Tiergeschichten

Dann waren das drei beleidigte Esel

  • Thomas Stillbauer
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39 wahre Geschichten von Tieren und Menschen, von Jürgen Teipel ganz aus der Nähe erzählt.

Ü berhaupt kein Problem, von diesem Buch einfach nur gerührt zu sein. Oder verblüfft. Oder fasziniert. Etwa von den drei bayerischen Eseln mit dem unglaublichen Zeitgefühl, die als Heilpraktikerinnengehilfen arbeiten. Ihre Chefin fährt etwas mehr als zwei Wochen in Urlaub, kommt zurück, und die drei Esel können nichts mehr. Gar nichts. Haben alles verlernt, was ihnen die Chefin in fünf Jahren beigebracht hat. Aber nach etwas mehr als zwei Wochen: alles wie früher. Alles wieder gut – nach exakt demselben Zeitraum, den sie zuvor alleingelassen worden waren. Seither kündigt die Frau ihren Eseln immer genau an, wie lang sie weg sein wird, und niemand ist mehr beleidigt. Das Ganze funktioniert auch bei Juri, dem Pferd.

Oder die Geschichte von dem sterbenden Elefanten im Norden von Botswana und seinen Artgenossen, die ihn bis zum Ende voller Empathie begleiten. Oder die uralte Katze, die noch einmal Vertrauen fasst. Oder die westfälische Kuh, die jeden wegrammt, der ihr zu nahe kommt – aber als ihr Kälbchen zu schwach ist, um das Euter zu erreichen, lässt sie die Azubine auf dem Biobauernhof helfen. Bis zu dem Zeitpunkt, als das Kalb genug Kraft hat. „Und genau in diesem Moment kam Flocke mit dem Kopf zu mir runter, nahm mich mit den Hörnern und schob mich mit Nachdruck zur Seite. Das hieß so viel wie: Danke, ab jetzt geht’s alleine.“

Es ist, wie gesagt, ein Leichtes, in die Geschichten einzutauchen, wahre Geschichten, die Jürgen Teipel zusammengetragen hat. Der Journalist und Schriftsteller veranstaltete einst Punk-Konzerte, hatte ein Tonstudio, schrieb viel über Musik und Jugend – jetzt hat er jahrelang Erzählungen gesammelt von Leuten, die eine besondere Verbindung zu einem Tier hatten oder zu einer ganzen Herde.

Das Besondere ist aber die Sprache. Es gibt viele Bücher über Tiere und Menschen, das Genre boomt. Wer die Bienen oder die Raben mit schönen Worten beschreiben kann, findet verdientermaßen seine Leser. Jürgen Teipel lässt seinen Erzählern aber jeweils ihre eigene Sprache, ihren eigenen Ausdruck. „Und ich sag: Was ist los mit euch?“ – „Ach, wir haben da einen kleinen Vogel.“ – „Sag ich: Den nehm ich mit.“ Gar nicht aufdringlich, gar nicht übertrieben umgangssprachlich, aber so, dass die eigene Klangfarbe durchdringt. „Ich hatte von diesen ganzen Piepmätzen nicht die geringste Ahnung“, beginnt die Geschichte über einen jungen Kölner Habicht. Die Ahnung kommt dann im weiteren Verlauf.

Ein kleiner Buckelwal spielt vor Patagonien mit einem Berliner Kameramann. Und Mama Wal schaut gutmütig zu. Eine Münchnerin findet im Hof einen hilflosen Vogel: „Dann war das eine junge Amsel. Ganz winzig.“ Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Jürgen Teipel: Unsere unbekannte Familie. Wahre Geschichten von Tieren und Menschen, Suhrkamp, Berlin 2018. 285 S., 18 Euro.

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