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"Motörhead ist als Begleitmusik unerreicht. Sehr effizient, sehr ,wuähh!?", sagt Virginie Despentes.

Virginie Despentes

"Damals gab es wirklich gute Pornos"

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Die französische Schriftstellerin Virginie Despentes über den Verlust von Substanz im Internetzeitalter, Verwandlungen und Veränderungen, ihren Roman "Vernon Subutex" und die passende Begleitmusik.

Frau Despentes, wie kamen Sie auf „Vernon Subutex“?
Als ich 2012 aus Barcelona nach Paris zurückkehrte und zu schreiben begann, waren um mich herum alle deprimiert und frustriert. Was Vernon in dem Roman erlebt, nämlich mit 50 keine Arbeit mehr zu haben, sah ich um mich selbst herum. Viele meiner Freunde hatten Paris verlassen, andere sich mit Internet abgekapselt. 
 
Die Geschichte lässt mich an den Namen denken, den Sie mit 25 angenommen haben – Despentes, nach dem Prostituierten-Viertel in Lyon, zu Deutsch „Abhang“. Im Buch geraten alle Hauptfiguren in Schieflage ... 
Ich wohne auch jetzt „am Hang“, hier in den Buttes-Chaumont in Paris, und ich habe auch schon an der Hügelseite von Montmartre gelebt. Ich mag dieses Bild des Abhangs. Denn im Leben geht es auch meist auf- oder abwärts; man lebt selten im Flachland vor sich her. Als ich den Namen „Despentes“ wählte, hatte ich allerdings nicht diese Idee im Kopf, sondern eine Verbundenheit mit diesem Viertel in Lyon.
 
So düster das Buch ist, bringt es einen doch oft zum Lachen. Je schwärzer, desto komischer?
Ich lese viel und lache dabei gerne. Das will ich auch meinen Lesern nicht vorenthalten. Ab und zu kann es in den extremsten, schwärzesten Momenten etwas Spott geben. Dann kann man besser atmen.
 
Gehört dazu auch Zynismus? Jean Genet, bekanntlich auch kein Waisenknabe der französischen Literatur, sagte, der Zynismus sei der Weg, die Welt zu sehen, wie sie wirklich sei.
Die Epoche ist zynisch, doch ich selbst bin es nicht, denke ich. Dafür bin ich zu emotional, zu wenig distanziert. Genets Zynismus war auch eine Art rettende Intelligenz, die vielleicht nur möglich war, weil er selbst nicht in einer zynischen Zeit lebte. 


 
Ein Kritiker vermutete, Sie schrieben, um sich nach Ihrer Vergewaltigung als Teenagerin an den Männern zu rächen. Ist da etwas dran?
Ich denke nicht. Ich versuche die Männer zu verstehen. Auch zu verstehen, was in den Köpfen so vieler Männer vorgeht, die verwirrt sind, rassistische und fremdenfeindliche Sprüche von sich geben. Wenn ich mich rächen wollte, würde ich keine Bücher schreiben.

Eine Ihrer Figuren sagt, es sei eine Utopie, mit einem Mann eine gute Beziehung zu haben.
Das sage nicht ich! Ich habe gute Beziehungen zu befreundeten Männern, fühle mich von ihnen auch nicht speziell verraten. Sie sind nicht alle gleich. Zweierbeziehungen Mann-Frau sind allerdings schon kompliziert. Deshalb bin ich heute lieber mit einer Frau zusammen. 
 
Aus Ihren früheren Erklärungen würde man fast schließen, Sie hätten sich bewusst dafür entschieden, mit 35 lesbisch zu werden. Kann man das einfach entscheiden?
Das nicht; allerdings entscheiden sich viele Leute dafür, ihre Homosexualität nicht zu leben, weil sie den gesellschaftlichen Preis dafür nicht zahlen wollen. Ich hatte mich einfach von einer Frau angezogen gefühlt und Lust, diese Geschichte auszuleben – und zwar ganz. Es war eine sehr positive Erfahrung. Noch heute fühle ich mich weniger unter Druck, sexuell „gut“ sein zu müssen.

