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„Es ist nicht das letzte Mal, dass sie wie mythische Wesen betrachtet werden.“ Frauen beim berühmten Protest gegen den geplanten Atomwaffenstützpunkt Greenham Common, hier 1983.
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„Es ist nicht das letzte Mal, dass sie wie mythische Wesen betrachtet werden.“ Frauen beim berühmten Protest gegen den geplanten Atomwaffenstützpunkt Greenham Common, hier 1983.

„Winter“

Das Menschliche kommt immer durch

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Es gibt eine Alternative: Ali Smith’ Roman „Winter“ erzählt eine virtuose und vielschichtige Weihnachtsgeschichte, die hochpolitisch ist und trotzdem nicht vor den Kopf stößt.

Ali Smith, für die Sprache und Denken die lebendigsten Dinge der Welt sind und die über die literarischen Mittel verfügt, das in jeder Zeile ihres Schreibens auch zu demonstrieren, bietet zum Beispiel folgende Szene: Die einzige Ausländerin am Tisch erzählt die Handlung eines wüsten Shakespeare-Stücks nach, dessen Titel ihr gerade entfallen ist. Es ist wirklich eine krude Geschichte, und der Begleiter der jungen Frau, der Sohn des Hauses, geniert sich für sie, weil er davon ausgeht, dass sie sich das gerade ausdenkt. Vielleicht um ein bisschen anzugeben, so stellt er sich das vor.

Seine Mutter und deren Schwester wissen natürlich, dass es um „Cymbeline“ geht, „ein Stück über ein Königreich, das in Chaos, Lügen, Machtgeschacher und Uneinigkeit versinkt, samt etlichen Vergiftungen und Selbstvergiftungen“, sagt seine Mutter. Nun ist es nicht nötig, Brexit-Land noch eigens zu erwähnen in diesem Doppelsalto: Der junge Engländer Arthur – ein großer Name, aber er nennt sich nur Art, nicht dass er von Kunst viel verstehen würde – kennt Shakespeares Stück nicht mehr; Vorgänge, die so unglaublich sind, dass man sie nicht einmal der Literatur abnehmen würde, zeigen in der schlichten Zusammenfassung ihren Realitätsgehalt.

„Winter“ ist ein hochpolitisches Buch, obwohl von Politik wenig die Rede ist. Dass es schon 2017 entstand, merkt man ihm in der Stimmung nicht an, so dass man jetzt erst recht staunen kann über die Lähmung, die in diesen Jahren über der westlichen Welt zu liegen scheint. Übrigens hätte damals niemand geglaubt, dass der Brexit drei Jahre später immer noch hektisch verhandelt werden würde.

Trump ist gerade US-Präsident geworden. In London brennt der Grenfell Tower, und die Feuerkatastrophe ist nicht bloß ein tragischer Unfall. Der junge Art, der das nur am Rande und insgesamt nicht viel mitbekommt, liest von einem Crowdfunding, das mithelfen soll, Rettungsschiffe im Mittelmeer zu behindern. Ja, selbst Art liest den Artikel noch einmal, den Text über „Menschen, die Geld dafür bezahlen, die Sicherheit anderer Menschen zu gefährden“. Es ist nicht so, dass Art daraus Schlüsse ziehen würde, aber es ist auch nicht so, dass er es nicht registriert.

Und welche Schlüsse sollten das sein? Seine Tante Iris fährt regelmäßig nach Griechenland – zum Urlaub, fragt die Schwester, oder vielleicht habe sie ein Haus dort? -, wo sie sich offenbar für gestrandete Menschen einsetzt. Bei diesem Thema wird Iris sehr zynisch. Eine markante Frau.

Ali Smith muss keinen großen Aufwand betreiben, um ihre Figuren zugleich lebendig und charakteristisch zu machen, man ist man selbst und gehört doch zu einer Gruppe: Art zum Beispiel, der in London einen Natur-Blog führt und als „Copyright-Wart“ arbeitet, also im Internet nach möglichen Rechtsverstößen sucht, mit denen das Unternehmen, für das er tätig ist, Geld verdienen könnte. Das ist jetzt nichts Idealistisches – zumal auch der Natur-Blog, wir bekommen einen kleinen Einblick, nicht fasziniert –, aber er kommt über die Runden.

