste aber wäre die Herrschaft der Monokultur. Nur der Tod ist nichts als identisch mit sich.

Wir begreifen „Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit“ handelt nicht nur von der Vergangenheit. Sie klärt uns auch nicht nur auf über unsere Gegenwart. Sie zeigt uns vor allem, was wir brauchen, wenn wir auch noch eine Zukunft haben wollen.

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