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Daniela Dröscher „Lügen über meine Mutter“: Im Kalten Familienkrieg

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Von: Judith von Sternburg

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Daniela Dröscher.
Daniela Dröscher. © dpa

Daniela Dröscher rechnet in ihrem Roman „Lügen über meine Mutter“ beiläufig auch mit nostalgischen Blicken auf die Achtziger ab

Daniela Dröschers Roman „Lügen über meine Mutter“ ist ein origineller Kandidat auf einer ohnehin originellen Shortlist für den Deutschen Buchpreis, auf der sich die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und Biografie mehrfach – auch etwa in Jan Faktors „Trottel“ oder Kim de l’Horizons „Blutbuch“ – auf eigensinnige und mutige, schonungslose und literarisch vorzüglich camouflierende Art widerspiegelt.

Es zeigt sich dabei wieder, dass sich im geschlossenen, aber großen Raum eines Buches wirklich über alles schreiben lässt. Ist ein Buch ein geschlossener, aber großer Raum? Es ist jedenfalls ein Ort, der sich nicht so leicht erfassen lässt wie eine Kurznachricht, ein Bild, ein 80-Zeiler. Der zur Ruhe zwingt und dazu, sich etwas Zeit zu nehmen, um die geschilderte Situation zu überschauen.

Bei Dröscher ist das eine Situation, die mehr als 400 Seiten dringend benötigt, obwohl das Wesentliche rasch gesagt ist. Ein Kind namens Ela hat eine dicke Mutter und einen Vater, der das Äußere seiner Frau ständig kommentiert, kritisiert, sie zu Diäten drängt. Dies geschieht in den achtziger Jahren im Hunsrück, das Drama einer misslingenden Ehe spielt sich in der Provinz auf dem Präsentierteller ab. Eng und öffentlich zugleich, angespannt und lähmend, gelegentlich grotesk, häufiger fürchterlich.

Allmählich und erst sehr allmählich in vollem Umfang wird dabei klar, dass nicht Elas Mutter das Problem ist, sondern Elas Vater, eine plastische und bedrängend unangenehme Romanfigur, der perfekt durchschnittliche Bürger der alten BRD (die nicht weiß, dass es auch mit ihr bald vorbei sein wird), der Ehrgeiz hat, aber das Leben auch genießen will, der Patriarch ist, aber auch unsicher. Der sich das Austeilen angewöhnt hat, und meistens bekommt es seine Frau ab. Elas Mutter, begreifen wir, weil Ela es begreift, hätte ohne ihren Mann kein Problem.

Dass Elas Mutter dick ist – wie dick sie ist, kann man nur schätzen, auch ob die Leute tatsächlich so glotzen oder ob Ela das nur glaubt, vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte –, ist also lediglich das Symbol für das Eheunglück. Ein weithin sichtbares Symbol, gesellschaftlich trotz der Sichtbarkeit und trotz des hohen Aufkommens derartig tabuisiert, dass man das trotzdem mit großem Interesse lesen wird. Es gibt wenig ernsthafte Literatur über ernsthaft übergewichtige Menschen. Trotzdem ist es nur ein Symbol. Elas Mutter ist es, die Elas Vater daran hindert, so durchschnittlich zu sein, wie er sein will. Er ist ein Feigling, auch Ela stellt fest, dass sie ein Feigling ist.

Das Buch:

Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 444 Seiten, 24 Euro

In einer der in rascher Folge erzählten Episoden geht die Mutter mit Ela ins Schwimmbad, es lässt sich nicht anders organisieren, die Mutter vermeidet normalerweise Schwimmbäder. Als sie die Tochter nun im Wasser in Not glaubt, springt sie sofort angezogen hinterher, um sie zu retten. Das fällt nun wirklich auf. Ela schämt sich zu Tode. Scham und Beschämung sind nie lustig, lassen Sie sich vom Gegickel nicht täuschen.

Elas Vater ist das Problem, Ela hat das Problem. „Es war wie im Kalten Krieg“, stellt das Kind der Achtziger fest, „nur dass ich keine Ahnung hatte, wer von beiden jetzt der OSTBLOCK war.“ Man wird später aufhören, solche Vergleiche übertrieben zu finden.

„Lügen über meine Mutter“ ist ein gut und gierig zu lesendes Buch, das für Menschen, die selbst in jenen Jahren sozialisiert wurden, mit Hinweisen versehen ist, die die Rückspultaste in Gang setzen: Steffi Grafs Aufstieg und die Tennis-Manie der Deutschen, Tschernobyl und die große Angst.

Zwischen den erzählten Kapiteln gibt es in serifenloser Schrift erläuternde Einschübe. Sie stammen sozusagen von der Autorin Daniela Dröscher, wobei wir ja trotzdem noch in einem Roman sind. Zuerst erscheinen sie überflüssig, erläutern aus Erwachsenensicht, was man eh begreifen würde – dass Elas Scham zum Beispiel zweiter Ordnung ist: Sie schaut sich das Schämen vom Vater ab. Nach und nach stellt man sich aber vor, dass Dröscher das so wollte, um auch die Mutter jenseits der „Lügen über meine Mutter“ zu Wort kommen zu lassen. Sie durchbricht nicht nur die vierte Wand des Romans. Sie mildert damit vor allem einen Verrat an der Mutter. Verrat ist kein zu großes Wort für dieses Buch.

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