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„Dante und die drei Jenseitsreiche“ (1465), ein Gemälde von Domenico di Michelino.
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„Dante und die drei Jenseitsreiche“ (1465), ein Gemälde von Domenico di Michelino.

Dante-Tag

Aufregung in Italien über Dante-Text: Lehrstück über Populismus

Arno Widmann, Dante und der Nationalstolz. Von Andreas Rostek

Da sage noch mal einer, das gedruckte Wort könne nicht größte Wirkung entfalten. Ein weit ausgreifender und kluger Text Arno Widmanns in der Frankfurter Rundschau hat am vergangenen Donnerstag in Italien einen veritablen Sturm im Wasserglas ausgelöst – sein Thema: Dante.

Das Wort attaccare hat im Italienischen vielfältige Bedeutungen: angreifen, anhängen, aber auch jemanden vollquasseln. In seiner Bedeutung Angriff hatte das Wort am Donnerstag in Italien Hochkonjunktur: „Dante im Fadenkreuz der Deutschen“ („La Nazione“), „Angriff aus Deutschland“ („La Stampa“) „Deutschland beleidigt uns auch noch wegen Dante“ („Il Secolo D’Italia“), „Unglaublicher Angriff Deutschlands“ („la Repubblica“).

Empörung in Italien über Dante-Artikel von Arno Widmann

Mehr als vier Dutzend solcher Beiträge listet Google auf, sucht man nach diesem Widmann und seinem Dante – und überall geht es um einen „Angriff“ auf den Säulenheiligen der italienischen Kultur, ach was: auf die ganze italienische Nation.

Den Grundton dieser Aufwallung setzte offenbar der Artikel der „Repubblica“, in dem es schon im Titel nach dem „unglaublichen Angriff“ hieß: „Dante ‚Streber und Plagiator‘“. Die als Zitat gesetzten Worte benutzt Dante-Leser Widmann zwar nicht in seinem Text, aber sei’s drum.

Dante - seit 700 Jahren tot und immer noch Grund für Aufreger

Widmann schrieb am sogenannten Danteday, der in Italien am 25. März gefeiert wird, über Dante und das Provenzalische, Dante und das Italienische, über Einflüsse aus dem Orient auf Dante, über Dante und Shakespeare ... Das alles in dem gelehrten, unterhaltsamen, leicht augenzwinkernden Widmann-Ton, mit dem er seine Leserinnen und Leser seit jeher anhält, den eigenen Kopf zu benutzen.

Dante? Der Mann, sicherlich eine Lichtgestalt der Weltliteratur, ist seit ziemlich genau 700 Jahren tot. Aber er taugt heute noch in den Sozialen Medien als Resonanzkörper für Äußerungen wie diese: Drück noch mal die Schulbank, Arno, verschwinde und geh uns nicht auf die Eier! – Wir haben euch Kultur und Sauberkeit beigebracht ... – Untersteh Dich, den göttlichen Dante zu diffamieren.

Matteo Salvini schaltet sich in Streit um Dante ein

Es dauerte nicht lange und Matteo Salvini, Chef der rechten Lega und Senator in Rom, trug das Seine zur Frage bei: „Fake! Fake!“ Und auch der italienische Kulturminister Dario Franceschini stieg in den Ring – mit einem etwas herablassenden Dante-Zitat: „Non ragioniam di lor ...“ (... ma guarda e passa – „Reden wir nicht von ihnen. Schau nur und geh weiter“ – in der Übersetzung von Kurt Flasch).

Und wer weiß, was den sicherlich verdienstvollen Direktor der Uffizien zu Florenz, Eike Schmidt, geritten hat, der den Journalisten und Literaturkritiker Widmann als Egomanen abtut, der für nichts und niemanden spreche. Schmidt äußerte sich noch am Donnerstag gegenüber einem Radiosender. Widmann, ein Egomane? Dieser zurückhaltende Mann mit seinem verschmitzten Lächeln und der überaus höflichen Verbeugung?

Dante-Streit ist Lehrstück über Populismus

Die Reaktionen auf den Text Widmanns sind ein Lehrstück der Brandbeschleunigung; es ist eben egal, welchen Stoff der Populismus dafür einsetzen will. Der erste, der öffentlich darauf hinwies, war der Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano auf seiner Facebook-Seite; er wunderte sich, ganz schlicht, warum Politiker wie Franceschini und Salvini „eine schlechte Übersetzung [des Widmann-Artikels] dazu nützen, sich als Verteidiger der italienischen Kultur aufzuspielen“.

Ja, warum? Warum stürzt sich eine (schreibende) Öffentlichkeit auf einen „Gegner“, der sich als solcher nur dadurch qualifiziert, dass von einem Text, den er über einen Nationalheiligen geschrieben hat, nur fragwürdig übersetzte „Zitate“ vorliegen. Wie entstehen innerhalb von Augenblicken solche Feindbilder? Und warum werden sie mit beherztem Zugriff gepflegt?

Dante und der Stolz auf einen alten Dichter in Italien

Und warum Dante? Warum diese blitzschnell ausschlagende Empfindlichkeit, wenn es um den großen Dichter geht? Italien ist ein Land mit zäh anhaltenden und tiefgehenden Spannungen – zwischen hoher Bildung und grassierender Ignoranz, zwischen ärmstem Süden und High-Tech-Norden, zwischen nachgerade preußisch agierenden Staatsbeamten und Mafia, zwischen geschliffener Sprache und pöbelndem Alltagsslang ... . – was hält eine solche Gesellschaft, solch ein Land zusammen?

Ganz offenkundig auch der Stolz auf einen alten Dichter von zweifelsfreier Größe und – die Sprache. Beides verbindet sich bei Dante. Das ist der Hintergrund, vor dem ein eigensinniges Blatt wie „Il Fatto Quotidiano“ befand: „Das Psychodrama um Dante Alighieri am Nachmittag des Dantedì entwickelt sich innerhalb weniger Stunden zu einer Art Fußball-Match Italia-Germania.“

Andreas Rostek ist Verleger, Autor und Übersetzer aus dem Italienischen. In seinem Verlag edition.fototapeta erschien von Arno Widmann zuletzt der Band „Szenen aus der frühen Corona-Periode“.

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