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Matthias Claudius auf einem Stahlstich von August Weger.

Matthias Claudius

„ … und dann geht man auf und ab“

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Als Freidenker und Feingeist war er ein Fall für sich, dazu als früher Feuilletonmensch: Heute vor 200 Jahren starb Matthias Claudius.

Allerdings ging es ihm darum, Anklang zu finden. Wobei ein besonderer Resonanzraum für Aufmerksamkeit, ja Anerkennung das Musikleben war. Beim Vorspiel, das für Matthias Claudius auf dem Klavier, dem Silbermann-Clavichord arrangiert worden war, fand der Novize Beachtung bei einer Größe des europäischen Musiklebens. Artig das Urteil des Carl Philipp Emanuel Bach, der dem „jungen Mann“ bescheinigte, er „spiele mit Leib und Seele“.

Allenthalben Musikalität bei ihm, etwa wenn es (wie mit Leib und Seele gesagt) heißt: „Der Mond ist aufgegangen/ Die goldenen Sternlein prangen/ Am Himmel hell und klar/ Der Wald steht schwarz und schweiget/ Und aus den Wiesen steiget/ Der weiße Nebel wunderbar.“

Die Melodie auch dieser Verse hat Anklang gefunden, unter den Dächern des deutschen Protestantismus oder im Gefühlshaushalt empfindsamer Menschen. In zahllosen Anthologien fand das Gedicht Widerhall, insbesondere romantisch gestimmten. Das Lied ist zum nicht nur heimlichen Hit deutscher Innerlichkeit geworden, es wurde gemurmelt und bewispert, religiös und fromm gelesen ebenso wie politisch, in einem solchen Kontext auch biedermeierlich.

Es gab von dem Lied neckische Nachdichtungen und, neben allen empfindsamen Annäherungen, die Verballhornung. Wer dagegen das „Abendlied“ heute ernst nimmt, hört weiterhin einen sehr seltenen Zusammenklang aus Gehalt und Ausdruck und, wie nur in ganz großen Gedichten, einen Dreiklang: Einsicht in die Gewalt der Zeit – Erschütterung – Gefasstheit.

Derselbe Dichter reimte aber auch: „Es ist doch sonderbar bestellt,/ sprach Hänschen Schlau zu Vetter Fritzen/ dass nur die Reichen in der Welt/ das meiste Geld besitzen.“ Und er konnte es nicht nur launig – diese Zeilen adressierte er an die Fürsten: „Tod, wenn sich diese nicht bessern,/ Nimm sie aus Häusern und Schlössern!/ Und wenn du sie nun genommen,/ Dann Tod, dann sei mir willkommen.“

Dem Tod, trotz immer wieder putzmunterer „Tändeleyen“, stellte er sich Zeit seines Lebens. Matthias Claudius, der heute vor 200 Jahren starb, wurde 1740 in ein protestantisches Elternhaus hineingeboren und blieb Tag für Tag zutiefst gläubig. Der Tod des Bruders, der 1760 an Pocken starb, ließ ihn die alte Frage stellen, die Hiob-Frage: Warum? Adressiert an seinen Gott, wurde die Rede am Grab des Bruders, so formelhaft sie auch ausfiel, zu einer Zuspitzung. Claudius fokussierte auf die Theodizee: Wie konnte ein liebender, gerechter Gott diese Herzlosigkeit, eine derart beispiellose Grausamkeit, eine solche Unvollkommenheit zulassen?

Claudius entschied sich für Bescheidenheit

An dieser Frage ist Claudius nicht irre geworden. Nicht an seinem besonderen Gottesbild, nicht an seinem Gottvertrauen – Claudius-Kenner begründen es auch mit dem tiefen Vertrauen gegenüber seinem Vater. Der Pockentod, dem er als Bruder selbst entging, war das nicht das Debakel göttlicher Gerechtigkeit? Er könne, hat Annelen Kranefuss 2011 in ihrer sehr schönen Biografie gesagt, „Gott weder anklagen noch schuldig sprechen wie wenige Jahre später die Stürmer und Dränger, noch überhaupt, wie später Jean Paul, die Möglichkeit denken, ,dass kein Gott sei‘“.

