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Ugur Sahin und Özlem Tureci, März 2021.
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Ugur Sahin und Özlem Tureci, März 2021.

Corona-Impfstoff

Das Biontech-Buch „Projekt Lightspeed“ – Ein Sieg der Vielen über das Coronavirus

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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„Projekt Lightspeed“ erzählt, warum Biontech bei der Entwicklung des Anti-Corona-Impfstoffs so schnell war.

Frankfurt - Wer gerne sagt: „So genau will ich es nicht wissen“, der wird nichts haben von diesem Buch. Dabei ist es sicher das wichtigste dieser Saison. Außerdem ist es spannend, berührend, und es macht einen schlau – allerdings nur, wenn man sich hinsetzt und die eine oder andere Seite noch einmal liest, ja sich sogar Notizen macht wie man es tat, als man noch für Prüfungen büffelte.

Das muss man tun, sonst kommt man nicht bis zu diesem Satz auf Seite 156 „Selbstamplifizierende mRNA, oder saRNA, und transamplifizierende mRNA, taRNA, gehörten zu den neuesten Pfeilen im Köcher von BioNTech“. Mit den Gepflogenheiten des schnellen Lesens kommt man diesem Buch nicht bei. Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie die Entwicklung eines wirkungsvollen Impfstoffs gegen das Corona-Virus in weniger als einem Jahr zustande kam, der wird versuchen, sich einzuprägen – wenigstens für die Dauer der Lektüre der 350 Seiten dieses Buches –, was alles zusammenkommen musste, um einen solchen Erfolg zu erringen.

Bointech-Buch „Projekt Lightspeed“: Ganz großes Kino

Wer das tut, der wird immer wieder auch emotional gepackt von Szenen wie aus einem Hollywood-Film. „Was brauchen Sie für die nächsten fünf Jahre“, werden Özlem Türeci und Ugur Sahin gefragt. Sie überlegen kurz und sagen „150 Millionen Euro“. Ihr Gesprächspartner entschuldigt sich, verlässt den Konferenzraum. Nach zwei, drei Minuten ist er wieder da und sagt: „Okay, die kriegen Sie.“ Das ist ganz großes Kino und die Location dafür hat ein Super-Scout ausgesucht: die Rothschild-Villa in Königstein im Taunus. Ein historistischer Bau vom Ende des 19. Jahrhunderts, in dem vor mehr als 70 Jahren über erste Entwürfe des Grundgesetzes der zu schaffenden Bundesrepublik Deutschland debattiert wurde.

Kurz nach dieser Kinoszene wurde am 2. Juni 2008 Biontech gegründet. Ein Milliardärsbrüderpaar investierte in ein Wissenschaftlerehepaar, das fest entschlossen war, dem Krebs oder doch einigen Krebserkrankungen den Garaus zu machen. Die beiden Wissenschaftler waren Ugur Sahin, dessen Vater als Gastarbeiter aus der Türkei zu Ford nach Köln gekommen war, und Özlem Türeci, deren Vater, ein türkischer Arzt, ebenfalls nach Deutschland gekommen war. Die beiden lernten sich in der Krebsstation eines Krankenhauses kennen. Sie gingen in die Forschung.

In Lichtgeschwindigkeit gegen das Coronavirus

„Projekt Lightspeed“ ist keine Autobiografie. Das Buch schildert, wie ein Antikrebs-Unternehmen in „Lichtgeschwindigkeit“ umfunktioniert wird zu einem, das dem Corona-Virus den Krieg erklärt. Und dann auch noch durchschlagenden Erfolg hat. Von Mainz aus.

Das Buch

Joe Miller: Projekt Lightspeed – Der Weg zum Biontech-Impfstoff. Rowohlt, Hamburg 2021. 352 S., 22 Euro.

Aufgeschrieben hat die Geschichte Joe Miller. Er ist politischer Korrespondente der „Financial Times“. Unfassbar, wie er sich all das Wissen draufgeschafft hat. Das Buch ist spannend. Doch nicht schnell zu lesen. Dafür ist die Geschichte, die es erzählt, zu komplex.

Biontech entschied sich dafür, nur die Spitze des Spikes des Corona-Virus nachzubilden

Gleichzeitig aber ist sie natürlich genau darum auch so aufregend. Man bekommt eine Ahnung von den Problemen, die mit der Entwicklung eines Impfstoffes verbunden sind. Dinge, an die man nicht im Traum dachte. Man impft, so haben wir das in der Schule gelernt, indem man dem Körper Stoffe zuführt, gegen die er Antistoffe entwickeln soll. Das Immunsystem bekommt vorgeführt, gegen wen es zu Felde ziehen soll. Was muss es dazu wissen? Muss das ganze Protein nachgebaut und eingeimpft werden oder genügt auch ein Teil?

