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Literarische Gesprächsrunde

Das Bedürfnis nach dem am eigenen Leib Erlebten

  • vonStefan Michalzik
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Eine Gesprächsrunde der Literaturhäuser über das „Unbehagen in der Fiktion“.

Eingeführt worden ist der schillernde Begriff „Autofiktionalität“ bereits im Jahr 1977 von dem französischen Schriftsteller Serge Doubrovsky, der das dahinterstehende Konzept als „Fiktion strikt realer Ereignisse und Fakten“ definierte. Seit geraumer Zeit erlebt dieses Phänomen eine erhebliche Konjunktur. Dafür stehen Namen wie Didier Eribon, Karl Ove Knausgård, Annie Ernaux, Maggie Nelson, Margarete Stokowski, Andreas Maier und Saša Stanišic.

Das Gros der neu veröffentlichten Romane ist zwar weiterhin fiktional, „Vom Unbehagen in der Fiktion“ mag sich gleichwohl angesichts bestimmter Debatten sprechen lassen, weshalb das allemal eine interessante Themensetzung ist für eine Veranstaltungsreihe des Netzwerks der Literaturhäuser – auf deren Webseite sind die Gesprächsrunden abrufbar – und der Bundeszentrale für politische Bildung.

Historisch, so der Essayist Daniel Schreiber in der per Videokonferenzdienst abgehaltenen Frankfurter Diskussion, ist der Ruf nach der Authentizität des am eigenen Leib Erlebten durchaus nicht neu. Die lange Geschichte reiche von Augustinus über Montaigne und Rousseau bis zu Goethes ,,Dichtung und Wahrheit“. Schreibers Befund zufolge werde der Ruf nach einer Ich-Authentizität in der Literatur immer in Zeiten des Umbruchs und des Schwunds von Gewissheiten laut. Sie wecken ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Orientierung, Erfahrbarkeit und einer Möglichkeit der Identifikation mit dem erzählenden Ich. Wie wir Geschichten erzählen, stimmte Jan Wilm bei, sage viel über unsere Gesellschaft aus. Rationalität und Erzählung der Welt versus Ich-Ausschnitt, brachte Moderator Jan Wiele von der FAZ die Sache auf den Punkt.

Mit Blick auf eine soziologische Funktion der Literatur führte die Politikwissenschaftlerin Paula Diehl das Beispiel der Typologisierung bei Balzac als Gegenmodell zum autofiktionalen Schreiben an, derweil allerdings auch Eribon mit einem soziologischen Raster agiere.

In den USA schlägt die Debatte hohe Wellen, ob Jeanine Cummins, weiße Autorin des Bestsellers ,,American Dirt“, über das Leid der aus Mexiko stammenden Flüchtlinge schreiben dürfe. Unabhängig davon, dass das ein schlechter Roman sein mag und bei einem guten diese Diskussion womöglich nicht aufgekommen wäre, bestand Einigkeit darüber, dass es keine Denk- und Schreibverbote geben dürfe. Nicht zuletzt auch, so Jan Wilm, sei die unselige Cancel Culture ein Geschenk an die Rechten, die mit dem Finger deuten könnten: Schaut sie euch an, die Liberalen, sie wollen alles verbieten – sogar in ihren Kreisen.

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