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Die Ärztin und japanische Astronautin Chiaki Mukai sieht von der Discovery aus die Erde.
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Die Ärztin und japanische Astronautin Chiaki Mukai sieht von der Discovery aus die Erde.

Lyrik

Diese schöne, verletzliche Heimat

  • Claus Leggewie
    vonClaus Leggewie
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Der Blick von außen: „Cosmos!“, ein Band mit planetarischer Poesie von Dana Ranga.

Die Domäne des Weltraums war lange von Science Fiction besetzt, dem Zwittergenre aus Astrophysik und Sternenmystik. Da oben konnte man, wie Ursula K. LeGuin oder Stanislaw Lem, horrende oder friedvolle Zustände jenseits des gewohnten Erdenlebens projizieren und Reisen in vergangene und künftige Zeiten starten. Space Poetry, eine jüngere Event-Form, greift Expeditionen von Giordano Bruno und Cyrano de Bergerac über Matthias Claudius bis Rolf Dieter Brinkmann und Durs Grünbein auf, die als Nächstliegendes den Mond ins Visier nahmen. Da war aber noch mehr: „Überfließende Himmel verschwendeter Sterne/ prachten über der Kümmernis. Statt in die Kissen/ weine hinauf ...“ dichtete Rainer Maria Rilke, und Lydia Daher träumt hinauf: „Mit einer einzigen Verszeile möchte ich vom Küchentisch aus auf dem Jupiter landen.“

Der Gedichtband von Dana Ranga kommt da fast prosaisch daher. Die als Schriftstellerin in Berlin lebende Rumänin ist mit Filmen über Astronauten und Kosmonauten bekannt geworden: „Story“ hieß die 2003 entstandene Dokumentation über den Vollblutraumfahrer Franklin Story Musgrave, der in den 1980er Jahren fünfmal in Space-Shuttle-Missionen unterwegs war. Es folgte 2007 ein Film über den russischen Ausnahmekosmonauten Waleri Wladimirowitsch Poljakow, der als Bordarzt 438 Tage nonstop im All verbrachte. Ihnen und einer Reihe weiterer Astronauten begegnet man in den 73 Gedichten im dritten Lyrikband der Autorin nach „Wasserbuch“ (2011) und „Hauthaus“ (2016), beide bei Suhrkamp erschienen. Dass dieser mit Nasa-Bildern illustrierte Band bei Matthes & Seitz erscheint, passt zu dem in diesem Verlag gepflegten Nature Writing. Auch Rangas Arbeiten pflegen eine genaue Naturbeobachtung und setzen kosmologische Ausrufezeichen.

„Cosmos!“ verdichtet Originaltöne amerikanischer, russischer und weiterer Weltraumfahrer – und Weltraumfahrerinnen, darunter Susan Helms und die japanische Herzchirurgin Chiaki Mukai. Schon Edgar Mitchell, der als Pilot der Apollo-14-Mission 1971 als sechster Mensch den Mond betrat, war beim Erdaufgang vor seinen Augen in demütiges Schwärmen geraten: „Man entwickelt hier oben spontan ein globales Bewusstsein, eine Zuwendung zu den Menschen, eine starke Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt und den Drang, etwas dagegen zu unternehmen. Von da draußen auf dem Mond sieht die internationale Politik so kleinlich aus. Du willst einen Politiker beim Genick packen, ihn eine Viertelmillion Meilen heraufziehen und ihm sagen: ‚Schau dir das an, du ‚Hurensohn‘“ („People Magazine“ 1974).

Das Buch

Dana Ranga: Cosmos! Matthes & Seitz, Berlin 2020. 114 Seiten, 20 Euro.

Weniger zornig fragte sich Story Musgrave bei seiner „Reise ins All“, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Was es braucht, Raumfahrer zu werden, ist „Motivation – Logisches Denken – Technisches Verständnis – Empathie – Konzentrationsfähigkeit – Ausdauer – gutes Gedächtnis – Flexibilität – Koordination – Extroversion – Raumgefühl – Persönliche Wärme – Loyalität – Entscheidungsfähigkeit – Sinn für Humor und könnte auch für Formel-1-Piloten, CEOs und angehende Eltern passen. Das Training ist banal, abgesehen vom Drehstuhltest, da oben ist es eng, laut, heiß, schlaflos, verregelt, eintönig.“ Aber: „die Galaxie leuchtete so stark – es war dramatisch – nicht erschreckend – sondern mächtig – herrlich!“

Dana Rangas lakonische O-Ton-Notate bringen einem ein Unternehmen näher, das nach anfänglicher Euphorie, bedingt durch Katastrophen und Gewöhnung, rasant in der Publikumsgunst gesunken war – und jetzt durch Mars-Fantasien und als privat-kommerzielles Unternehmen wieder neue Aufmerksamkeit gewinnt.

Kritische Stimmen finden die Raumfahrt zu stark auf militärische und neuerdings kommerzielle Ziele ausgerichtet und im Sinne einer ökologischen Transformation ganz abwegig; Milliarden für Luftbuchungen im Weltraum sollten lieber handfest auf der Erde eingesetzt werden. Die miserable Ökobilanz der Raumfahrt sollte allerdings nicht vergessen machen, dass sie in ihren Anfängen einen unbeabsichtigten Nebeneffekt auslöste: Der Blick aus der Raumkapsel („Earthrise“) löste eine Selbstreflexion über einen bedrohten Planeten aus.

Thomas Reiter, 1995 deutscher Raumfahrer auf der Mir, hat der Dichterin zu Protokoll gegeben, wie sich der Blickwinkel verschoben hat: „Man braucht neun Minuten – um über Europa – hinweg zu fliegen – Man rückt gewisse Probleme – politische Probleme – in eine angemessene Perspektive.“

Story Musgrave, der nach seinem Abschied von der Nasa in Houston Literatur studiert hat, wünschte sich, Künstlerinnen und Künstler aus allen Sparten würden in einer neuen Sprache über den Weltraum kommunizieren. Das macht dieser schöne Band – und zeigt, wie der Kosmos uns zu echten Kosmopoliten machen könnte.

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