Biontech entschied sich dafür, nur die Spitze des Spikes des Corona-Virus nachzubilden. Also den Teil, der es dem Virus ermöglicht, an die Rezeptoren an der Oberfläche der Lungenzellen anzudocken. Mehr muss das Immunsystem nicht wissen. Wenn es gegen diesen Teil vorgeht, ist der Patient gerettet. Für den Bau dieses Fragments sind nur 200 Aminosäuren nötig. Für das gesamte Spike-Protein wären es 1200. Solche Entscheidungen waren dauernd zu treffen, in jeder Minute der Arbeit. Viele davon parallel und alle mitten in der Corona-Zeit.

Ugur Sahin erfährt im Januar 2020 vom Coronavirus

Am Freitag, dem 24. Januar 2020 las Ugur Sahin an seinem Computer in „The Lancet“ einen zehnseitigen Artikel über das 2019 in Wuhan aufgetretene, von Fledermäusen her bekannte Corona-Virus. Die in Hongkong ansässigen Wissenschaftler vertraten die Ansicht, das Virus werde auch von Mensch zu Mensch übertragen. Der Artikel wies auch auf die siebenjährige Tochter einer Familie hin, die keine Krankheitssymptome zeigte, bei der sich aber, als man sie untersuchte, herausstellte, dass sie infiziert war. Ugur Sahin war alarmiert. Ein Erreger, der sich nicht zeigte und doch übertrug, war nicht zu kontrollieren, also eine unberechenbare Gefahr.

Am 21. Dezember 2020 kam die Meldung aus Brüssel: „Die Europäische Kommission hat heute dem von den Unternehmen Biontech und Pfizer entwickelten Covid-19-Impfstoff eine bedingte Zulassung erteilt. Damit ist er der erste in der EU zugelassene Impfstoff gegen Covid-19.“

„Projekt Lightspeed“: Der Weg von der Lektüre zum Corona-Impfstoff

„Projekt Lightspeed“ schildert den Weg von der Lektüre zum Impfstoff. Es ist eine Geschichte, in der Medizin, Privatleben, Business und Politik zusammengehen. In der immer wieder neu dafür gesorgt werden muss, dass sie es tun. Eine Heldengeschichte ganz sicher, aber eine, die – schon wie die Ilias – deutlich macht, dass der Sieg nicht das Werk eines Einzelnen, sondern nur möglich ist durch das Zusammenwirken vieler sehr verschiedener Menschen mit sehr unterschiedlichen Qualifikationen.

Immer wieder spielt auch das Glück eine wesentliche Rolle. Eine Wissenschaftlerin stößt zum Team, die ein neues Verfahren einbringen kann. Nachteile werden zu Vorteilen. Das Buch zeigt, dass zu den wichtigsten Kenntnissen die gehören, die einem sagen, wo man keine hat. Erst die Einsicht in die eigenen Grenzen lässt einen über sie hinauswachsen. Darum ist Team-Arbeit so wichtig. Darum sind wir angewiesen auf kritische Kommunikation. Hier ist sie immer praktisch. Es ging immer darum, eine Lösung für konkrete Fragen zu finden. Also ging es auch immer darum, Probleme als konkrete Fragen zu formulieren.

„Projekt Lightspeed“ ist ein Buch das Mut macht

Das macht die Lektüre dieses Buches so lehrreich. Auch wer jetzt, nachdem er das Buch gelesen hat, nicht mehr den Satz auf Seite 156 versteht, hat auf dem langen Hindernislauf zwischen dem 24. Januar und dem 21. Dezember doch so viel verstanden von dem komplexen Ineinandergreifen nicht nur der einzelnen medizinischen Fortschritte, sondern auch von der Notwendigkeit, sie mit wirtschaftlichen, politischen, ja kulturellen Maßnahmen zusammenzubringen, dass er nur mit begeisterter Bewunderung auf diese Leistung hinweisen kann.

„Projekt Lightspeed“ macht Werbung für Biontech. Es macht damit aber auch Werbung dafür, dass wir mehr leisten können, als wir es tun. Jeder Einzelne von uns. Vor allem aber wir alle zusammen. Es ist ein Buch, das Mut macht, auch Wege zu gehen, die nicht alle gehen. Nicht aus Verachtung für die anderen, sondern aus dem Wissen heraus, dass der eine Erfolg nur als Resultat vieler, vieler Fehlschläge zu haben ist. Wie schrieb Samuel Beckett? „Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ (Arno Widmann)

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