„Ich brauche wahrscheinlich eine gewisse Form von Geheimhaltung“, sagt Zsuzsa Bánk.
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„Ich brauche wahrscheinlich eine gewisse Form von Geheimhaltung“, sagt Zsuzsa Bánk.

Interview

„Das Schreiben siegt, immer“: Literatur in Corona-Zeiten

Von der Buchmesse 2020 ist wenig übrig, zu lesen gibt es dennoch genug. Unsere Literaturtipps mit Büchern aus dem Gastland Kanada, mehr Neuerscheinungen des Herbstes – und ein Gespräch mit Zsuzsa Bánk über ein Leben als Schriftstellerin in Corona-Zeiten.

Disziplin, Einsamkeit, eine Note von Magie: Zsuzsa Bánk über ein Leben als Schriftstellerin, ihre Methode des Schreibens, eingeschränkte Einkünfte durch ausfallende Lesungen und ihr neues Buch „Sterben im Sommer“.

Frau Bánk, wie reagieren Leute, wenn Sie sagen, dass Sie Schriftstellerin sind?

Das ist zweigeteilt, würde ich sagen. Es gibt da ein Oh und Ah, ein bewunderndes Raunen, das durch die Gruppe geht. Aber ich glaube, man wird auch nicht so richtig ernstgenommen. In vielen ist der Eindruck verankert, dass das kein richtiger Beruf ist. Dass wir nachts mal eine halbe Stunde schreiben, wenn wir bei Laune sind, und dass wir vorher drei Gläser Wein getrunken haben. Die wenigsten können sich vorstellen, dass das ein sehr diszipliniertes Arbeiten ist, dass man sich über Jahre in einen Konzentrationstunnel begibt, dass man hart und streng mit sich sein muss.

Fällt es einem überhaupt leicht zu sagen: Ich bin Schriftstellerin?

Nein, überhaupt nicht. Die Frage nach meiner Arbeit hat mich viele Jahre in Verlegenheit gebracht. Es kam mir hoffärtig, verrückt, anmaßend vor, es so zu nennen. Aber seit ein paar Jahren sage ich das. Seit ein paar Jahren denke ich: Ja, ich bin das, das ist es, was ich mache.

Was haben Sie vorher gesagt?

Autorin, aber das trifft es nicht, obwohl wir gerne so genannt werden. Ein Autor macht etwas anderes. Er denkt sich keine Dinge aus ...

„Ich bin dankbar für jede Lesung, die stattfindet. Ganz ohne Resonanz wäre es wie eine Art Totgeburt.“

Zsuzsa Bánk, Schriftstellerin

Jedenfalls: hoffentlich nicht.

Er sucht sich ein Thema, das schon da ist, er recherchiert und schreibt darüber. Schriftsteller sind in erster Linie Erfinder. Darum muss dann dieses Wort auch benutzt werden. Es ist korrekt.

Sie fahren in Kürze nach Berlin. In der Buchmessenwoche. Was bedeutet es für Sie, zur Messezeit mit einem neuen Buch dazustehen, und in Frankfurt ist nichts wie sonst?

Ich weiß noch gar nicht, ob es überhaupt stattfinden kann, wir sind ja jetzt Risikogebiet. Es ist deprimierend und auch bizarr, dass ich als Frankfurter Schriftstellerin, die jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse geht, in einen Zug steigen werde, um mich in Berlin aufs Blaue Sofa zu setzen. Ich verstehe auch nicht genau, warum das so sein muss. Wahrscheinlich war es organisatorisch leichter, weil ja alle in Berlin leben. Außer mir. Das sind alles Schreckensmeldungen, auch jetzt die Schließung des Hessischen Hofs, der für mich so verbunden ist mit der Buchmesse. Das hat mich fast wie eine Todesnachricht getroffen.

Letztlich geht es für Sie darum, nicht nur ein Buch fertig zu haben, sondern auch persönlich damit nach draußen zu treten. Ist das etwas Ambivalentes?

Aber ja. Ich habe jahrelang still am Schreibtisch gesessen, ohne Rücksprache mit der Außenwelt. In dieser Zeit liest niemand einen Satz von dem, was ich schreibe. Dann hinauszugehen, das Geschriebene andere einsehen, begutachten zu lassen, das ist ein völliger Kontrapunkt, eine andere Welt. Auch ein Graben, über den man springen muss. Umgekehrt ist es aber unvorstellbar für mich, nicht auf Lesereise zu gehen. Ich bin dankbar für jede Lesung, die stattfindet. Ganz ohne Resonanz wäre es wie eine Art Totgeburt.

