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Darf man dem Dichter widersprechen?

Ein labyrinthischer Führer durchs Labyrinth: Bernd-Jürgen Fischers Handbuch zu den "Josephromanen" von Thomas Mann

Von Jan Assmann

Joseph wollte, dass es "anspielungsreich zuging in seinem Leben" ("Joseph kennt seine Tränen"), und anspielungsreich sollte es auch in Thomas Manns Joseph-Tetralogie zugehen. Eine ganze Bibliothek benutzter Literatur, von der Bibel bis zu Freud und Proust, von der Ägyptologie bis zur Nationalökonomie, ist in dieses Riesenwerk eingegangen, ganz abgesehen von Thomas Manns allgemeinen Vorlieben, Vorbildern und Bildungsschätzen, und ganze Bibliotheken an kommentierender Sekundärliteratur hat es seinerseits hervorgebracht. Unter den labyrinthischen Romanen des 20. Jahrhunderts, Prousts Recherche, Joyces Ulysses und Musils Mann ohne Eigenschaften ist Manns Joseph und seine Brüder der labyrinthischste, schon weil es hier nicht um die Versprachlichung der eigenen, sondern einer vergangenen, und erst in ihrem Spiegel dann auch zugleich der eigenen Welt geht. So ist hier ein Führer durch das Labyrinth ganz besonders willkommen.

In den letzten zehn Jahren sind denn auch gleich drei Kommentarwerke zu Joseph und seine Brüder erschienen: Hermann Kurzkes Mondwanderungen (1993), Friedemann Golkas Jakob (1999) und Joseph (2002) und Alfred Grimms Joseph und Echnaton (1992), die aber nur jeweils spezielle Aspekte beleuchten.

Bernd-Jürgen Fischers Handbuch stellt sich nun tatsächlich der Aufgabe, das Labyrinth der Josephromane in all seinen Aspekten auszuleuchten, wobei es freilich in seiner Detailversessenheit selbst zuweilen labyrinthische Züge annimmt. Fischer ist weniger ein Mann des Überblicks als des Zettelkastens, in den alles eingeht, was Thomas Mann zur Vorbereitung und während der sechzehnjährigen Arbeit an dem Romanwerk gelesen hat und gelesen haben könnte, dazu natürlich seine Briefe und Tagebücher sowie alles, was bisher über die Josephromane geschrieben wurde. Das daraus hervorgegangene Werk, unbestreitbar eine gewaltige Leistung, ist in zwei ungleiche Teile geteilt: 290 Seiten "Einführung" und 475 Seiten "Kommentar"; dazu kommen noch über 100 Seiten Bibliographie, Konkordanz und Register. Die Einführung gliedert sich nochmals in zwei Teile: der eine widmet sich Thomas Manns Joseph, der andere, kürzere, der "kulturhistorischen Gestalt Josef".

"Daß ThM. empfänglich war für jungmännliche Schönheit..." - so beginnt dieses Handbuch und scheint, indem es unter vielen möglichen Motiven dieses eine an den Anfang stellt, die Josephs-Romane in erster Line als homo-erotischen Text zu interpretieren, was dann allerdings der Autor wenige Zeilen später selbst für "wenig fruchtbar" hält. Unter dem kryptischen Titel "Der Monopol-ist" versammelt dieses Kapitel die Zettel zum Stichwort "Liebe". Ähnlich labyrinthisch geht es weiter. Da gibt es Sektionen zu "Dionysos" und "Apollon" mit vielen Unterparagraphen, zusammengefasst als "Die Welt als bipolares Spannungsfeld"; "Hermes" sollte dann Thomas Manns Beitrag zu einer Versöhnung der polaren Sphären darstellen. Manns spielerischen Umgang mit solchen Unterscheidungen setzt der Kommentator bruchlos in biedere Handbuchprosa um und listet sie dann auch noch tabellarisch auf, als handelte es sich hier um positive Wissensbestände. Da verwandelt sich dann Assoziation in System, und es eröffnet sich unverhofft ein Überblick über alle vier Bände.