Wie stehen Sie heute zum Pornomilieu, in dem Sie jahrelang verkehrten?
In den neunziger Jahren war Pornographie in Paris fast ein kulturelles Phänomen, mit Preisverleihungen, den „Hot d’or“, und Regisseuren mit eigener Handschrift. Heute ist das durch die Konkurrenz von Internet weitgehend verloren gegangen.
 
War und ist die Pornosparte nicht eine Männerdomäne?
Nicht nur. Es gab weibliche Pornostars, die einen Status wie Fußball- oder Musikstars hatten. Ich hatte unter ihnen gute Freundinnen; einige spielten auch im Film „Baise-Moi“ mit. Damals gab es wirklich gute X-Streifen (wie Pornofilme in Frankreich heißen, die Red.), die unsere Bilder und Fantasien weiterbrachten. Heute gibt es kein Geld mehr für solche Filme. 
 
Schaut eine Frau Porno mit anderen Augen als ein Mann?
Der Motor ist derselbe – die sexuelle Erregung. Abgesehen davon ist es von Frau zu Mann, aber auch von Mensch zu Mensch verschieden, was einem gefällt oder was einen abstößt. Rocco Siffredi (italienischer Pornodarsteller, die Red.) sagte mal, nach seiner Erfahrung seien es die Frauen, die explizite oder extreme Szenen wollten. Ich sprach mit vielen Frauen, wenn ich Rezensionen von X-Filmen verfasste. Frauen haben da keine sanfteren oder romantischeren Ansichten. Der französische X-Regisseur Marc Dorcel drehte seine romantischsten Filme für Männer.
 
In „Vernon Subutex“ schildern Sie sehr hautnah, wie ein Mann Sex mit einer Transsexuellen erlebt. Erstaunlich, wie gut Sie sich in den Kopf von Männern hineinversetzen können!
Ich spreche mit ihnen viel darüber. Was die Transen angeht, habe ich das Gefühl, dass viele Männer den Umgang mit ihnen schätzen würden, wenn es gesellschaftlich zugelassen wäre.

In Paris ist der Stadtwald Bois de Boulogne bekannt für den Transen-Strich. 
Ja, das scheint Männer zu erregen. Aber die Transen sind auch sehr feminin! Und sehr überzeugend, weil sehr überzeugt von ihrer Umwandlung, die viel Mut erforderte. Die leben ihre Femininität, ihr Frausein voll aus, und das zieht die Männer an.
 
Verbirgt sich dahinter auch eine Form von Homosexualität?
Ich glaube nicht. Es ist eher die Suche nach einer Form von Femininität. Nehmen Sie die Drag Queen Rupol, eine Schönheit. Könnten alle Leute ihre Sexualität auf diese Art ausleben, gäbe es viel mehr Mischformen, denke ich. Der reine „mec“ (Französisch für Kerl) mit einer reinen „meuf“ (Frau), das wäre vielleicht gar nicht so häufig. Die Wahrheit ist oft komplexer, subtiler. Und dann ändert man sich selbst! Mit 20, 30 oder 50 Jahren hat man nicht unbedingt die gleichen sexuellen Bedürfnisse. Die Orientierung kann sich durchaus ändern, wenn man ehrlich auf sich hört.
 
Das Thema des Wandels, ja der Umwandlung, zieht sich durch Ihr ganzes Buch, nicht nur im sexuellen Bereich. Eine Christin konvertiert zum Islam, eine dünne Frau setzt Gewicht an ...
Ja, diese Prozesse interessieren mich sehr. Man ändert sich, wird älter, es geht bergauf, bergab. Und zwar für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Beides versuche ich in „Vernon Subutex“ zu beschrieben.
 
Häufig unterziehen Sie auch den Körper einer Verwandlung. Stichworte Tätowierung, Schönheitschirurgie, Anorexie, bis hin zur Geschlechtsumwandlung: Wird der arme Körper in der heutigen Zeit nicht zunehmend operiert, manipuliert, transformiert?
Schon – und oft wird auch der Zweck verfehlt. In dieser neuen Besessenheit mit dem Körper ist es mir, als fühlte man sich heute als der Privatbesitzer seines Körper-Unternehmens. Man kauft Muskeln, Schönheit, Jugend. Ich habe dafür teilweise Verständnis: Der Körper ist schließlich das, worin man ständig steckt; man hat Lust, sich darin wohl zu fühlen, ihn seinen Bedürfnissen anzupassen. Was ich aber nicht verstehe, sind die Zwölf- oder Vierzehnjährigen, die nur noch mit Instagram leben, als wähnten sie sich in einer Realityshow. Sie haben eine ganz andere Beziehung zu ihrem Körper. Er wird zu ihrer Pose, ihrem Design. 