Wie verläuft der Schreibprozess selbst, also formal gesehen? Sie setzen sich morgens im Homeoffice an den Schreibtisch...

Genau. Sobald meine Kinder morgens aus dem Haus sind, setze ich mich an den Schreibtisch und arbeite dann so lange, wie es geht, in den frühen Nachmittag hinein. Vielleicht noch mal am Abend ein, zwei Stunden, aber da erfinde ich nichts, da feile ich an sprachlichen Dingen. Wenn ich an einem Projekt sitze, nutze ich jede freie Minute, um zu schreiben.

Und schreiben Sie dann erstmal drauf los und schauen, was dabei rauskommt? Eine beliebte Methode.

Für mich ist das nichts. Ich schreibe sehr ökonomisch. Manchmal erzählt mir jemand: Ich habe gerade zweihundert Seiten gestrichen. Eine absolute Horrorvorstellung. Ich überlege sehr lang und sehr genau, und ich schreibe nicht schnell. Mein Vorhaben ist es, auf eine Seite am Tag zu kommen. Das schaffe ich. Mal besser, mal weniger gut, jedenfalls so, dass ich die Seite dann nicht mehr streiche, nur viele Male überarbeite.

„Ich wache nachts auf und habe eine Szene, einen Satz.“

Zsuzsa Bánk

Die Vorüberlegungen werden dann aber wirklich lange dauern.

So lange auch wieder nicht. Es gibt kein großes theoretisches Konstrukt. Es gibt eine kleine Idee, ein vages Bild, einen ersten Satz womöglich, und dann erarbeite ich mir den Stoff Tag für Tag am Schreibtisch. Und natürlich liege ich abends auf dem Sofa und denke darüber nach. Ich bin sicher, dass ich von dem Stoff träume. Ich wache nachts auf und habe eine Szene, einen Satz.

Und während Sie schreiben, liest niemand mit? Ernsthaft? Auch kein Verwandter?

Nein, auf keinen Fall.

Ich will das auch nicht, aber ich schreibe schließlich kein Buch. Da brauchen Sie dann einen langen Atem.

In der Tat.

Auch der Lektor bekommt nichts zu sehen?

Nein, oder höchstens zufällig, wegen eines Exposés oder einer Bewerbung für ein Stipendium. Ich könnte meinem Lektor nichts abgeben, was auf halber Strecke steckt. Ich würde mich schämen. Und warum sollte ich ihm den Entwurf Nr. 2 geben, wenn ich erst beim Entwurf Nr. 52 fertig bin.

Vielleicht um eine kleine Rückmeldung zu bekommen, bevor Sie 300 Seiten geschrieben haben?

Natürlich machen das viele so, ja. Oft begleitet der Lektor die Arbeit. Das ist mir völlig fremd. Es ist eine schreckliche Vorstellung, dass er zu mir sagen würde: Versuch doch jetzt mal, in diese oder jene Richtung zu gehen. Aber es gibt Schriftsteller, die sich genau das wünschen. Zwei völlig unterschiedliche Arbeitsmethoden.

Aber Sie gehen ein großes Risiko ein. Wenn Sie scheitern würden, dann auf ganzer Linie.

Ja.

Ist das ein Fall von magischem Denken?

Zur Person

Zsuzsa Bánk, 1965 in Frankfurt geboren, hat in Mainz und Washington Publizistik, Politik und Literatur studiert und ist seit 2000 in Frankfurt als Schriftstellerin tätig. 2002 erschien ihr mehrfach ausgezeichneter Debütroman „Der Schwimmer“ (u.a. der aspekte-Literaturpreis und der Jürgen-Ponto-Preis). Es folgten unter anderem die Romane „Die hellen Tage“ (2011) und „Schlafen werden wir später“ (2017). Kürzlich hat das Frankfurter Schauspiel in der Reihe „Stimmen einer Stadt“ ihr erstes Theaterstück uraufgeführt: „Alles ist groß“.

