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Siesta in einem kroatischen Dorf in Jugoslawien, 1975.

Kroatien

Damir Karakaš: „Erinnerung an den Wald“ – Laios und Ödipus auf dem Dorfe

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Endlich gibt es wieder eine Gelegenheit, den markanten kroatischen Schriftsteller Damir Karakaš kennenzulernen.

Das kleine Dorf, die große Stadt. Der böse und der gute Opa. Der Junge wächst in einer Schwarzweiß-Welt mit klaren Schatten auf. Vater schlägt, Mutter heult. Auf dem Herd steht Kraut mit Fleisch. Die Kinder gehen in die Schule und wenn nicht, gehen sie mit dem Vieh. Der große Bruder ärgert die kleine Schwester. Alle Gegenstände in dieser kargen, reizarmen Kinderwelt haben ihre Aura. Coca-Cola, das Kinoplakat im Nachbarort, der Plastik-Indianer mit dem appen Bein. Stark werden, schnell fahren, gut schießen können: Das sind die Träume der Jungen. Vom Vater endlich anerkannt werden.

Das Stück Leben spielt sich ab in einem kroatischen Dorf in der langen, hier noch viel längeren Nachkriegszeit. Die jüngere Geschichte mit den vielen Toten überschattet das Geschehen wie eine düstere Kulisse. Aus der schlimmen Zeit ist übrig geblieben, dass man keine „verbotenen Lieder“ singen darf und dass der Junge vielleicht nicht zum Militär kann. Weil, der Opa war bei den Ustascha. Viel wichtiger als die Ruinen der Vergangenheit sind jetzt, wohl in den siebziger Jahren, die Etappen des Fortschritts: das erste Auto, die Wasserpumpe, das neue Haus.

Das Personal ist so archetypisch wie in einer griechischen Tragödie. Da ist „Schildkröte“, der es im Fußballklub der Kreisstadt bis auf die Ersatzbank geschafft hat und zu Hause mit Moped und Sprüchen Eindruck macht. Mladen, der auf einmal im Gefängnis ist. Die Kinder sind verschieden groß und verschieden gut in der Schule, aber bei allen Kontrasten halten sie gegen die Erwachsenenwelt zusammen – vor allem gegen den hinterhältigen Opa Mile. Ständig wird jemand krank, ab und zu stirbt einer. Alles das erzählt Damir Karakaš in einer einfachen, aber sehr reichen Sprache, und Klaus Detlef Olof hat es in ein ebensolches Deutsch großartig übersetzt.

Im Mittelpunkt des schmalen Romans die Beziehung des Jungen zum Vater. Mit einem Herzfehler zur Welt gekommen, muss der magere Junge sich besonders anstrengen, um in der Welt des Vaters, die aus körperlicher Arbeit und sozialer Behauptung besteht, etwas zu gelten. „Warum schafft Gott so etwas, was nicht zum Leben taugt?!“, schreit der Vater, wenn er sich gehen lässt. Aber der Junge geht an den Kränkungen nicht zugrunde. In der harten Welt gedeiht auch ein starker Lebenswille.

Damir Karakaš: Erinnerung an den Wald. Roman. A. d. Kroat. v. Klaus Detlef Olof. Folio Verlag, Bozen/Wien 2019. 146 S., 20 Euro.

Vater-Sohn-Tragödien sind in der Literatur Legion; geschrieben werden sie stets vom Sohne, und der Vater kommt selten einmal gut weg darin. Aber in der harten Welt des kroatischen Dorfes ist für die Psychologie und ihre wort- und trickreichen Deutungen kein Wort, und so treten die archaischen Widersprüche deutlich hervor. Bald ist der Sohn stark genug, den Vater zu verhauen: Der Prozess lässt den Vater in ambivalenten Gefühlen zurück. Auf ein zartes Lob für die ersten Bewährungen bei der Arbeit folgt die tiefe Demütigung. Gestern hat der Sohn gewünscht, der Vater möge ihn endlich wahrnehmen. Heute hofft er: Hoffentlich stirbt er. Wenn der Vater über den kranken Sohn weint, weint er über sich selbst.

Erzählt ist die Geschichte in kleinen Episoden von wenigen Seiten, in chronologischer Ordnung, so das langsame Heranwachsen nachzeichnend. Fast jede Episode ist ein Juwel.

Einmal fährt der Junge in die große Stadt. Er hat Haselnüsse gesammelt und will sie jetzt an die Schokoladenfabrik verkaufen. Übernachten kann er bei der Tante, die sich schick macht und einen ganz fremden, bürgerlichen Lebensstil pflegt; zum ersten Mal verortet der Junge seine kleine Welt in der großen. Der Mann in der Süßigkeitenfabrik ist höflich. Aber er lässt die Haselnüsse durch ein Sieb plumpsen und sagt: Die sind alle zu klein für uns.

Ein anderes Mal kommt ein kunstbeflissener Lehrer ins Dorf, ein ehrgeiziger Musiker, der einen Konzertflügel für das Klassenzimmer auftreibt und verfügt, dass die Bänke dafür zusammengeschoben werden. Eines Morgens hat jemand zwischen die Saiten geschissen, und das teure Gerät ist unbrauchbar. Der Pianist verlässt hastig das Dorf. Einmal schließlich, ein einziges Mal, geht der Vater zum Elternsprechtag. Der Junge freut sich, denn er hat gute Noten und die beste Aussicht, vom Lehrer vor dem Vater gelobt zu werden. Aber der Lehrer passt sich lieber den finsteren Erwartungen des Vaters an und beschuldigt den Jungen stattdessen aus heiterem Himmel, einen Stift gestohlen zu haben.

Damir Karakaš, Jahrgang 1967, stammt aus einem Dorf in der Lika, einer kargen Region im Hinterland der Adria, genau da, wo auch der Roman spielt. Sein abwechslungsreicher Lebenslauf weist den Karikaturisten, Kriegs- und Polizeireporter und Pariser Straßenmusikanten als einen der letzten Vertreter einer Bohème aus, die mit dem Untergang Jugoslawiens verschwunden ist.

Das reiche schriftstellerische Werk von Karakaš kreist um das Dorfleben, um die Jahreszeiten, um das Elementare. Außer der „Erinnerung an den Wald“ ist bisher nur ein weiterer Roman auf Deutsch erschienen – „Ein herrlicher Tag für das Unglück“, im Jahr 2014 im Dittrich Verlag. Es gibt noch viel zu tun; für Karakaš ebenso wie für seine deutschen Verleger.

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