Daniel Cohn-Bendit vor ausverkauftem Haus 2009 im südfranzösischen Nimes. afp
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Daniel Cohn-Bendit vor ausverkauftem Haus 2009 im südfranzösischen Nimes. 

Daniel Cohn-Bendit

Daniel Cohn-Bendit „Unter den Stollen der Strand“: Jeder ist sein eigener Netzer

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Identität als Weg der Wahrheitsfindung: Daniel Cohn-Bendits Buch über seine große Liebe, den Fußball.

Daniel Cohn-Bendit hat sicher am Mittwochabend das Spiel Eintracht Frankfurt gegen Werder Bremen angesehen. Womöglich war er sogar im Frankfurter Waldstadion und sah den 2:0-Sieg der Eintracht. Er hat sich im Laufe seines 75-jährigen Lebens Tausende Spiele angesehen und Hunderte gespielt.

Für alle, die es nicht wissen: Daniel Cohn-Bendit ist kein Fußballspieler, sondern ein Politiker der deutschen und der französischen Grünen. Für beide saß er im Europaparlament. Vom Juli 1989 bis zum Februar 1997 war er ehrenamtlicher Stadtrat und Dezernent des Frankfurter Amtes für Multikulturelle Angelegenheiten. Zwanzig Jahre zuvor war er Stimme und Gesicht der aufständischen Pariser Studenten des Mai 1968.

Jetzt hat er ein Buch über seine große Liebe, eine seiner großen Lieben, über den Fußball geschrieben. Es ist die Autobiografie eines Fans. Es ist auch die Autobiografie eines Mannes, der vom Romantiker zum Realo wurde. Er besingt den brasilianischen Fußball, die Leistungen der großen Einzelnen, aber er beschreibt auch den Prozess, in dem er lernte zu begreifen, was die Vorteile einer gut geölten Maschine, was die Stärken des deutschen Fußballs waren.

Ich kann nicht beurteilen, ob Cohn-Bendit etwas beschreibt, das jeder halbwegs an Fußball Interessierte ebenso sieht oder ob er verblüffende Ein- oder Ansichten zum Beispiel zum französischen Fußball vorträgt. Ich interessiere mich nicht für Fußball, bin völlig ahnungslos.

Ich interessiere mich, das gehört sich nicht, ist aber so: für Cohn-Bendit. Er gehört zu den wenigen, an denen ich beobachten konnte, was Charisma ist, und was es mit den Menschen und mit dem, der es hat, macht. Darüber werde ich ein anderes Mal schreiben müssen. Denn hier geht es um den Fußball-Enthusiasten, der behauptet, sich noch heute an Spielverläufe, die fünfzig Jahre zurückliegen, erinnern zu können. Er weiß auch noch, dass damals, als er als Kind am Radio die Sportberichte hörte, zu Beginn der Sendung eben jener Baske die Erkennungsmelodie sang, der ein paar Jahre zuvor, als Cohn-Bendit noch nicht auf der Welt war, die inoffizielle Hymne des Vichy-Regimes gesungen hatte.

Cohn-Bendit wuchs mit seinem älteren Bruder in Frankreich auf. Dorthin waren seine Eltern – sein Vater war ein jüdischer Jurist aus Frankfurt am Main – vor der Vernichtung geflohen. Ganz nebenbei erfährt man, dass der Vater nach dem Krieg zurück nach Deutschland ging, weil er nur dort seinen Beruf praktizieren konnte. Die Frage: „Wieso kamen sie zurück?“ wird auf eine schrecklich banale Weise beantwortet.

Cohn-Bendits Enthusiasmus, der früher Tausende mitriss, ist auch in diesem Buch zu spüren. So schreibt er zum Beispiel über Günter Netzer: „Dank Netzers Ballbeherrschung, seiner grandiosen weiten Pässe, seiner Geistesblitze und Übersicht sowie Heynckes’ Schnelligkeit und Intuition entwickelte diese Elf (die deutsche Nationalelf von 1972) einen Spielfluss und eine Brillanz, die sie weder zuvor noch danach jemals wieder besessen hat.“

Daniel Cohn-Bendit: Unter den Stollen der Strand. Fußball und Politik. Kiepenheuer & Witsch 2020. 272 S., 22 Euro.

Danach kommen Sätze, die einen begreifen lassen, warum die Antiautoritären, die Antipädagogen, so begeistert waren – von Cohn-Bendit, vom Fußball jener Jahre? Netzer „galt als Provokateur, weil er beim Training lieber Däumchen drehte und sich auch auf dem Feld kaum bewegte: Beim Fußball müsse der Ball ,laufen‘, nicht der Mann. In Wahrheit war Netzer einfach nur das perfekte Gegenbeispiel für alles, was uns die deutsche Weltanschauung einzuimpfen versucht: Wer etwas werden will, muss hart dafür arbeiten. Das Talent steht erst an zweiter Stelle. Wenn überhaupt!“.

Identifikation wird gerne als Weg der Wahrheitsfindung genutzt. Cohn-Bendit glaubt sich in Günter Netzer zu erkennen. Ich weiß nicht, was davon stimmt. Keine Ahnung, ob Netzer wirklich Däumchen drehte so wie ich im Sportunterricht las und mir trotzdem stets eine Eins abholte, ob Cohn-Bendit wirklich so spontan reagierte, wie wir Beobachter, die ihn nicht näher kannten, ihn wahrnahmen. Ich weiß es nicht.

Aber dem Glauben, man könne, wenn man nur fleißig lerne, auf Versammlungen reden wie Cohn-Bendit es einst konnte oder so spielen wie Günter Netzer es ein paar Jahre lang tat, hat die Mehrheit der 68er niemals angehangen.

Sie hatten noch so viele Marx-Schulungen mitgemacht, nach denen sie nicht viel klüger geworden waren, dass sie die Konkurrenz flohen und sich, von Cohn-Bendit beredt unterstützt, der Alternativbewegung zuwandten, in der erst mal jeder sein eigener Günter Netzer war.

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