Ihr neues Buch soll Zsuzsa Bánk am Mittwoch, 20.30 Uhr, bei der „Literatur im Römer“ und am Freitag, 18 Uhr, in der Katharinenkirche vorstellen. Digital ist sie u. a. auf dem Blauen Sofa zu erleben.

Zsuzsa Bánk: Sterben im Sommer. S. Fischer. 240 S., 22 Euro.

Ich brauche wahrscheinlich eine gewisse Form von Geheimhaltung. Vielleicht habe ich das Gefühl, es bringt Unglück, es darf nicht von außen angegriffen, verletzt werden, es gehört noch mir in dieser Kapsel, in diesem Zeitraum. Eine Sache, die nur zwischen mir und dem Text besteht, kein anderer hat Zutritt. Ja, das könnte eine Note von Magie haben.

Macht es dann trotzdem Spaß, mit dem Lektor im Detail zu arbeiten?

Das ist toll. Mein Lektor ist der perfekte Leser, er ist so ernsthaft und intensiv bei der Sache und sieht so viele Dinge. Und er beherrscht die Kunst, sich ganz in den Dienst des Textes zu stellen. Jeder Lektor sollte das so machen, aber das ist nicht der Fall.

Ihr neues Buch, das vom Sterben Ihres Vaters und der Zeit danach erzählt, ist kein Roman. Wie kam es dazu, just in diesem Bücherherbst der autobiografisch grundierten Texte?

Ist das derzeit so?

„Ich habe immer weg von mir geschrieben, weg von mir erfunden, und hier zum ersten Mal gewähre ich Einblick in meine Empfindungswelt, mein Innenleben, wie immer Sie das nennen wollen.“

Zsuzsa Bánk

Jedenfalls finden diese Bücher starke Beachtung. Man kann damit spielen. Deniz Ohdes „Streulicht“ wird automatisch sehr autobiografisch verstanden, es bleibt einem beim Lesen gar nichts anderes übrig. Aber sie kann sagen: Nein, wieso, ich bin das nicht. Darauf verzichten Sie diesmal komplett. Wie kam das?

Einen Roman habe ich sofort ausgeschlossen. Ich wollte einfach einen Bericht über das Sterben und das erste Jahr danach schreiben. Was macht es mit uns Hinterbleibenden, was macht es mit mir, was macht es mit dem Sterbenden. Wie kann ich dieses Sterben erzählen, wie kann ich eine Sprache dafür finden. Damit bin ich gestartet. Das ist für mich kein Romanstoff, was hätte ich noch dazu erfinden sollen? Es ist eine Mischung aus Trauertagebuch, Dokumentation, manchmal ein bisschen Reportage, manchmal ein bisschen Essay.

Wobei man auch Roman hätte draufschreiben können.

Ja, viele denken tatsächlich, es sei ein Roman. Aber es ist eben, hoppla, das erste Mal, dass ich etwas über mich geschrieben habe. Es heißt oft, ich würde immer über mich schreiben, auch in den Romanen, was aber nicht stimmt. Ja, ich lebe in Frankfurt, ja, ich habe Kinder, ja, ich schreibe, trotzdem bin ich nicht Márta ...

... in „Schlafen werden wir später“, die dazu noch einen ungarischen Namen trägt.

... und mein Mann ist nicht Simon. Ich fühle mich viel eher als Johanna, aber darauf kommt niemand.

Eine alleinlebende Lehrerin im Schwarzwald. Das ist listig.

Ich habe immer weg von mir geschrieben, weg von mir erfunden, und hier zum ersten Mal gewähre ich Einblick in meine Empfindungswelt, mein Innenleben, wie immer Sie das nennen wollen. Ich habe lange überlegt, ob ich das überhaupt will und kann. Da gab es am Anfang große Zweifel.

Die sich wodurch aufgelöst haben?

Das Schreiben ist stärker, das Schreiben siegt, immer.

„Sterben im Sommer“ ist ein unerwartet diskretes Buch, weil man an sich den Eindruck hat, es sei mit offenem Visier geschrieben und man erführe alles. Erst nach und nach begreift man, wie viel Sie aussparen.

