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„Denk an den Kater.“

Haruki Murakami in neuer Übersetzung

Das Pferd wechseln

  • vonMartin Oehlen
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Als wär’s ein neuer Murakami: „Die Chroniken des Aufziehvogels“ in der taufrischen Übersetzung von Ursula Gräfe.

Ein neuer Murakami! Das möchte man ausrufen nach der Lektüre von „Die Chroniken des Aufziehvogels“. Allerdings weist der Titel darauf hin, dass der Roman so ganz neu nicht sein kann. Als „Mister Aufziehvogel“ ist er bereits 1998 erstmals auf Deutsch erschienen. Nur gab es damals einen Haken: Das renommierte Übersetzerpaar Giovanni und Ditte Bandini hatte das monumentale, in Japan 1994 und 1995 in drei Teilen veröffentlichte Werk aus dem Englischen übertragen.

Grundlage war die amerikanische Übersetzung „The Wind-Up Bird Chronicle“ (1997) von Jay Rubin, der an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) Japanische Literatur lehrte. Ein doppeltes Handicap für die Bandinis. Denn zum einen verändert sich jeder Text, sobald er in eine andere Sprache übergeht. Zum anderen hatte sich Rubin deutliche Kürzungen erlaubt, womöglich um dem amerikanischen Lesegeschmack besser zu entsprechen.

Nun kommt dieser starke Stoff direkt aus der japanischen Quelle zu uns. Ursula Gräfe, seit langem schon die oberste Instanz für alle deutschen Murakami-Übersetzungen, hat den kompletten Ursprungstext aufbereitet. Dadurch ist das Panorama des „Aufziehvogels“ noch imposanter und abwechslungsreicher als zuvor. Der Roman hat jetzt in jeder Hinsicht viel mehr Seiten. Denn es fehlten in der amerikanischen Ausgabe, die der Bandini-Version zugrunde lag, nicht nur manche Details und Szenen, sondern auch mal ein halbes und mal ein ganzes Kapitel. Selbst der Verlauf der Geschichte aus dem Japan der 1980er Jahre entsprach nicht dem Original, weil die Kapitel-Folge im zweiten und dritten Teil verändert wurde.

I m Zentrum steht Toru Okada, einer dieser einsiedlerischen, suchenden, verloren wirkenden Murakami-Helden. Er ist 30 Jahre alt, 172 Zentimeter groß und 63 Kilo schwer. Einmal versucht er in einer Bar über etwas nachzudenken, aber dann weiß er nicht, worüber.

Toru hat das erste juristische Staatsexamen abgelegt, hegt allerdings keine Hoffnung, das zweite zu bestehen. Ohne besonderen Grund kündigt er seinen Job in einem Anwaltsbüro, obgleich er keinen neuen in Aussicht hat. Doch Toru ist kein Simpel. Er will nur seinen eigenen Weg gehen. Ohne permanente Rücksichtnahme auf die gesellschaftliche Konvention. Unter Schmerzen begreift er, wie wenig man vom Nächsten weiß, etwa von der Ehefrau. Ja, man kennt sich ja kaum selbst. Aber immerhin kennt er „sämtliche Namen aus ‚Die Brüder Karamasow‘ auswendig“. Als sich seine Frau von ihm trennt, gerät er in Fahrt. Sein Ziel: Kumiko soll heimkehren. Aber wo hält sie sich auf? Was ist los mit ihr? Gibt es da ein Familienrätsel, das gelöst werden muss?

Zum Buch

Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels. Roman. A. d. Japan. v. Ursula Gräfe. DuMont, 1008 S., 34 Euro.

V iele Motive des Romans sind vertraut, auch aus nachfolgenden Romanen wie „1Q84“ oder zuletzt „Die Ermordung des Commendatore“. Dazu zählen: Das Verschwimmen der Realität, Katzen, Träume, Musik (Bach, Händel, Haydn, Mozart, Rossini, Sinatra), dunkle Orte, das verlassene Haus, der Brunnen ohne Wasser (auf dessen Grund sich gut nachdenken lässt), magische Kräfte, Beziehungskrisen, geheimnisvolle Frauen, überhaupt manch Mysteriöses.

M urakami erzeugt auf seine meisterliche Weise Spannung und Atmosphäre. Die Faszination steigt auf aus einer lakonisch geschilderten Dramatik, einer gleichsam vibrierenden Ruhe. Das gilt auch für die nur scheinbar aus dem Rahmen fallenden Erzählungen des ehemaligen Leutnants Mamiya. Sie handeln auf einer zweiten Zeitebene unaufgeregt von Aufregendem, von so packenden wie brutalen Episoden aus dem chinesisch-japanischen Krieg in der Mandschurei und einem sowjetischen Straflager in Sibirien.

D ie neuen Passagen machen nun den Unterschied. So werden Murakami-Fans ihre Freude an der Erwähnung des Illustrators Toni Takitani haben, dem der Autor Jahre später eine eigene Erzählung widmen wird, wenngleich sich „Tony Takitani“ dann mit einem Y schreibt und Musiker ist. Wie gesagt: Eine Liebhaber-Stelle. Ein klarer Zugewinn ist hingegen, wenn starke Randszenen auftauchen. Sei es der reiche Kranke, dessen Hobby es zu sein scheint, ein ums andere Mal sein Testament zu ändern. Oder sei es Torus Hinweis auf eine Lektüre-Abneigung unter Japans Juristen: „Obwohl niemand es ausdrücklich bestimmt hat, gilt es für jemanden, der in einer Anwaltskanzlei arbeitet, als unschicklich, wenn nicht sogar als Missetat, einen einigermaßen lesbaren Roman in der Hand zu halten. Hätte man ein solches Buch in meiner Tasche oder auf meinem Schreibtisch entdeckt, hätte man mich nicht anders angesehen als einen räudigen Hund.“ So eine Perle möchte man doch nicht missen.

N och erheblicher ist die Auferstehung des Kapitels „Das Pferd wechseln“, worin der Absturz des unheimlichen Herrn Ushikawa zu besichtigen ist. Und gänzlich unverständlich ist, wie der US-Verlag auf solche Kapitel verzichten konnte, in denen Toru mit seinem mächtigen Widersacher chattet oder seine Vision vom leitmotivischen Brunnen zum Besten gibt. M anchmal liegen die Nuancen auch nur im Ton. Die haben zwar kleine, aber wahrnehmbare Konsequenzen für die Charaktere. Wenn Ehefrau Kumiko jetzt am Telefon sagt: „Du, entschuldige, ich muss Schluss machen. Die Arbeit ruft. Also schau bitte nach dem Kater, ja?“, dann klingt dies doch ganz anders als die bisherige Rede: „O je! Ich muss weg. Haufen Arbeit zu erledigen. Denk an den Kater.“ Also, die Kumiko von Ursula Gräfe klingt in unseren Ohren verbindlicher als die bei den Bandinis. Und dies ist nur ein Beispiel.

J a, durch den Text-Corpus ist ein kräftiger Wind gefahren. Gräfe hat dem Werk einen modernen Anklang und klaren Ton verpasst. Was stilistisch zuweilen umständlich wirkte, wird begradigt. Bei den Bandinis: „Trotzdem aber würde ich mich Kumiko zuliebe auf die Suche nach unserem Kater machen müssen.“ Und nun bei Gräfe: „Dennoch machte ich mich Kumiko zuliebe auf die Suche nach unserem Kater.“ Beim Vokabular bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. Das geht gleich los mit der ersten Szene. Bislang war die Ouvertüre aus der „Diebischen Elster“ in einer „UKW-Übertragung“ zu hören, während sie jetzt aus dem „Radio“ kommt. Dann immer so weiter. Aus „rücksichtslos“ wird das zeitgenössische „übergriffig“, der „Reispudding“ kommt als „Eierstich mit Pilzen“ auf den Tisch, der „Schlips“ mutiert zur „Krawatte“, „Mister Aufziehvogel“ wird mit „Herr Aufziehvogel“ angesprochen und „Quiiietsch“ klingt jetzt wie „Knarr und Kreisch“.

U rsula Gräfe bezeichnet ihre Version als eine Art „Director’s Cut“. Eine solche Neujustierung hatte sie schon einmal im Jahre 2013 mit dem viel schmaleren Roman „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ unternommen, der zunächst als „Gefährliche Geliebte“ (2000) im deutschsprachigen Raum bekannt geworden ist. 1992 in Japan erschienen, war er ebenfalls aus dem Englischen ins Deutsche übertragen worden. Der Text basiert auf einer Geschichte, die Haruki Murakami aus dem noch nicht abgeschlossenen Manuskript des „Aufziehvogels“ gestrichen hatte.

J etzt wirken die frisch frisierten „Chroniken des Aufziehvogels“ wie eine Novität des japanischen Literaturstars. Sie zeigt, wie fällig die Neuübersetzung war, die der DuMont Buchverlag veröffentlicht, nachdem dort vor 22 Jahren die Bandini-Übersetzung erschienen war. Eine lobenswerte Initiative also, beglückend umgesetzt von der Übersetzerin. Allemal ist das „Aufziehvogel“-Projekt ein Paradebeispiel dafür, welche Sensibilität das literarische Übersetzen erfordert. Vor allem aber ist es für jene, die sich an diesen umfangreichen Roman noch nicht herangetraut haben, eine herrliche Gelegenheit.

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