Oder Iris zum Beispiel, die in den achtziger Jahren an den aufsehenerregenden Frauen-Protesten gegen den geplanten Atomwaffenstützpunkt Greenham Common teilnahm. Mit ihrer konservativen Familie – konservativ in Großbritannien meint wirklich konservativ – brach sie zwangsläufig, ihre Schwester Sophia, Arts Mutter, trifft sie im Roman zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder. Iris mag der schrullige Typ sein, aber Sophia, die Geschäftsfrau war und in einem überdimensionierten Haus in Cornwall lebt, ist dünn und hart. Sie sieht außerdem Gespenster.

Buchinfo

Ali Smith: Winter. Roman. A. d. Engl. v. Silvia Morawetz. Luchterhand. 315 S., 22 Euro.

Es ist Weihnachten. Ali Smith’ Figuren sind nicht in Feierstimmung, aber Ali Smith lässt sie nicht entkommen. Erstens schickt sie eine vierte Figur auf die Bühne – „Winter“ ist eine Bühne könnte man sagen: Art gabelt auf dem Weg zu seiner Mutter Lux auf, unterbezahlte Paketpackerin, die Eltern aus Kroatien. Arts Freundin Charlotte hat sich nicht nur von ihm getrennt, sondern heizt ihm auch böse ein. Zum Beispiel hackt sie seinen Blog und postet Unfug, der im Verlauf des Romans, einer scheinbar völlig zwanglosen, aber sehr überlegten Konstruktion, komödiantische Folgen zeitigt. Da Art grundsätzlich den Weg des geringsten Widerstands nimmt, soll Lux sich gegen Bezahlung als Charlotte ausgeben.

Das geht nicht lange gut. Lux will lieber Lux genannt werden, und obwohl sie ihren Spitznamen auf eine echte Schnapsidee ihrer Eltern zurückführt – Velux, genau, die Pflegeproduktserie –, dürfte es sinnvoller sein, an „Licht“ zu denken. Ohne dass es ausgesprochen wird, ist davon auszugehen, dass Lux ein Engel ist, ein Weihnachtsengel.

Denn zweitens hält Ali Smith mit Wundern nicht hinter dem Berg: Sophia, eine nüchterne Frau, die in einer genialen Szene versucht, noch rasch Geld abzuheben, aber an ihrem persönlichen Bankberater scheitert, wird von einem unaufdringlichen Geist besucht – einem wandlungsfähigen Kopf – und hört es in der Weihnachtsnacht immer wieder zwölf Uhr schlagen. Auch Art wird nachher eine komplexe Erscheinung haben, anders als Sophia ist er etwas besorgter. Interessanterweise fürchtet aber auch er bloß, dass der Spuk, in seinem Fall ein Stück Landschaft, auf ihn fallen könnte. Dass es in „Winter“ selbstverständlich auch um Moral und Ethik geht – dafür steht die wütend aus der Ferne mitmischende echte Charlotte –, ist den auftretenden Figuren nicht bewusst.

Unserer Aufmerksamkeit dafür baut Smith hingegen gleich einen Weg, indem sie mit dem Satz „Gott war tot: das gleich vorweg“ beginnt: einer Abwandlung des berühmten „Marley was dead: to begin with“, dem Anfang von Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“, die sogar sehr moralisch ist und über allem liegt: Im Auftritt der Spukerscheinungen, auch im Auflösen der zeitlichen Abfolge, die bei Dickens noch klarer markiert ist, bei Smith kecker ein damit erfahreneres Publikum herausfordert. Ihr Personal ohnehin: „Wo war sie jetzt?“, fragt sich Sophia, als es schon wieder Mitternacht schlägt, „konnte man die Zeit anhalten? Konnte man etwas dagegen tun, dass die Zeit durch einen hindurchging?“