Ich wollte nicht, dass es verräterisch ist. Niemand muss im Detail wissen, was die Krankheit meinem Vater angetan hat. Das, was da steht, reicht, alles andere ist nicht relevant. Das gilt auch für das, was mit mir, mit den Trauernden zu Hause vorging. Auch da beschreibe ich nicht alles bis ins Einzelne. Jede Geschichte ist anders, jede Krankheit ist anders, jeder Verlauf, jedes Ende. Ich wollte mich auf die Dinge konzentrieren, von denen ich dachte, sie haben universellen Wert, einen allgemeinen Rang. Das, was jeder, der schon einmal diese Essenz des Schmerzes gespürt hat, egal in welcher Form, für sich nachvollziehen kann. Dafür muss man nicht mehr sagen als das, was ich sage.

Zumal Sie mit umso stärker wirkenden Details arbeiten: Wenn Sie die Erblindung Ihres Vaters streifen, oder die Enkelkinder, die weinen und anschließend spielen gehen. War es sonderbar, das Erlebte damit doch auch in eine hohe Kunst des Erzählens zu überführen?

Ich habe mir, so merkwürdig das klingt, eine Art Wunsch erfüllt. Ich habe starke autobiografische Texte immer sehr bewundert und gemocht. Joan Didions „Das Jahr magischen Denkens“, die beiden Connie-Palmen-Bücher, „I.M.“ und „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“. Oder Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“. Das sind Bücher, deren Wucht man sich nicht entziehen kann. Es hat mich immer fasziniert, dass sich eine Sprache, eine Poesie für das Selbsterlebte finden lässt. Und jetzt habe ich mich auch an einen solchen Stoff herangewagt.

Durchs Buch wehen ungarische Wörter. Was bedeutet Ihnen die ungarische Sprache? Sie sprechen fließend Ungarisch?

Oh nein. Ungarisch ist eine brutal komplizierte Sprache, für mich ist es jedes Mal eine intellektuelle Herausforderung. Ich habe viel Vokabular, ich verstehe auch sehr viel, aber sobald die Reihe an mich kommt, wird es sehr schwer. Einen Satz fehlerfrei zu bauen, ist mir fast nicht möglich.

Stichwort eigenes Erleben. Wird die Corona-Erfahrung die Literatur verändern, wird es künftig in jedem Gegenwartsroman so sein, dass er entweder vorher spielt – unter Unwissenden – oder die Pandemie miteinbezieht?

Das weiß ich nicht, da bin ich mir nicht so sicher. Mir wird gerne vorgeworfen, dass ich die Gegenwart ausblende, es gehe nicht um Politik, das sei so aus der Welt gefallen. Aber ich vermeide ja bewusst solche Referenzen zu Aktualitäten.

Es heißt, für Schriftstellerinnen und Schriftsteller sei Corona kein großer Eingriff, weil sie ohnehin für sich allein arbeiten. Was sagen Sie dazu?

Was das Schreiben betrifft, hat sich nichts verändert. Aber dass so viele Veranstaltungen ausfallen müssen, betrifft uns sehr. Ungefähr ein halbes Jahr lang nach Erscheinen eines neuen Buchs war ich bisher immer mit Lesungen beschäftigt. Das war auch ein wirtschaftlicher Puffer für mich, von dem ich eine Weile gut leben und schreiben konnte. Das ist jetzt schwierig. Und wie und ob sich die Branche, der es schon vorher nicht gut ging, davon erholen wird, darauf schaue ich mit Sorge und nicht mit großer Zuversicht.

Gibt es schon das nächste Projekt? Oder darf nach einem Buch erstmal Schluss sein?

In Gedanken habe ich ein nächstes Projekt. Schon während ich an einem Buch sitze, gibt es Ideen für ein weiteres. Alles andere würde mich beunruhigen.

Was raten Sie ganz jungen Leute, die den Beruf ergreifen wollen? Was muss unbedingt da sein?

Ich rate ihnen, die romantischen Vorstellungen sofort aufzugeben. Bereit zu sein, Einsamkeit, innere Kämpfe, Durststrecken auszuhalten. Nicht nach 30 Seiten aufzuhören. Zu wissen, es erfordert Disziplin, und es kann Jahre dauern. Das Projekt trotzdem niemals aus den Augen zu verlieren. Das ist nicht leicht. Ich kenne niemanden, der ohne Selbstzweifel durch das Schreiben geht. Alle haben diese Momente, in denen sie denken: Das ist alles völlig wertlos. Und irgendwann denkt man dann wieder: ach, vielleicht doch nicht.

Interview: Judith von Sternburg

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