Wie so oft bei Detaillisten springt der Blick von den Einzelheiten unvermittelt auf die höchste Ebene allerabstraktester Verallgemeinerungen: "Die Entwicklung der Kunst führt vom Sprechgesang am Brunnen (Rhythmus) über Adonis' Flötenspiel des Bd. II (Melodie) zu den komplizierten Strukturen Bachscher und Wagnerscher Musik, aus denen schließlich im Sinne Nietzsches die Tragödie Muts und Josephs geboren wird; im Satyrspiel des vierten Bandes findet schließlich der ,Verfall der Tragödie zum Roman', eben der zu Josephs ?Geschichte' statt. An dieser Entwicklung der Menschen, der Götter, der Menschen und der Nabelschnur, die sie zusammenhält, nimmt schließlich auch die Materie teil: der erratische Fels, Gigal und Massebe, des ersten Bandes beugt sich der Bearbeitung zu Altar und Schrifttafel in Band II, zerfällt zu Sand in Band III; die Sintflutwasser des ersten Bandes leihen sich der Bearbeitung des Steins zu formbarem Ton in Band II, vermischen sich mit dem Sand in Band III zum Sumpf, dem das Leben entsprießt, und werden in Band IV zum Regen, dem lebenserhaltenden Band zwischen Himmel und Erde". Schließlich bringt eine Tabelle dieses 4-Stadien-Modell (Kreatur - Bewusstsein - Individuum - Gesellschaft) in eine Form, die der Willkür wildester Assoziation den Anschein objektiver Systematik verleiht. Darin jedenfalls hat Thomas Mann hier seinen Meister gefunden: Sein Kommentator hat dessen virtuoses Anspielungsspiel nicht nur weitergespielt, sondern auch noch handbuchmäßig systematisiert.

Das 3. Kapitel des ersten Teils befasst sich mit "Entstehung, Veröffentlichung und Rezeption des Joseph-Romans". In tabellarischer Form wird auf der Basis von Briefen und Tagebucheinträgen die Arbeit an einzelnen Abschnitten des Werkes mit der gleichzeitigen Lektüre Manns zusammengestellt, was hochinteressante Einblicke in Manns ausschweifende Lesearbeit eröffnet. Sehr wenig von der Fülle des jeweils Gelesenen steht in engerem Zusammenhang mit dem gerade bearbeiteten Abschnitt. So las Mann Stifters Witiko während der Arbeit am 3. Kapitel von Joseph in Ägypten, und dann noch einmal über Weihnachten 1942 / 43 während der Arbeit am Schluss. Viele Bücher, deren Spuren man im Roman auf Schritt und Tritt findet, Jeremias, Meissner, Goldberg, Mereschkowski, kommen in dieser Liste überhaupt nicht vor. Hierfür griff Mann offenbar auf seine Mappen mit Notizen und Exzerpten zurück und nicht auf die Bücher selbst, die daher im Tagebuch oder in den Briefen keine Erwähnung finden. Seinem Versuch einer Auswertung der unendlich verzweigten Lektüren und literarischen Einflüsse stellt Fischer mit Recht die Warnung voran: "Die Gefahr, das Gras wachsen zu hören, ist enorm". Das literarische Beziehungsgeflecht der Josephromane wird man wohl nie erschöpfend ausloten können.

Die übrigen Kapitel dieses ersten Teils der Einführung behandeln die umfangreiche Sekundärliteratur sowie vor allem "Sprache, Stil und Struktur des Joseph-Romans", das längste Kapitel, in dem der computergestützte Detaillismus des Autors seine größten (und zuweilen auch durchaus aufschlussreichen) Triumphe feiert. Der zweite Teil widmet sich dem Josef-Stoff und gibt einen Überblick über die gesamte Rezeptionsgeschichte der biblischen Josefgeschichte, von der ja auch Manns Romane, so viel sie auch von dieser Rezeptionsgeschichte in sich aufgenommen haben, nur ein Teil sind.