Die Anfänge im literarischen Leben von Matthias Claudius waren von hässlichen Heruntermachungen geprägt. Sich an den vorgegebenen Mustern einer auf starres Regelwerk erpichten Literatur orientierend, strengte er sich nur zu offensichtlich in der Nachahmung an. Schwierig war es, sich davon freizumachen, eine eigene Manier war ein Kraftakt. Wie sollte man da nicht verkrampfen? Er galt, wie es später hieß, als ein „Mechanikus“. Aber auch mit diesem Gedanken schäkerte er, er setzte sich dann herab, auch das war ein Spiel, sein „pfiffiges Understatement“, so Martin Geck in seiner kürzlich erschienenen „Biographie eines Unzeitgemäßen“, war beherzte Strategie.

Claudius entschied sich (mit Leib und Seele) für die Bescheidenheit; mit ihr ließ sich vielerlei anstellen, mitnichten musste der naive Ton zimperlich sein. Er ging glatt als ein Spaßvogel durch, doch wo man nicht nur oberflächlich von ihm dachte, setzte man sich für ihn ein. Klopstock, das Genie, der Mittelpunkt des deutschen Geisteslebens, vermittelt den 28-Jährigen nach einer Episode in der Geistesmetropole Kopenhagen nach Hamburg. Wobei die Empfehlung schnurstracks in den Journalismus führt.

Es geht auf diesem Weg ziemlich holprig zu, der Wegbegleiter Johann Georg Hamann tauft Claudius einen „Confusionsrath“. Claudius wird nach einer Station bei den eher windigen „Adreß-Comptoir-Nachrichten“ Redakteur des „Wandsbecker Bothen“. So heißt das Blatt, dem nach der einen oder anderen Auffassung nur noch ebenbürtig ein Intelligenzblatt aus Frankfurt sein soll (dessen Name heute überhaupt nichts mehr sagt).

Das Eigentümliche besteht darin, dass vielerlei aus der Claudius-Zeit nicht mit heutigen Maßstäben gemessen werden kann, und das fängt schon damit an, dass der Schlittschuhlauf, eine eifrige Beschäftigung, Schrittschuhlauf hieß, und dass damalige Leser nicht deshalb, sondern in toto den allgemeinen Sprachverfall hereingebrochen sahen (geradezu perfekt gemacht). Claudius wusste zu kontern! Er machte nicht, wie in vielen Blättern seiner Zeit üblich, den beflissenen Besserwisser, er zeigte sich, weil belesen, allerdings bewandert, in diesem Zusammenhang gern sprunghaft, und wenn er unter verschiedenen Namen und hinter verschiedenen Masken schrieb, wurde „Asmus“ der bekannteste. Er war ein idealer Gesamtredakteur.

Arbeitspensum und Arbeitsmodus ließen ihn in die Dinge hineinknien. In anatomische Bücher etwa, und vor den „Physiognomischen Fragmenten“ des Johann Caspar Lavater ging er sogar auf die Knie. Er besprach Goethes „Werther“, also hochgradig Aufwühlendes, und das waren die in Umlauf gebrachten politischen Beiträge nicht minder, etwa über die Sklaverei, mit der der Finanzier des „Bothen“ Unsummen verdiente. Auch war der Geldgeber zum wahrscheinlich reichsten Mann Europas als Kriegsgewinnler und Spekulant geworden. Von Claudius, dem Redakteur, der in nie abreißenden Kriegszeiten nie in den Krieg musste, stammen eines Tages die fundamentalen Verse: „’s leider Krieg – und ich begehre/ Nicht daran schuldig zu sein!“ Dennoch war er kein umstürzlerischer Untertan, so folgte den aufrüttelnden Versen auf dem Fuße ein mystisch-frömmelnder Aufsatz, denn, ja, er betrachtete seine Zeitungsarbeit als Seelenarbeit.

Doktrinär war er deswegen nicht. Wo ihm doch vollkommen vor Augen stand: „Wir spinnen Luftgespinste/ Und suchen viele Künste,/ Und kommen weiter von dem Ziel.“ Auch das sind Verse aus seinem „Abendlied“. Claudius wusste sehr genau, dass er nicht systematisch vorging, nicht systematisch dachte, sein „Wandsbecker Bothe“ war ein Sammelsurium, aus Gedicht und Aufsatz, Anzeige und Polemik, Brief und Rezension. Im Nebeneinander der Textformen kam es zu einem geselligen Beieinander, Ausdruck der Vielfalt des Lebens und, ja, seiner Flüchtigkeit – so bringt er eine Frühform des Feuilletons auf den Weg. Gegen die „Fratzen der Operette“ bringt er die Tragödie in Stellung, hofft (inständig, wie es sich gehört) auf einen deutschen Beitrag zu dieser Gattung, erwartet deutsche Originalität, und das tut er gemeinsam mit allen, die auf ein deutsches Nationaltheater hinarbeiten. Bei der Gelegenheit schreibt er eine enthusiastische Besprechung über das todunglückliche Genie der Geniezeit, Jakob Michael Reinhold Lenz. Den wünscht er sich zum Freund.

Der Feuilletonist weiß zu unterscheiden. Denn sonst hätte er ja keine Differenz ausgemacht zwischen der Tändelei und dem Firlefanz, zwischen gesellschaftlichem Räsonnement und „ungezogenen Personalitäten und Gewäsch“.

Claudius legt nicht die Basis für die Kraftkerl-Tradition des Feuilletons, verweigert sich präpotenten Attitüden ebenso wie genialischen, und auch wenn viele Seiten heute überholt sind, hinterlässt er als Rezensent diese Empfehlung: “… und dann geht man auf und ab“, schreibt er, und was ist dieses Ausschreiten? Was ist dieses Schlendern, ja Flanieren durch den Gegenstand Buch doch für ein merkwürdiger Gedanke für einen an den Schreibtisch gefesselten Bücherwurm. Bummeln nicht nur als Gangart, sondern als Lesart – diese Bewegungsart stand nicht unbedingt auf der Agenda der Aufklärung.

Zum Ausschreiten in Gedanken, ob gemächlich oder energisch, ist auch zu sagen, dass Claudius als Redakteur des „Bothen“ mit dem Ort Wandsbeck, eine Fußstunde von Hamburg entfernt, so sehr verwuchs, dass er ihn nicht für die Geistesmetropole eintauschte. Aber es gibt eine Phase, da will er weg, wohl tatsächlich nach Tahiti, unmittelbar nach seinem Abstecher nach Darmstadt. Es ist ein unheilvoller Lebensabschnitt in einem „Land der Dämmerung und des Schlendrians“ (so dessen Premier Friedrich Carl von Moser).

In Hessen-Darmstadt schlug Claudius ungehörige Töne an und wollte partout kein „Rad in der Maschine seyn“. Als Beamter scheiternd, wird er wieder Redakteur, und selbst ein eingeigeltes Redakteursleben hat ja etwas von einem Heldenleben. Stacheln aufstellen! In dieser Haltung ließ sich Claudius überhaupt nicht lumpen.

Weiterbildung des Herzens und die Kunst des Selbstdenkens

Er druckte Rezensionen in Dialogform, und das war nicht nur ein Für und Wider, das liest sich heute als Interview avant la lettre. Der Feingeist war ein eigener Kopf, zudem ein Familienmensch, ein authentischer Hausvater, überdies nachhaltig, nein, nicht Energie sparend, sondern immerzu verschwenderisch verliebt in Rebecca, seine Frau. Ein glücklicher Zufall für’s Leben war auch die Freundschaft mit der Berühmtheit Johann Gottfried Herder, dessen Enthusiasmus für Claudius, so Annelen Kranefuss, erklärt sich durch eine „eigentümliche Mischung aus Schalk, In-sich-gekehrt-Sein und stiller Intensität“. Aus der „ungetrübten“ Vertraulichkeit wurde eine hochgradig komplizierte intellektuelle Beziehung. Eine lockere Geselligkeit lebt Claudius mit weiteren Großmächten seiner Zeit, mit Lessing, mit Lavater, intensiv bleibt die Verbundenheit mit Klopstock.