Im Großen wie im Detail zündet Smith ein literarisches Feuerwerk ab. Nie wird sie dabei schematisch, wechselt den Ton, wechselt die Form, wobei die Dialoge vielleicht doch das Perfekteste sind. Und nie wird sie dabei grundsätzlich, sie nicht, ihre Figuren (Iris) selten. Dass aber etwas in unserer Haltung zu den Dingen aus dem Gleis geraten ist, zeigt sich auch so trefflich, wenn auf einem Foto alle Menschen der „Mona Lisa“ im Louvre den Rücken zukehren, um sich mit ihr zu fotografieren. Und wenn die Optikerin Sophia unterstellt, sie habe unrechtmäßig einen kostenlosen Sehtest ergattern wollen, braucht es nichts weiter, um das Unbehagen und Misstrauen zwischen einander praktisch Unbekannten zu beschreiben.

Zu Hause bei Sophia werden sich dann doch Gespräche entwickeln – Lux sei Dank oder um eine geniale Ausgrabung der Übersetzerin Silvia Morawetz zu verwenden: „Gott sei’s getrommelt und gepfiffen“. Denn Lux ist es, die nun alles richtig macht. Nicht nur kommt sie zu Arts größtem Erstaunen mit der zunächst äußerst schroffen Sophia zurecht, sie sorgt auch gleich dafür, dass Art Iris einlädt. Iris bringt Essen mit und keinen Weihnachtsbaum, aber eine Stern-Magnolie im Topf. Für Art macht das trotzdem einen Unterschied. So viel braucht der Mensch nicht, um sich anders, weihnachtlich zu fühlen. „Das Menschliche kommt immer zum Vorschein“, heißt es nachher.

Freilich wird mehr gestritten als gesprochen, beim Lesen ist das lustig, manchmal lachen die Figuren auch, und manchmal ist es opernhaft, wie – „La Bohème“, Drittes Bild – hinten herumgeschimpft und vorne vielleicht kurz über die Liebe gesprochen wird.

Art wäre schon interessiert, Lux weniger. Eben hat Iris erzählt, dass sie lesbisch ist. „Ich bin selbst lesbisch, sagt Lux. – Im Innersten, meint sie, sagt Art. – Ja, da auch, sagt Lux“, von der man lernen kann, wie sich praktisch alles sagen lässt, ohne das Gegenüber vor den Kopf zu stoßen. Eine Begegnung zwischen ihr und Charlotte hätte man gerne gelesen – denn längst sind das Menschen aus Fleisch und Blut geworden, auch wenn es sich um Engel und Romanpersonal handelt –, Charlotte, die wütend und traurig ist angesichts von „40 Jahren politischem Egoismus“. Art denkt sich: „Als könnte man über die Folgen von vierzig Jahren Politik sprechen, wenn man selbst, als Charlotte, erst neunundzwanzig gelebt hat. Damit machte man sich unglaubwürdig.“ Ein Irrtum natürlich.

Auch die Schottin Ali Smith, 1962 in Inverness geboren, handhabt es wie Lux, stößt den anderen nicht vor den Kopf. Dabei steht sie für alles, was in den vergangenen Jahren in Großbritannien kurz und immer kürzer kommt: Liberalität, Vernunft, Gesprächskultur, und Freundlichkeit ist nicht das letzte, was zu nennen wäre. Es gibt aber Alternativen. „Winter“ ist Teil einer Vier-Jahreszeiten-Trilogie, die Smith inzwischen abgeschlossen hat. Auf Deutsch liegt bereits „Frühling“ vor, das man aber nicht kennen muss, um in „Winter“ zurechtzukommen.

Ali Smith’ extrem unmittelbare, witzige, intelligente, auch legere Sprache übersetzt Morawetz in ein fast ebensolches Deutsch. Sie bemüht sich um die Wortspiele, zieht Register, und wenn zwischendurch der Satz „Wir dürfen uns nicht mehr so treffen“ bei einer Leserin partout nicht funktioniert, ist sie immerhin in guter Gesellschaft: Auch Lux versteht es nicht.

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