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Er ist dann mal weg

Gennadij Gors phantastische Geschichten aus dem alten Leningrad

Von WERNER JUNG

Der renommierte Übersetzer russischer Texte Peter Urban hat ein schmales Bändchen mit Erzählungen des hierzulande nahezu unbekannten Gennadij Samojlovic Gor (1907 - 1981) herausgegeben. Gor, der in Transbajkalien geboren wurde und die längste Zeit seines Lebens in Leningrad verbrachte, konnte zu Lebzeiten nur einige wenige Texte veröffentlichen, darunter einen 1931 erschienenen Band mit einem Kurzroman, und wurde von der Sowjetliteraturenzyklopädie 1964 noch als ein Verfasser von Werken "wissenschaftlicher Phantastik" - vulgo Science Fiction - tituliert.

Eine Bezeichnung, die wenig bis gar nichts über einen Schriftsteller aussagt, dessen Bezüge zu Cechov und anderen Klassikern der russischen Literatur, aber auch zu modernen filmischen Montagetechniken und damit nicht zuletzt zu den literarischen Avantgarden unübersehbar sind. Die sechs aus den Jahren 1932 bis 1938 stammenden Erzählungen in dem Band "Das Ohr" enthalten alle groteske, phantastische, ja, manchmal - das Wort fällt sogar an einigen Stellen - absurde Züge, durchaus, wie in den Erzählungen "Der Wasserkessel" und "Manja", in kafkaeskem Sinne. Denn einerseits sind sie historisch-politisch grundiert, spielen in der damals zeitgenössischen Realität des Stalinismus und behandeln ganz profan-prosaische Dinge wie Fragen beengten Wohnraums oder des Auseinanderlebens von Mann und Frau. Auf der anderen Seite dann kommt es zu grotesken Übertreibungen und absurden Verkehrungen alltäglicher Verhaltensweisen von Menschen, aufgrund deren schließlich - versteckt in einer Art Sklavensprache - Kritik am real existierenden Sozialismus der SU möglich ist. Gor greift zudem Fragen der Kunst, konkret: der Malerei, auf und thematisiert das - im Zuge der Ausarbeitung einer sozialistischen Kunstdoktrin heftig diskutierte - Feld von Kunst und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Gors Maler hingegen drehen im Sinne des Konstruktivismus das Verhältnis wieder um; an die Stelle des klassischen Mimesis-Paradigmas, das der Stalinismus bedenkenlos kolportiert hat, tritt der Bild- und gestaltschöpferische Charakter von Kunst, ja, weiter noch, macht Gor leichthändig darauf aufmerksam, dass in jedem bildkünstlerischen Schauen die Wirklichkeit erst entsteht.

Frau, wo bist du?

Mit anderen Worten: Es ist der Sehvorgang selbst, die "Vorstellungsgabe", wie es im ersten Text "Malerei" heißt, die den Maler Kolobkov dazu befähigt, die Wirklichkeit zu schaffen, zu konstruieren und dann plötzlich aufgrund seiner "synthetischen Vorstellungsgabe" die Gestalt eines Provokateurs zu erkennen: "ein ganzheitliches Geschöpf, in das vieles Eingang gefunden hatte...". In etlichen Passagen der Erzählung "Die Einmischung der Malerei", die von den Begegnungen zwischen einem Wissenschaftler und einem Künstler handeln, stellt Gor gewiss seine eigene ästhetische Haltung vor, wenn er dem Künstler die provokanten Formulierungen in den Mund legt, dass das Gedächtnis entpersönlicht und es daher um die "Überraschung der Kunst gegen die Logik der Wissenschaft" gehe, um die "Improvisation der Wörter gegen die Anstrengung jedes Gedankens".

In den beiden letzten Erzählungen scheint das groteske Moment dann auf die Spitze getrieben zu sein; beide Texte verweisen auch thematisch aufeinander, da in "Der Wasserkessel" das Verschwinden des Ehemanns in der Gestalt eben dieses Wasserkessels erzählt, wohingegen in "Manja" das schlussendliche Verschwinden der Gattin berichtet wird.

Vor allem jedoch wird erzählt über das traurige Verhältnis der Geschlechter zueinander - gerade im Sozialismus, der doch die Emanzipation aufs Panier geschrieben sehen wollte, tatsächlich aber nur kleinbürgerlich konventionelle Vorstellungen tradiert hat. "Petrov", so beginnt die Erzählung "Manja", "schaute seine Frau an und wunderte sich". Darüber nämlich, dass sie ihre rechte Hand verloren hat und dann nacheinander weitere Körperteile einbüßt, bis schließlich auch noch der Resttorso aus der Wohnung verschwunden ist. Woran es gelegen hat? Daran, wie Petrov glaubt, dass ihm "eine sonderbare Veränderung der Sehweise" zugestoßen ist, dass er im Begriff ist, wahnsinnig zu werden. Oder bedeutet das Verschwinden allegorisch das Aus-den-Augen-Verlieren? "Aber wohin, wohin ist sie gegangen?", fragt der Ehemann am Ende konsterniert Manjas Freundin: "Sie ist völlig verschwunden. Wider alle Gesetze der Natur." "Wie soll ichs Dir sagen? Für den einen - ganz, für den anderen nicht ganz. Und was die Natur angeht - sei unbesorgt. Was geht das die Natur an. Und überhaupt ist es komisch, von der Natur zu reden, wenn einem die Ehefrau wegläuft."

Gennadij Gor:

Das Ohr. Phantastische Geschichten aus dem alten Leningrad. Friedenauer Presse, Berlin 2007,

160 S., 16 Euro.

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