Auf der Agenda steht die moralische Weiterbildung des Herzens und die Kunst des Selbstdenkens. Auch deswegen hat Claudius polarisiert. Der streng ungläubige Wolfgang Koeppen sah sich aufgerufen, Claudius als „grämlichen Pietisten“ hinzustellen – das war Ende der 1950er Jahre, unter dem Eindruck bleierner Verdrängung in Nachkriegsdeutschland. Aber der Mond, der Claudius-Mond war ja nicht untergegangen! „Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen,/ Und ist doch rund und schön!/ So sind wohl manche Sachen,/ Die wir getrost belachen,/ Weil unsere Augen sie nicht sehn.“

Mein Großvater konnte das „Abendlied“ nicht nur frei vortragen, er konnte es gar erzählen, im dunklen Wohnzimmer, Zeile für Zeile, Schweifreim für Schweifreim, vor dem Panoramafenster, mit Blick auf den flachen Gipfel der Homert, hinweg über die schwarzen Wipfel eines Sauerlands im Mondschein.
Ungezählte Male stillschweigend ist von den Versen Claudius’ wahrscheinlich ein Generationenvertrag ausgegangen. Anklang! Ernst Bloch, sicherlich jeder religiösen Lesart abhold, sah im „Sehnen“ von Claudius „das Unerfüllte mit sich (ge)führt, wie es irdisch überhaupt nicht zu erfüllen ist“. Der Vielklang der Rezeption sah in Claudius den Lieddichter oder den Humoristen. Ist ein Heine ohne Claudius denkbar, ein Robert Gernhardt ohne dieses Vorbild?

Martin Geck sagt in seiner eigenwilligen Biografie, er sehe in ihm einem „Lebenskünstler“ ebenso wie einen „christlichen Existenzialisten“, einen ebenso Unbekümmerten wie beneidenswert Gelassenen. Religiös motiviert, hatte er in der Vorrede zu seinen „Sämmtlichen Werken“ Freund Hain als „Schutzheiligen und Hausgott vorn an der Haustür“ begrüßt. Politisch desillusioniert, drängte sich ihm die neue Zeit auf als ein unfreundliches Vernunftzeitalter. Jetzt stand vor der Tür eine ziemlich ungehobelte Erscheinung. Wenn sich die Vernunft doch mal verlegen gezeigt hätte! Für den Fall solcher Un-Überheblichkeit hatte er sich schon mal gewünscht, dass sich „die Vernunft hinter den Ohren kratze“.

Die revolutionäre Welt neuer Ideen bewirkte kompromisslose Ideale. Willkür und Unterdrückung waren brutaler Alltag gewesen, die Stellung des Menschen wurde neu begründet, unter Berufung auf eine naturrechtliche Freiheit. Das Dasein, wie es sich im Kosmos darstellte, wurde neu vermessen. Nach 1789 änderte sich auch für Claudius die Lage radikal. Erst recht mit den Gewaltexzessen der Französischen Revolution wuchs Claudius’ Skepsis gegenüber den Dogmen eines Vernunftregimes – er verzettelte sich in reaktionärem Widerspruch. Er geriet in den Fokus, der christliche Sinnsucher und Mystiker sah sich der Kampagne aufgeklärter Geister ausgesetzt, aus Attacke und Gegenattacke entwickelte sich ein „Pamphletenkrieg“ (der Claudius-Biograf Herbert Rowland). Die Folge: „viel böses Blut, selbst unter Freunden“ (Rowland).

Dennoch bleiben Aspekte seines Zweifels am „Änderungskitzel“, aus der Rückschau betrachtet, visionär: „Unser Leben hier ist ja doch kein bloßes Manufakturwesen und das Ende der Welt keine Frankfurter Messe.“ Claudius’ Konservativismus war, was den Auftakt zur rationalen Durchökonomisierung aller Lebensverhältnisse anging, zu Beginn des 19. Jahrhunderts so hellsichtig wie zutiefst ungläubig.

Lapidar meint Martin Geck: „Er war ein Fall für sich.“ Er war ein Freigeist, allerdings kein aufrührerischer Aufklärer, im Gegenteil, ein aktiver Obrigkeitsdenker, und doch ein origineller Kopf. Der Eigensinn des 30-Jährigen hatte den Verleger empört, sein Eigenwille Teile der Leserschaft gefoppt. „Aufklärung über die Aufklärung“, so hat Annelen Kranefuss das Anliegen des alten Claudius genannt. Man könnte von Dialektik sprechen. Stand er als „Unzeitgemäßer“ (Martin Geck) auf verlorenem Posten? Claudius zerbrach sich auch darüber den Kopf, wenn er sich einen „Waghals“ nannte.

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