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Damen vor Kriegskulisse

Andere Eros-Ära: Stephen Vizinceys Roman "Wie ich lernte, die Frauen zu lieben" aus dem Jahr 1965

Von URSULA MÄRZ

Unter den klassischen Männerphantasien ist wohl jene die kindlichste, die die Welt des anderen Geschlechts in ein Paradies der Verfügbarkeit, in einen freundlich-friedlichen Harem verwandelt. Es ist das erotische Paradies des Casanova. In diesem Paradies gibt es keine Monogamie und keine dauerhaften Widerstände, keine Gewalt und keine Sublimation. Von einer solchen Welt mitten im katastrophalen 20. Jahrhundert erzählt der ungarische Schriftsteller Stephen Vizinczey in Wie ich lernte, die Frauen zu lieben. Der Roman kam 1965 in Kanada heraus unter dem thematisch etwas anders orientierten Titel In Praise of Older Woman. Er erschien vor Jahren auch bereits auf deutsch und wurde nun von dem jungen Verlag Schirmer-Graf in einer erneuerten Übersetzung noch einmal auf den Buchmarkt befördert.

Es ist ein Werk der reinsten Nostalgie - in dreifacher Hinsicht. Denn auf dreifache Weise lenkt die Geschichte, lenken ihr Stoff, ihr Sujet, ihr Stil, den Blick in die Vergangenheit. Zum einen ist es der Ich-Erzähler selbst, der halb schwärmerisch, halb buchhalterisch auf den Frauenliebhaber zurückschaut, der er in jungen Jahren war. Sein Name ist Andras Vajda. Er ist, erfahren wir, inzwischen Professor der Philosophie und lehrt diese an einer amerikanischen Universität. Zum zweiten wird der Leser in eine Erosepoche zurückversetzt, die spürbar vor der sogenannten sexuellen Revolution lag. Die Liebesabenteuer des jungen Ungarn Andras Vajda beginnen ziemlich genau mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Andras, gerade dem Kindesalter entwachsen, in Österreich als Kuppler zwischen ortsansässigen Frauen und Soldaten der US-Armee fungiert. Und ihre Erzählung endet mit den 50er, frühen 60er Jahren, als der Philosophiestudent Andras nach dem Ungarn-Aufstand Budapest verlässt und nach Kanada exiliert. Kurz darauf erschien auch der vorliegende Roman. Die Lektüre fordert also eine gewisse historische Rekonstruktion heraus. Drittens aber geht der Roman atmosphärisch hinter seine eigene Erzählzeit zurück. Er erzählt von Budapest und Budapester Frauen in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, er frönt der Sexualität, er verherrlicht den Typ der erfahrenen Frau zwischen 30 und 40 Jahren, er entwirft eine reichlich konventionelle Phänotypologie des weiblichen Geschlechts, die von der lüsternen Ehefrau bis zur frigiden Intellektuellen reicht. Dabei beschwört er aber eine Lebenswelt, eine Lebensluft herauf, die man aus den Büchern Schnitzlers, aus der Bel-ami-Literatur, aus der Kunst des Belle Epoque, kurzum aus dem späten 19. Jahrhundert, der Jahrhundertwende und den Spuren im frühen 20. Jahrhunderts kennt.

Dieser Roman ist eine einzige große Hommage an ein altes, mit dem Ersten Weltkrieg untergegangenes Europa mit seinen aristokratisch-bohemehaften Sitten und libertären Gebräuchen. Eine Welt, in deren Phantasie erfahrene Frauen überhitzte Jünglinge in die Liebe einführen und die Erkenntnisse Dr. Freuds in direktester Form auf die Literatur und den Erzählverlauf von Romanen einwirken. Zum Verführer, resümiert Andras Vajda, wurde er nämlich als Kind im Salon seiner Mutter, im Kreis ihrer parfümduftenden Freundinnen und weiblichen Verwandten, die zum Kaffee kamen, eine nach der anderen den kleinen Andras an ihre herrlichen Brüste drückten, den ödipalen Prinzen - Urbild des Harems - liebkosten, verwöhnten, bewunderten. Der Schritt in die Sexualität macht aus dem Prinzen einen Hedonisten. So einfach ist das.

Eine gewisse Harmlosigkeit, der Leichtigkeitscharme von Flirt und Verführung liegt über dem ganzen Roman und verleiht ihm eine trügerische Oberfläche. Denn das Liebesleben des jungen Ungarn, der Kapitel um Kapitel von einer Frau zur nächsten erzählt, von Klari und Ilona, Zsuzsa, Boby, Paola und Ann, vollzieht sich vor der historischen Kulisse von Krieg, Diktatur und Exil. Der Vater von Andras wurde von den Nationalsozialisten ermordet, Andras selbst flüchtet keine zwanzig Jahre später vor den Stalinisten aus seine Heimat. Der Roman inszeniert die private Idylle des Sexuellen als Widerstandsnest gegen den Übergriff von Politik und Zeitgeschichte. In dieser Spannung liegt seine aktuelle Qualität.

Ein leichter Staubfilm bedeckt dennoch das vierzig Jahre alte Buch, das uns vielleicht ein wenig frischer entgegen käme, wenn es über ein instruktives Vor- oder Nachwort verfügte. Stephen Vizinczey ist nicht gerade ein geläufiger Name. Und so ganz ohne Kommentar, was es mit seinem Leben und Werk auf sich hat, wirkt auch seine sympathische Romanfigur, der Liebesabenteurer und Exil-Europäer Andras Vajda ein wenig allein gelassen.

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