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Die Schriftstellerin Dana Grigorcea, in Bukarest geboren, lebt schon lange in Zürich.
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Die Schriftstellerin Dana Grigorcea, in Bukarest geboren, lebt schon lange in Zürich.

Vampir-Roman

Dana Grigorcea: „Die nicht sterben“ – Die Erbinnen des Fürsten Dracula

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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In „Die nicht sterben“ erzählt Dana Grigorcea eine so verträumte wie beinharte Schauergeschichte.

Literarische wie menschliche Tollkühnheit steckt in den Büchern von Dana Grigorcea – selbst der kleinen, zivilisierten Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ –, aber in „Die nicht sterben“ treibt sie es weit. „Die nicht sterben“, das sind die Vampire und Zombies aus den Gruselgeschichten, aber auch die Schurken und Lumpen der diesseitigen Welt, und in diesem transsilvanischen Roman wird es einen nicht überraschen, dass Dracula persönlich seinen Auftritt hat.

Grigorcea, 1979 in Bukarest geboren, lebt schon lange in Zürich. Ihrem markanten Auftritt beim Wettbewerb in Klagenfurt folgte 2015 der Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“. Dessen fantastischer, aber illusionsfreier, frei flottierender Blick auf Schrecken und Alltag der rumänischen Gesellschaft vor und nach Ceausescu findet sich auch in „Die nicht sterben“.

Grigorcea nimmt uns nicht bei der Hand, um uns sicher durch ihre Bücher zu führen, obwohl sie sich frecherweise sogar den Anschein gibt, das zu tun. So spielt die Erzählerin diesmal eine klassische Führerin durch ein klassisches Gruselmärchen – schon weist sie voraus auf „jene große, empörende, mich fassungslos und innerlich nackt zurücklassende Geschichte mit ... dem Fürsten“. Bald ertönen nächtliche Schreie und füllt grünlicher Nebel die Familiengruft. Aber so einfach ist es nicht, auch wenn jeder, der einmal wieder Details über das Pfählen in einem gehobenen Roman lesen will, voll auf seine Kosten kommt. Leserinnen und Leser sollten sich jedoch darauf einstellen, von der Erzählerin und der Autorin ganz allein gelassen zu werden. In einer ungemütlichen Umgebung.

Das Buch

Dana Grigorcea: Die nicht sterben. Roman. Penguin Verlag, München 2021. 264 Seiten, 22 Euro.

Gesichert lässt sich sagen, dass eine junge Malerin von Bukarest aus aufs Land fährt, wo sie bereits in ihrer Kindheit Ferientage bei ihrer eigenwilligen Großtante und deren Freundeskreis verbracht hat. Die einst enteignete und für die Ferien regelmäßig angemietete Villa ist nach der Wende an die Familie zurückgegangen. Die schon zuvor für die Aufenthalte stets in den Keller geschaffte „Kommunistenkitsch“-Ausstattung ist allerdings mangels einer Müllabfuhr im Städtchen B. auch weiterhin nicht dauerhaft loszuwerden. Was vorbei ist, ist noch lange nicht weg.

Ohnehin treibt die vergnügte intellektuell-künstlerisch-großbürgerliche Clique der Großtante in der Villa offenbar schon immer, wozu sie Lust hat. Scherze über Opern werden hier ebenso verstanden wie selbstverständlich auf Französisch zitierte Emil-Cioran-Wendungen.

In „Die nicht sterben“ zeigen sich Fantasie und Geschäftssinn

Grigorcea weiß das Milieu – auch dieses scheint, oft genug totgesagt, nicht zu sterben – und sein ungebrochenes, durchaus snobistisches Selbstbewusstsein so plastisch zu packen, dass man nichts dagegen hätte, hier zu bleiben und weiter zuzuhören. Nun gilt es aber, für eine Bestattung in die lange nicht mehr genutzte Gruft auf dem Friedhof von B. herunterzusteigen. Das Grauen lauert dort, aber Grigorcea gönnt uns nur grelle Schlaglichter wie im schönsten B-Movie. Mehr, zeigt sich, muss die Gesellschaft im postkommunistischen Rumänien – und überall – auch nicht darüber wissen, damit sich Fantasie und Geschäftssinn entzünden.

Der zentrale Satz der Malerin, die als jüngste Verwandte nach unten geklettert ist, lautet „Da ist jemand“ und wird in allen Medien zitiert. Ein älterer Plan, in B. einen Dracula-Themenpark zu errichten, bekommt neue Nahrung. Die örtliche Politik – die sich von den alten Kadern personell nicht zu unterscheiden scheint – klemmt sich dahinter. Die dazugehörigen Floskeln sind vertraut. „Man müsse auf jeden Fall entschiedener sein und vorwärtsgehen.“

„Die nicht sterben“ könnte sich zu einer Satire ebenso gut wie zu einer Groteske wenden, aber Grigorcea und ihre Erzählerin haben anderes im Sinn. Wie die junge Frau abhebt und sich – sagen wir es, anders als sie selbst, geradeheraus – als Vampirin auf eine Flugreise über B. begibt, so gerät auch der Roman selbst in einen Schwebezustand zwischen Realismus und Traumsequenzen. Zeitliche Abfolgen sind rigoros aufgehoben. Die Erzählerin, die ihren Zustand nicht reflektiert, aber zu ihrem Schrecken auch kein Spiegelbild mehr hat, verdient am keimenden Dracula-Tourismus ein ordentliches Geld als Schnellmalerin. Auch erzählt sie dem internationalen Publikum auf dem Friedhof bereitwillig von Vlad dem Pfähler.

Die historische – keineswegs untragische – Figur erscheint als Gerechtigkeitsfanatiker (nur seiner, absolut seiner Gerechtigkeit und deren übler Logik). „Und ich sagte, dass Vlad Dracula so blutrünstig erscheinen mag, weil man das Leben im Allgemeinen höher einstuft als den eigenen Glauben und die Moral. Und da gab man mir recht, was mich belustigte.“ Weil Leute immer leicht jemandem recht geben, wenn die Worte nur schwungvoll genug sind.

Während aber die Touris die Geschichten mit der „Wohligkeit“ der Unbetroffenen genießen, ist die Affäre in B. nicht vorbei. Grigorcea, die wirklich alles in der Schwebe hält, lässt ihren Vlad und seine Erbinnen aktuelles Unrecht rigoros ahnden. Auf der anderen Seite vereinnahmen auch die windigen Politiker den Fürsten, der so knallhart für Ordnung gesorgt hat. Wo will die Obrigkeit das nicht, knallhart für Ordnung sorgen, und wo findet sich dafür nicht ein Wahlvolk? Das immer denkt, ihm selbst werde es schon nicht an den Kragen gehen dabei. So läuft die Fantasterei auf bitteren Realismus hinaus.

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