Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Und dann der Coup de foudre

Heimat ist, was bleibt: Maria Frisé erinnert sich an "Meine schlesische Familie und ich"

Von OLIVER PFOHLMANN

Als Journalistin war Maria Frisé abonniert auf "Familie und Soziales". Seit den sechziger Jahren schrieb sie über die Doppelbelastung berufstätiger Frauen und notwendige Veränderungen des Sorgerechts und begleitete "wohlwollend-kritisch" Frauenbewegung und Emanzipationsliteratur. "Neuer Anfang mit Vierzig" hieß eine ihrer Reportagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Wie sehr auch Maria Frisés eigenes Leben bestimmt war von dramatischen Neuanfängen und Rollenkonflikten, zeigt ihre Autobiografie, die beeindruckende Geschichte einer späten weiblichen Selbstverwirklichung. Es ist die Welt des schlesischen Landadels, die Maria Frisé, geborene von Loesch, zu Beginn wieder auferstehen lässt.

1926 geboren, wächst sie auf dem väterlichen Gutshof unmittelbar an der Grenze zu Polen auf. Hier ist die Geschichte stehen geblieben, das vormoderne Wertesystem, streng patriarchalisch und zugleich sozial ausgerichtet, noch intakt. Man ist stolz auf seinen Gemeinsinn, lebt sparsam und pflichtbewusst und unterwirft sich in Gefühlsangelegenheiten dem Familienzwang: "Liebesgeschichten sind in unserer Familienchronik rar", bemerkt die Autorin lakonisch, und über dunkle Flecken wie Scheidungen "sprach man nicht".

Es zeichnet diese ebenso unsentimental wie warmherzig geschriebenen Erinnerungen aus, dass sie selbst frei sind von Verklärungs- oder Denunziationsabsichten. Sympathisch sachlich und offen, wenn auch nicht immer frei von Bitterkeit, bleiben sie gerade da, wo sie die politische Mentalität der Familie schildern. Nazis waren die von Loeschs nicht, aber Nationalisten. Und Maria Frisé selbst, die zu Kriegsbeginn 13 Jahre alt war? An das Gefühl von Stolz, als die Biologielehrerin sie einmal zu den "nordischen Langschädeln" zählte, erinnert sie sich mit Schaudern heute noch; nach dem Krieg wirft sie sich vor, so lange alles gedankenlos hingenommen zu haben. "Zu zweifeln und kritisch zu überlegen lernten wir als Kinder und Jugendliche überhaupt nicht. Demokratie blieb für uns ein Fremdwort."

1945 muss die gerade Neunzehnjährige die Welt ihrer Kindheit verlassen, muss, nur Stunden nach ihrer unüberlegten Heirat mit ihrem Vetter, vor der nahenden Front flüchten. Jahrzehnte später schreibt Maria Frisé: "Heimat ist für mich etwas, das bleibt, auch wenn ich dort nicht mehr zu Hause bin." Und: "Ein ?Recht auf Heimat' kam mir immer absurd vor, angesichts der Millionen Menschen, die infolge des von Deutschen begonnenen verheerenden Krieges vertrieben wurden."

Innere Apathie

So viel politisches Bewusstsein musste sich freilich erst entwickeln. In Schleswig-Holstein baut sich das Ehepaar nach 1945 eine neue Existenz auf; der Mann wird ein erfolgreicher Unternehmer, Maria die Mutter dreier Söhne. Die Lakonie ihrer Beschreibung der Nachkriegsjahre sind später Reflex ihrer inneren Apathie damals, verursacht von der Lieblosigkeit ihrer fatalen Ehe.

Es ist beeindruckend, mit wie viel Respekt die Autorin ihren ersten Mann porträtiert, obwohl dieser sie unmündig wie ein Kind hielt und betrog. Ihr eigenes Selbstbewusstsein verkümmerte in dieser Zeit, als Heimchen am Herd flüchtete sie sich in Depressionen, Bücher und Schwangerschaften, träumte davon zu studieren und fühlte sich als Versagerin. "Eine klare Vorstellung, was ich aus meinem Leben machen wollte, besaß ich damals nicht."

Ein "Coup de foudre" bringt die Befreiung, allerdings um den Preis eines jahrelangen Kampfes um das Sorgerecht für ihre Söhne. An der Seite ihres zweiten Mannes, des Kulturjournalisten und Musil-Herausgebers Adolf Frisé, erlebt sie Ende der fünfziger Jahre zum ersten Mal Gemeinsamkeit und Anerkennung ihrer literarischen und künstlerischen Interessen. Im "privaten Intensivunterricht" ihres zweiten Mannes lernt sie das journalistische Handwerk, wird bald schon für ihre Reise- und Sozialreportagen geschätzt. 1968, mit 42, wird sie Redakteurin bei der FAZ, ist lange Jahre für die Hochglanzbeilage "Bilder und Zeiten" verantwortlich, behauptet sich als eine der wenigen Frauen in der von Männern dominierten Redaktion.

Es ist daher von bitterer Ironie, dass ihrem Engagement für Gleichberechtigung bald schon wieder patriarchale Grenzen gesetzt wurden: von Marcel Reich-Ranicki nämlich, der ihre geliebte Beilage zunehmend "okkupierte". Gegen "seinen Expansionsdrang und seine missionarische Überzeugung", dass die Literaturkritik das Wichtigste der Welt sei, "konnte ich mich (...) nicht wehren". An Reich-Ranickis Arbeit als Leiter der Literaturredaktion lässt Maria Frisé, die 1991 aus der Redaktion ausschied, kein gutes Haar; man merkt, dass diese Wunde noch blutet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare