„Mord im Balkanexpress

Und dann kommt der Kaiser zu seinem Glück zu spät

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Matthias Wittekindt und Rainer Wittkamp schreiben einen actionreichen historischen Unterhaltungskrimi.

Wer mag was beigesteuert haben, fragten sich Rezensenten erst kürzlich angesichts eines von Ex-Präsident Bill Clinton und Krimiautor James Patterson gemeinsam veröffentlichten Thrillers, Titel: „The President Is Missing“. Wahrscheinlich, so hieß es, gab es ein paar Interna von Clinton; die klischeesatte Sprache aber klinge ganz nach Patterson. Oder gehe auf das Konto der Rechercheure bzw. Ghostwriter dieses amerikanischen Megabestseller-Autors, der auch schon mit der Schwedin Liza Marklund kooperierte und allemal wie am Fließband veröffentlicht.

Patterson ist der typische Gebrauchsliteratur-Produzent, wie sich überhaupt im Genre der so genannten Spannungsliteratur Autoren-Duos und sogar -Trios recht häufig zusammentun, weil ihnen ein prägnanter Stil eher egal und ein eigenwilliger Erzählton dem Verkauf sowieso nicht förderlich ist.

Doch erstaunt nun durchaus die Kooperation von Matthias Wittekindt, Autor literarisch ambitionierter, zeitgenössischer Krimis, und Rainer Wittkamp, der die leicht satirischen, nicht allzu späßchenhaften Krimis um Kommissar Nettelbeck erfand. Denn unverhohlen auf Agatha-Christie- und Schmöker-Fans zielt der Titel ihres gemeinsamen Werks: „Mord im Balkanexpress“. Der Roman spielt im Jahr 1895, das Personal reicht von der Burgtheater-Schauspielerin bis zum österreichischen Kaiser Franz Joseph. Es wimmelt vor Geheimagenten und Anarchisten. Allerhand fliegt in die Luft, allerhand Anschläge werden geplant und teils vereitelt. Die Figuren sind mäßig ausschraffierte Abziehbilder, die Handlung überstürzt sich, die Dialoge sind ihrem Fortgang untergeordnet. Schauspielerin Christine ist emanzipiert und clever, auch bei den Anarchisten ist eine Frau ordnende Kraft, beide sind aber leider wie vom Jetzt-brauchen-wir-noch-eine-starke-Frau-Reißbrett.

Man muss Spaß haben an actionreicher Unterhaltung, an historisch nur halbwegs fundierten Spekulationen und Verwicklungen, um „Mord im Balkanexpress“ interessant zu finden. „Natürlich ist uns bewusst“, schreiben die beiden Autoren in einer gleichsam entschuldigenden Nachbemerkung unter anderem, „dass die Bewegung des Anarchismus äußerst vielfältig war. (…) Auch hier haben wir der Narration den Vorrang eingeräumt.“

Und die Narration geht, in Teilen, so: Im Wiener Burgtheater soll der Kaiser anlässlich der Feier einer neuen Intendanz ermordet werden, doch er kommt zu spät. Die – vorwiegend serbischen – Anarchisten wollen nach diesem missglückten, viele Opfer fordernden Anschlagsversuch nicht locker lassen und sprengen gleich einen halben Zug, eben jenen Balkanexpress, sinnlos in die Luft, während sie doch eigentlich auf der Reise sind zum nächsten Ort eines öffentlichen Auftritts des Kaisers. Schauspielerin Christine und ihr geliebter Albrecht Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt den Verschwörern immer hinterher beziehungsweise mittendrin im Schlamassel und Dynamitregen.

Der Roman kommt einem wie ein Schwarz-Weiß-Film vor, in dem auch das Blut der Opfer keineswegs rot ist. Da müssen zwei Autoren Lust gehabt haben, mal auf eher komplexe Charaktere, auf Glaubwürdigkeit und psychologische Tiefe zu pfeifen, zugunsten eines geschmeidig wegzulesenden Unterhaltungskrimis. Gemeinsam schreiben sie freilich nur ungefähr halb so gut wie allein.

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