Den Hauptteil des Handbuchs bildet der "Kommentar", der den Text fortlaufend begleitet. Das Problem dieses Kommentars ist, kurz gefasst, dieses: der Kommentator kennt sich im kommentierten Text wie kaum ein anderer aus, er hat ihn von vorn bis hinten und hinten bis vorn gelesen, hat ihn ausgezählt und abgeklopft in allein seinen Wörtern - aber damit sind auch die Grenzen seiner Kompetenz umrissen. Wo Mann irrt, irrt notwendigerweise auch Fischer. Über Israel, Babylonien und Ägypten, das Alte und Neue Testament und die griechische Mythologie und was alles Thomas Mann sonst noch an Wissenshintergründen in seine Romane verarbeitet hat, teilt Fischer vollkommen den gelehrten Dilettantismus seines kommentierten Autors. Es fehlt ein professioneller Blick von außen, der die Dinge gebührend zurechtrückt. Fast immer, wenn Fischer den Horizont der Textwelt, in der er sich so unvergleichlich gut auskennt, in Richtung auf die dort zur Sprache kommenden Sachwelten hin überschreitet, vermehren sich nur die Irrtümer und Verwechslungen.

Er ist ebenso wenig Alttestamentler, Assyriologe, Ägyptologe und Religionswissenschaftler wie Mann selbst, aber gerade von Seiten der von Mann so freizügig ausgebeuteten Wissenschaften her wäre doch Aufklärung willkommen gewesen. Manns "spielerischer Wissenschaftlichkeit" verzeiht man gern seine kleinen Verwechslungen, z. B. die ständige Gleichsetzung von Nil und Apis-Stier, die bei Mann (und Fischer) beide "Chapi" heißen. Von einem Kommentar jedoch, dem ja der spielerische Umgang mit den Fakten versagt ist, erwartet man Aufklärung.

Allerdings fragt sich, wo die Grenzen dieser Aufklärung liegen. Dass Thomas Mann sich mit einer nie genug zu bewundernden Einfühlsamkeit in die Welten des Alten Orients, der Bibel und Ägyptens eingearbeitet und eingedacht hat, steht außer Zweifel. Ebenso klar ist aber auch, dass es ihm nicht um eine historisch korrekte Rekonstruktion, sondern um ein Kunstwerk ging, dessen semantischer und ästhetischer Ökonomie zuliebe er manche willkürlichen Eingriffe an seinem Stoff vornahm, etwa wenn er die babylonischen, biblischen, ägyptischen und griechischen Mythologien ineinander übergehen ließ oder die thebanische Amunreligion als den Inbegriff reaktionären Traditionalismus der heliopolitanischen Sonnenreligion als dem Inbegriff des Neuen und Weltoffenen gegenüberstellte. Darf der Historiker hier widersprechen? Hilft es dem Leser, wenn er erfährt, dass ganz im Gegenteil die thebanische Amunreligion das Neue repräsentierte, dass die ägyptischen Namen für den Apis-Stier und die Nilüberschwemmung in Wirklichkeit nichts miteinander zu tun haben, und dass die Kulturen der Alten Welt sich nicht nur aneinander anglichen, sondern auch gegeneinander absetzten? Darf man einem Dichter widersprechen?

Andererseits ist die Textwelt der Joseph-Romane nicht nur eine ganz und gar fiktive Welt, sondern erhebt bis zu einem gewissen Grad durchaus den Anspruch historischer Rekonstruktion. In seinen Joseph-Romanen sollte die altorientalische, israelitische und ägyptische Antike als "geistige Lebensform" Gestalt werden; ein kühnes Unterfangen, das auf dem damaligen Stand der entsprechenden Wissenschaften nicht nur aufbaute, sondern ihm auch in genialer Weise vorgriff und vorauseilte. Es hieße diesen Anspruch nicht ernst nehmen, wenn man nicht gelegentlich auch einmal gravierendere Irrtümer richtig stellen dürfte. Dieses Dilemma blieb Fischer erspart, weil er der Mann'schen Textwelt gegenüber keine Außenperspektive eingenommen hat. Innerhalb dieser Grenzen ist sein labyrinthisches Handbuch eine wertvolle Hilfe.

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