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Bis er dahinflog

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Von: Sylvia Staude

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Mit Blick aufs meerumflossene Wales: Hier, in seiner „Schreiberhütte“ in  Laugharne, arbeitete Dylan Thomas viele Jahre.
Mit Blick aufs meerumflossene Wales: Hier, in seiner „Schreiberhütte“ in Laugharne, arbeitete Dylan Thomas viele Jahre. © rtr

Zum 100. Geburtstag des großen, klangmächtigen walisischen Dichters Dylan Thomas, geboren am 27. Oktober 1914 in Swansea, gestorben kurz nach seinem 39. Geburtstag in New York.

Volle Lippen; stumpfe Nase; krauses, mausbraunes Haar (...) ein großspuriger Jüngling, ein Bohemien aus der Provinz, um den Hals als bauschiggebundene Künstlerkrawatte den Seidenschal der Schwester (...) ein schwadronierendes, ehrgeiziges, abgebrüht tuendes, anspruchsvolles Bürschchen; und zu allem übrigen noch kurzsichtig.“ (Dylan Thomas über Dylan Thomas)

Der walisische Schriftsteller Dylan Thomas, geboren am 27. Oktober 1914 in Swansea, gestorben kurz nach seinem 39. Geburtstag in New York, hat in vielerlei Hinsicht die Rollenklischees eines Dichters erfüllt – eines Dichters der wild-genialischen Variante, nicht der scheu-mimosenhaften. Das früh explodierende Talent gehört dazu: Mehr als 200 Gedichte soll er vor seinem 20. Geburtstag geschrieben, immerhin etwa ein Viertel davon später der Veröffentlichung für wert befunden haben. Die rasant genommenen Lebenskurven gehören dazu: Das Verlassen der Schule mit 16, ohne Abschluss (dabei war sein Vater Lehrer), die kurze Journalistenlaufbahn, das Jobben und Anecken allerorten. Er war schnell verliebt und verheiratet, mit 23 – sie hieß Caitlin und war Tänzerin –, dann bald Vater und untreu. Und keine große Würdigung oder auch nur knappe Erinnerung an Dylan Thomas kommt ohne die Erwähnung aus, dass er Alkoholiker war – „Säufer“, schrieb man früher. Vor der Zeit habe er sich totgetrunken, so ist es überliefert.

Allerdings dürfte zu seinem frühen Tod am 9. November 1953 ebenso viel beigetragen haben, dass er von Jugend an Lungenprobleme, Asthma hatte, es aber schick fand, allzeit eine Zigarette im Mundwinkel zu tragen. Am Ende hat er wohl keine Luft mehr bekommen.

Umso erstaunlicher, dass er nicht nur verewigt ist in seinen Büchern, das berühmteste sicherlich das Hörspiel „Unter dem Milchwald“, sondern auch in zahlreichen langen Tonaufnahmen (Caedmon Records hat zum 100. Geburtstag eine herrlich umfangreiche Sammlung herausgebracht). Wohltönend, männlich volltönend, nur manchmal doch ins Pathetische übertreibend ist Thomas’ Stimme. Er war ein so professioneller, unerschrockener Rezitator, dass die BBC ihn anheuerte für Gespräche und Lesungen und er im Rundfunk bald auch die Gedichte anderer las, von W. B. Yeats und W. H. Auden, Thomas Hardy oder John Milton. Wenn es zu seiner Zeit bereits Poetryslams gegeben hätte, er wäre vermutlich dort aufgetreten – und hätte die Konkurrenz mit seiner Zungenfertigkeit deklassiert.

Wenn man Dylan Thomas hört, begreift man auch, warum seine Gedichte, nein, alle seine Texte, so überbordend, so überschwenglich wortreich sind, wie sie sind: Der Klang der Wörter muss seine große, seine eigentliche Leidenschaft gewesen sein, bei ihm müssen sie singen und tanzen. „Listen“, sagt der Erzähler in „Under Milk Wood“, hör zu – und nun muss das Original zitiert werden: „It is night in the chill, squat chapel, hymning in bonnet and brooch and bombazine black, butterfly choker and bootlace bow“. Ja, man kann durchaus der Meinung sein, dass er es übertrieben hat mit den Adjektiven und Alliterationen. Mancher Kritiker fand seinerzeit sogar, Thomas habe grundsätzlich übertrieben, er sei hoffnungslos „romantisch“ oder schlimmer, bombastisch und obskur. Doch man muss nur Richard Burton, der ebenfalls Waliser war, die oben zitierten, klingenden, explodierenden B-Wörter sprechen hören, und gleich ist es einem ziemlich egal, ob man den Inhalt noch versteht oder von der Melodie schon bezirzt wird.