 
Man hat den Eindruck, aus „Vernon Subutex“ spricht eine Wehmut über den Verlust, auch von handfesten Objekten wie der Schallplatte?
Dieses Gefühl ist sehr stark. Ich glaube, die Generation der Fünfzigjährigen kennt dieses Gefühl vom Verlust einer ganzen Welt. Internet ist ja ganz lustig, doch es wirft unser Leben über den Haufen. Die Welt, die wir in den achtziger, neunziger Jahren kannten, ist am Verschwinden. 
 
Was meinen Sie als Feministin und Ex-Prostituierte zu den Bußen, die Frankreich 2016 gegen Freier eingeführt hat?
Ich habe die Debatte genau verfolgt und glaube weiterhin nicht, dass das eine gute Entscheidung war. Auch nicht für die Prostituierten. Das wird ihre Arbeitsbedingungen nicht verbessern. Im Gegenteil wird es sie in die Hinterzimmer vertreiben. Dort arbeiten schon viele Chinesinnen für einen Hungerlohn. Ihre Lage verschlechtert sich ständig.
 
Sind die Feministinnen in dieser Frage gespalten?
Ja, es gibt zwei Lager. Ich gehöre zum Pro-Sex-Lager, wie man in den USA sagt; ich glaube, es braucht die Arbeit der Prostituierten, als richtige Arbeit wohlgemerkt, mit einer korrekten Entlohnung. Ich bin auch für die Pornographie, habe viele Freunde in diesem Metier, auch Stripteaseusen. 

Sie sind vom Punk zum Star geworden – wie fühlt sich das an?
Es ist sehr angenehm. Was nicht heißt, dass es ewig dauern muss. Die Pariser Kritiker sind sehr einheitlich – und sehr wechselhaft.
 
Sie sind heute Mitglied der PrixGoncourt-Jury, die den wichtigsten Literaturpreis im frankophonen Raum vergibt. Wie würden Sie „Baise-Moi“, Ihren Trash-Roman von 1993, heute beurteilen? 
Ich wäre ziemlich schockiert (lacht). Aber ich fände den Inhalt auch sehr aufrichtig. Ich war damals 23 Jahre alt und schwer drauf, wie die Punkmusik jener Zeit. Heute mag ich Rap. Gewiss, die Rapper lassen schreckliche, hypersexistische Dinge raus. Aber ihre Musik, die sitzt. Die passt in die Zeit. 

„Vernon Subutex“ ist auch ein Buch über Rockmusik und lebt nicht zuletzt von Ihrem sehr eingängigen Tonfall. Was meinen Sie, welche Band oder welcher Song käme dem Despentes-Sound am nächsten? 
Motörhead. Ich denke auch an die beeindruckende Janis Joplin, aber wenn ich mich entscheiden müsste, wäre es Motörhead. Als Begleitmusik unerreicht. Sehr effizient, sehr „wuähh!“ 
 
Haben Sie die Autobiographie von Keith Richards gelesen?
„Life“? Ja, ich mag Musikerbiographien. 
 
Die Hälfte des Buches dreht sich um Drogen ...
Es ist ein gescheites Buch. Wenn einer dieser Rocker überlebt hat, hat er meistens etwas zu erzählen und zu sagen. Und die Stones mag ich nach wie vor.
 
Auch Opa Jagger auf der Bühne?
Als ich ihn das letzte Mal live sah, waren nach dem Konzert alle glücklich, und niemand lästerte über Großvater-Rock. Keine Ahnung, wie Jagger das mit 74 hinkriegt. Gestern habe ich Nick Cave in Paris gesehen, das Konzert war vom Feinsten. Zweieinhalb Stunden ohne einen langweiligen Moment – und das mit mehr als 60 Jahren!
 
Dann besteht ja noch Hoffnung aufs Alter hin ...
Individuell ja. Skeptischer bin ich, in welcher Welt das sein wird.

Das Interview führte  Stefan Brändle

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