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Leila Slimani
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Leila Slimani.

Französische Literatur

„Das Land der Anderen“ von Leïla Slimani: „So ist das hier!“

  • VonStefan Michalzik
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Zerreißproben: Leïla Slimanis Roman „Das Land der Anderen“ erzählt von einer Französin, die in den 40er Jahren einen Marokkaner heiratet

Es geht in diesem Buch um transkulturelle Erfahrungen, wie derzeit in der erzählenden Literatur nicht selten – was sich gerade auch bei der jüngsten Ausgabe des Bachmannwettbewerbs gezeigt hat. „Das Land der Anderen“, der dritte Roman von Leïla Slimani, der 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Senkrechtstarterin der französischen Literatur, hebt sich durch einen Richtungswechsel hervor: Hier ist es eine aus Frankreich, dem Land der Kolonialisten, stammende junge Frau, die in das seinerzeit unter dem verschleiernden Wort „Protektorat“ geführte Marokko geht – an der Seite eines arabischen Manns.

Raus aus der muffigen Enge eines kleinen Orts im Elsass: Als die lebenshungrige junge Mathilde 1942 den einige Jahre älteren Amine kennenlernt, der für kurze Zeit als marokkanischer Offizier in der französischen Befreiungsarmee in ihren Dorf stationiert ist, bedeutet die fiebrig leidenschaftliche Verbindung und baldige Heirat mit dem attraktiven Mann für sie Aufbruch und Abenteuer. Das Paar zieht nach Marokko, die Wirklichkeit in dem fremden Land ist in einer niederschmetternden Art ernüchternd.

Mathilde sehnt sich nach einem mondänen Glanz. Theater, Kino, Feste, schöne Kleider – die Existenz auf einer abgelegenen Farm in der Gegend von Meknès ist eine in Mühsal und Mangel. Die „häuslichen Pflichten“ der Ehefrau und Mutter, stellt Mathilde irgendwann fest, prägen den Alltag, der dadurch jenem nahekommt, der in dieser Zeit auch einer Frau in der französischen Provinz blüht.

„Die Weiße und der Mohr. Die Riesin und der gedrungene Offizier“: Mit abschätzigen Blicken hat dieses ungleiche Paar sowohl bei der arabischen Bevölkerung wie auch in französischen Kreisen zu rechnen. Stetig präsent die rassistisch motivierte Diskriminierung Amines, der schnell einmal für Mathildes Chauffeur gehalten wird. Wenn französische Beamte sehen, dass er im Krieg gegen die Deutschen gekämpft hat, dass er verwundet und ausgezeichnet worden ist, ändert sich die Haltung augenblicklich.

Das Buch

Leïla Slimani: Das Land der Anderen. Roman. A. d. Franz. von Amelie Thoma. Luchterhand, München 2021. 384 S., 22 Euro.

Als es zu politischen Spannungen und Angriffen gegen die französischen Besatzer kommt – der Roman endet kurz vor der Erlangung der Unabhängigkeit des Landes im März 1956 – betrachten die französischen Frauen Mathilde als Komplizin dieser „Verbrecher“ und sprechen von einem „Verrat“ der Araber, die sie angeblich immer mit Achtung und Respekt behandelt hätten. Persönliche und politische Verhältnisse verknüpft Leïla Slimani gekonnt beiläufig.

Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung meidet sie strikt. Zerrissenheit herrscht allüberall. Amine ist kein durch und durch übler Mann. Doch erkennt Mathilde sogleich nach der Ankunft in Marokko, dass er es jetzt sein wird, der bestimmt, wo es langgeht. „So ist das hier!“ Bei einem Besuch im Elsass nach dem Tod ihres Vaters atmet Mathilde auf. Eine Weile treibt sie der Gedanke um, in Frankreich zu bleiben und Ärztin zu werden. Getrieben von der Liebe zu den Kindern, entschließt sie sich jedoch, ihr Schicksal anzunehmen und etwas daraus zu machen. Sie fühlt sich dabei stark. „Stark, nicht mehr frei zu sein.“ Zugleich hasst sie sich dafür.

Als die Anschläge der Befreiungsbewegung sich häufen und die Lage bedrohlicher wird, muss Mathilde sich assimilieren. Sie nimmt den muslimischen Glauben und einen einheimischen Vornamen an. Eine für die Verhältnisse Slimanis ungewöhnlich pointierte Passage gilt dem heißspornigen Omar, einem der jüngeren Brüder Amines. Er ist Anhänger und später Kämpfer der Freiheitsbewegung. Als Schüler ist er eines morgens ins Klassenzimmer gestürmt und hat triumphierend geschrien: „Paris ist den Deutschen in die Hände gefallen! Dieser Hitler zeigt es allen!“

Selbstbestimmung, nicht allein, doch besonders jene der Frau, ist ein zentrales Motiv dieses Romans. Ein Lebenshunger ist das Movens der jungen Generation, die in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne steht, wobei die Moderne hedonistische Freiheit verspricht. Ihre Träume sind geprägt von Rock’n’Roll, den Filmen Hollywoods und schnieken Limousinen. Als Amine herausfindet, dass seine gerade zur Frau erwachsende Schwester Selma einen Liebhaber hat, verprügelt er sie und verheiratet sie gegen ihren Willen mit einem widerlichen alten Armeekumpanen. Vor Mathilde, der Europäerin, hat er bei allem noch einen erheblichen Respekt.

Slimani, 1981 in eine wohlsituierte Familie in Rabat hineingeboren, lebt heute in Paris. Die Menschen und ihre Verhältnisse stellt sie mit nüchterner sprachlicher Distanz dar, knapp entwickelt sie den zeitgeschichtlichen Hintergrund. „Das Land der Anderen“ – annonciert als der erste Teil einer Trilogie, die eine Familiensaga bis ins Jahr 2015 erzählen soll – wirkt gerade in seiner diskreten Art fulminant.

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