Und es ist ja auch nicht so, dass Dylan Thomas nicht die wunderbarst treffenden Wörter ge- und erfunden hätte. Ja, seine Gedichte sind extravagant, platzen oft aus allen Nähten, Zeile um Zeile muss man dann nochmal und nochmal lesen. Aber man versteht diese sorgsamst geformten Texte auch, wenn man sie nicht versteht: Es ist, als werfe Thomas mit jedem Wort einen Kiesel ins Wasser, um den sich dann Bedeutungswelle um Bedeutungswelle legt. Man kann sie auch wahrnehmen, indem man sich entspannt. ihre proteische Gestalt und ihren Klang auf sich wirken lässt.

Aber man wird vielleicht auch entdecken, dass sie schärfer sind, als Thomas’ Ruf als überschwenglich obskurer Dichter vermuten lässt. Er war ein genauer, manchmal geradezu unbarmherziger, ja wütender Beobachter. In der Geschichte „Ganz früh eines Morgens“, Titelgeschichte eines 1954 posthum erschienenen Bandes, in dessen Stories Thomas’ sich auf seine ganz eigene Art an eine walisische, meernahe Kindheit erinnert, gibt es malende Touristinnen mit „Stimmen wie Fischmöwen“, einen Schnarchenden, der Grunzer von sich gibt „wie die eines Schweines auf einem unratlosen Mustergut“, gibt es auch eine Mrs. Ogmore-Pritchard, die bellt: „Dienstboten muss man benutzen!“ und die erwartet, dass die Sonne sich die Schuhe abstreift, ehe sie eintritt in ihr sauberes Haus. Mrs. Ogmore-Pritchard ist (Thomas war auch ein Mehrfachverwerter) die am gnadenlosesten karikierte Figur aus „Unter dem Milchwald“, ein fast schon sagenhafter Haushaltsdrache.

Im Umfeld von seinem 100. Geburtstag erinnerte sich manches Theater an sein doch wohl genialstes Werk, aber das „Spiel für Stimmen“ sollte ein Spiel für Stimmen bleiben (der Hörverlag hat die BBC-Fassung mit Richard Burton und zwei deutsche Fassungen eben preiswert herausgebracht). Die Welt in Form eines walisischen Dorfes liegt in diesem Text, sie muss vors innere Auge treten, nicht auf die Bühne. Mögen in Llareggub (ja: Buggerall) auch Pferdehufe über Kopfsteinplaster klappern und Briefe aufgedämpft werden (um sie heimlich zu lesen, eine mittlerweile vergessene Technik), so sind das Tagwerk und die Macken der zwischen Wald und Meer lebenden Menschen vollständig vertraut.

Auch sich selbst hat Dylan Thomas keineswegs milde gesehen. Sein Alter Ego aus „Abenteuer in Sachen Haut“ schickt er wenig standfest (vulgo: betrunken) und mit einer Flasche unlösbar am Finger durch London. Ein windiges Bürschchen, das das gute Porzellan seiner Eltern zerschlägt, Familienfotos zerreißt, die Häkelarbeiten seiner Schwester in den Kamin stopft. Und dann weint, aus Schuld und Scham, und seine Tränen schmeckt: „und noch immer weinend sagt er: ,Es ist Salz. Es ist richtiges Salz. Genau wie in meinen Gedichten.‘“

Es war immer richtiges Salz. Freilich vermischt mit kindischen, herrlichen Träumen. So dass dieser Text mit einem versöhnlicheren Zitat enden soll, aus den „Erinnerungen an die Kindheit“: „dann aber gewinne ich Luftraum, bis ich dahinfliege wie der Vampir Dracula, mit meiner Schülermütze, in gleicher Höhe mit den Schulfenstern des ersten Stockwerks, und hineinspähe, bis die Lehrerin am Klavier aufkreischt und das Matronom krachend zu Boden fällt und stehenbleibt, so dass es keine Zeit mehr gibt.“ Für Dylan Thomas blieb sie viel zu früh stehen.

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