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Zwei von drei: Mussolini (l.) und Hitler in München, 1937.
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Zwei von drei: Mussolini (l.) und Hitler in München, 1937.

Berlin – Rom – Tokio

Daniel Hedinger: „Die Achse“ – Der globale Faschismus

  • VonWilhelm v. Sternburg
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Die unterschätzte „Achse“: Daniel Hedingers wegweisende Studie zum folgenreichen Bündnis zwischen Berlin, Rom und Tokio.

Die Erzählung dieses Buches führt zu einem lange vernachlässigten, weitgehend sogar verharmlosten und doch – so der Kern von Daniel Hedingers Analyse – zentralen Moment der weltpolitischen Entwicklungen zwischen 1919 und 1946. Das von seinen Partnern als „Achse“ zwischen den faschistischen Mächten Deutschland, Italien und Japan bezeichnete Bündnis erschütterte seit Mitte der 30er Jahre die Weltordnung.

„Die Historiographie“, schreibt Hedinger, „hat es bislang vorgezogen, die Geschichte des Krieges als einen Konflikt zwischen Nationalstaaten zu schreiben. Doch global betrachtet war der Zweite Weltkrieg in erster Linie ein Kampf zwischen Imperien, ein Krieg um Imperien beziehungsweise um die Frage, welche Ordnung die Welt beherrschen sollte.“ Die Geschichte der Achse Berlin – Rom – Tokio stelle „die herkömmliche Vorstellung vom faschistischen Original und Kopie, Zentrum und Peripherie nachhaltig infrage“.

Das Vierteljahrhundert zwischen dem Ende des Ersten und dem des Zweiten Weltkriegs ist zur existenziellen Auseinandersetzung zwischen den drei großen, ideologisch bestimmten Machtblöcken geworden: den schwächelnden westlichen Demokratien, dem auch von internen „Säuberungswellen“ mitbestimmten und von der Sowjetunion gesteuerten kommunistischen Block und den faschistischen Mächten, die sich im Antikomintern-Pakt (1936) und im Achsen-Bündnis (1940) zusammenschlossen.

Hedinger unterstreicht seine Grundthesen mit zahlreichen, ausführlich gedeuteten Belegen für das vielfältige Zusammenspiel und die gegenseitige Radikalisierung der Achsen-Mächte. Seinen ersten Höhepunkt erreichen die Eroberungspläne der faschistischen Großmächte Mitte der 30er Jahre. Italien überfällt 1935 völkerrechtswidrig das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien. Hitler lässt im selben Jahr die Wehrmacht gegen die Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles in das Rheinland einmarschieren, erzwingt 1938 den „Anschluss“ Österreichs und zerschlägt im März 1939 die Tschechoslowakei.

Japan entwickelt sich trotz des gescheiterten Offizier-Putsches von 1936 zu einem Militärstaat, und dem Einmarsch in die Mandschurei (bereits 1931) folgt der Krieg mit China. Mit der Unterstützung Francos durch Italien und Deutschland im Spanischen Bürgerkrieg werden endgültig die Weichen gestellt, die in den Zweiten Weltkrieg führen. Am 1. September 1939 marschiert die deutsche Wehrmacht in Polen ein, Italien tritt am 10. Juni 1940 als Kriegsverbündeter an die Seite Berlins, und Japans Überfall auf die US-amerikanische Flotte in Pearl Harbor erfolgt am 7. Dezember 1941. Es ist tatsächlich nicht mehr ein Krieg der Nationen, sondern – das gilt auch mit Blick auf die antifaschistische Kriegskoalition – ein Kampf der Imperien.

Das Buch

Daniel Hedinger: Die Achse. Berlin – Rom – Tokio. C.H. Beck. 543 S., 29,95 Euro.

Denn alle diese Ereignisse waren miteinander verbunden. Die faschistischen Verbündeten blieben auch von Eitelkeit und Machtfantasien getriebene Konkurrenten. Sie schaukelten sich gegenseitig hoch, ihr jeweiliges Vorgehen führte fast immer zu einer Radikalisierung der beiden anderen Partner. Mussolinis Feldzug gegen Abessinien ließ Hitlers Risikobereitschaft unmittelbar wachsen – er befahl den Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland. Japan wiederum ermutigte das gewaltsame Vorgehen der faschistischen Großmächte Europas, seine Eroberungspolitik in China zu radikalisieren. Das Vorgehen der einzelnen Vertragspartner der Achsen-Mächte beschleunigte den Weg in einen Weltkrieg, der mit seinen Vernichtungsaktionen (etwa den Bombardierungen der Großstädte in Europa und Asien oder den rassistischen Verfolgungen) ohne jede Rücksicht auf die Zivilbevölkerung bis dahin unvorstellbare Formen annahm.

Im Hintergrund stand eine Ideologie, die die faschistischen Eliten sowohl in Berlin und Rom als auch in Tokio faszinierte. „Durch gesteigerte Gewalt und imperiale Expansion sollte das ,eigene Volk‘ gereinigt und die eigene Nation regeneriert werden. In diesen asiatisch-völkischen Wunschträumen einer sozialpolitischen Neuordnung erkannten die drei Mächte sich wieder, näherten sie sich an.“

Überzeugend konstatiert Daniel Hedinger, dass sich im Laufe der Jahre immer radikalere Formen „imperialer Herrschaftsausübung und kolonialer Kriegsführung“ durch die faschistischen Mächte herausbildeten. Was wiederum „die drei fortan immer stärker band“. Die Forschung zum Zweiten Weltkrieg habe „die Ursprünge des Krieges in aller Regel in europäischer Politik verortet“. Hedingers Studie entwickelt nun einen spannenden und für die Darstellung der Rolle der Achsen-Mächte neuen Blick: Schon Mitte der dreißiger Jahre, so der Münchner Historiker, habe sich „der Fokus auf außereuropäische, koloniale Ursprünge der Achse“ verschoben.

„Mit den Jahren nach den Tribunalen in Nürnberg und Tokio geriet weit mehr als nur die Achse in Vergessenheit“, bilanziert Hedinger. „Aus der Geschichte des Weltkrieges verabschiedete sich das Globale ... .“ Meist verkleinert die Geschichtsschreibung die Rolle Mussolinis und des Bündnisses der faschistischen Großmächte, sieht Japans Rolle häufig allein auf die Geschehnisse in Asien verkürzt und betrachtet Hitlers Rolle isoliert. Ohne die Beispiellosigkeit der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen auch nur ansatzweise infrage zu stellen, macht Hedinger deutlich, dass auch das Auftreten Deutschlands in der Geschichte des 20. Jahrhunderts einzubetten ist in einen globalen Bürgerkrieg, der erst mit der vollkommenen Niederlage seiner faschistischen Protagonisten und unter unsäglich hohen Opfern zu Ende ging.

Eine große historische Studie ist dem Autor gelungen. Ein Buch der Wissenschaft, das eine umfassende, überraschend neue und schlüssige Darstellung des Themas bietet. Einem breiteren Leserkreis wäre zu wünschen gewesen, dass die Flut der sperrigen Begriffe ein wenig zurückgedrängt und die eine oder andere Wiederholung eingespart worden wäre. Und doch, wer sich über die Geschichte der gewalttätigen Welt der Zwischenkriegs- und Kriegsjahre informieren will, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen.

Zumal in Jahren, in denen die populistischen, demokratiefeindlichen, vom faschistischen Gedankengut verblendeten Kräfte auch in Europa wieder eine fatale Rolle spielen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sich an das zu erinnern, was wirklich war, kann ein Schutzschild gegen Rückfälle bieten.

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