Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ottilie von Goethe in einer Kreidezeichnung, um 1821, von Heinrich Müller.
+
Ottilie von Goethe in einer Kreidezeichnung, um 1821, von Heinrich Müller.

Ottilie von Goethe

Dagmar von Gersdorff „Die Schwiegertochter“: „Ich liebe den Vater ungewöhnlich“

  • VonHarro Zimmermann
    schließen

Dagmar von Gersdorff erkundet das Leben der Ottilie von Goethe.

Von Fanny Lewald, der im 19. Jahrhundert berühmten Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, stammt eine der trefflichsten Bemerkungen über Ottilie von Goethe, die Schwiegertochter des berühmtesten Weimarer Bürgers. Man könne diese Frau nicht wirklich beschreiben, denn sie sei „eigentlich eine für die Dichtung mehr als für das Leben geeignete Gestalt“ gewesen.

Nach Dagmar von Gersdorffs akribischer Recherche erweist sich vieles daran als zutreffend. Nicht nur liest sich Ottilies von zahllosen Glücksversuchen und Liebesleidenschaften zerrüttetes Leben auf dem Zenit des deutschen Dichterruhms wie ein empfindsamer Roman. Sie selbst und ihr Bildungshunger waren auch seit jungen Jahren geradezu eingesponnen in die Zauberwelt der klassisch-romantischen Poesie, wie sie der Schwiegervater so einzigartig verkörperte, in auratischer Ferne und persönlicher Nähe.

August von Goethe, der von seinem Familienoberhaupt vielfach geförderte und gegängelte Sohn, hätte gewarnt sein müssen, als die Angetraute ihm zu Beginn ihrer Ehe kundtat: „Du weißt, ich liebe den Vater ungewöhnlich – dies in jede Handlung meines jetzigen und zukünftigen Lebens zu legen, ist mir ein Glück, das ich mehr empfinden als aussprechen kann.“ Schon damals bekennt sich die junge Frau zu ihrem Schwiegervater als hingebungsvolle Tochter, und gleich nach dessen Tod wird sie schreiben, der Verstorbene sei der Erheiterer all ihrer Lebensstunden gewesen: „Er war meine Zeit, denn er füllte sie ganz aus“, sie habe ihren Vater verloren.

Von August ist in solchen Momenten niemals die Rede, oft genug wird die Liebe allein dem Vater, nicht dem Sohn angetragen. Und so sollte für Ottilie mit dem Tod des Patriarchen vom Frauenplan am 22. März 1832 ein Leben in geordneter bürgerlich-familiärer Sekurität enden, das erfüllt gewesen war von Festivitäten, literarischen Unterweisungen, Gesprächen und Lektüren, von gemeinsamer Arbeit am „Faust II“ und am „Divan“, der Herausgabe einer eigenen (Frauen-)Zeitschrift, ja von der Generosität und Toleranz eines verehrten Mannes, der die erotischen Eskapaden und ehelichen Ausbruchsversuche seiner geistsprühenden Schwiegertochter nie zum Bruch des Familienfriedens hat werden lassen.

Goethe und Ottilie, das war zwischen 1817 und 1832 inmitten einer kleinen, oft argwöhnischen und pikierten Hofgesellschaft eine aparte Liebe jenseits der Konventionen, über die der greise Dichter nicht einmal seinen Freunden etwas Näheres hat anvertrauen wollen, „weil das Zarte sich nicht in Worten ausspricht“.

Das Buch:

Dagmar von Gersdorff: Die Schwiegertochter. Das Leben der Ottilie von Goethe. Insel, Berlin 2021, 311 Seiten, 24 Euro.

Nach dem Zusammenbruch der Weimarer Lebensordnung, lernen wir bei Gersdorff, sollten sich Ottilies Liebesabenteuer noch vermehren. Vorzugsweise bandelt sie an mit jungen schönen Engländern, die allesamt ihr Wort nicht halten werden. Später muss sie die hoffnungsvollen, dann scheiternden Karrieren ihrer beiden Söhne Walther und Wolfgang miterleben, sie hat den Tod des tief enttäuschten, gemütskranken August und ihrer beiden kleinen Töchter Anna Sibylle und Alma zu verschmerzen und entnervende Streitigkeiten um das Vermögens- und Geisteserbe ihres Schwiegervaters durchzustehen.

Verschiedene Male nimmt Ottilie ihren Wohnsitz in Frankfurt, Dresden und Wien, wo man sie zum Mittelpunkt illustrer Gesellschaften kürt, sie macht abermals Männerbekanntschaften, und sie reist mehrfach nach Italien, um die klassische Kultur mit eigenen Augen zu sehen.

Ottilie bleibt, was sie immer war, eine so sehnsüchtige wie geisteshungrige Frau, die vom Ideal einer erfüllenden Liebe zu einem Mann nicht lassen kann. Doch das Leben, weiß Gersdorff zu berichten, hält immer wieder anderes für sie bereit, sie wird gepeinigt von finanziellen Miseren und schweren seelischen Krisen.

Dem jungdeutschen Schriftsteller und Journalisten Gustav Kühne arbeitet sie als sachkundige Inspiratorin zu, sie tummelt sich in radikalliberalen Aktivistenkreisen, freundet sich mit Autorinnen und Frauenrechtlerinnen wie Adele Schopenhauer, Anna Jameson und Sibylle Mertens an. Bei ihnen findet sie Verständnis, und oft genug helfen sie ihr aus der Klemme. Gelegentlich tritt sie selbst als Autorin poetischer Texte hervor, und sie wird, so Gersdorff, als „Madame la Baronesse de Goethe“ in exquisiten Kreisen der deutschen Geistesrepublik herumgereicht. Doch was bei ihrem geliebten Schwiegervater an wohltemperierter Geborgenheit und Selbstbestätigung geboten war, lässt sich nirgendwo auf der Welt noch einmal finden.

Am Ende von Ottilies Leben stehen Einsamkeit, Enttäuschung und Verbitterung. Hat ihr unstetes, krisengeschütteltes, oft verzweifeltes Schicksal nicht auch das persönliche Unglück ihrer beiden Söhne hervorgerufen? Walther und Wolfgang haben ihrer Mutter oft Vorwürfe gemacht wegen ihres allzu leichtsinnigen Lebenswandels. Am Ende notiert Ottilie in ihr Tagebuch: „Das Schlimmste ist, dass ich das Bewusstsein habe, statt ihnen zu helfen, gerade ich es bin, die es verhindert, dass sie je zur Ruhe kommen.“ Ottilie stirbt mit 76 Jahren am 26. Oktober 1872, sie sei „klar und tätig bis zuletzt“ gewesen, heißt es.

Dagmar von Gersdorff, der wir bereits die wunderschöne Biografie der Goethe-Mutter Catharina Elisabeth zu danken haben, ist mit ihrem neuen Buch abermals ein Glanzstück an einlässlicher Forschung und wohlgefälliger Darstellung gelungen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare