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Dämmerungsphase

Morris Berman sieht die Kultur der USA zerfallen

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Entgegen allem ökonomischen und technologischen Anscheins befindet sich die US-amerikanische Kultur, meint der 1944 geborene, heute in Baltimore lehrende Kulturhistoriker und Sozialkritiker Morris Berman "in ihrer Dämmerungsphase" und "nähert sich rasch dem Punkt des sozialen und kulturellen Bankrotts". Extreme soziale Ungerechtigkeit, Unwissenheit und Analphabetentum seien in diesem Land so hoch, "dass wir uns international lächerlich machen und die Übernahme unserer geistigen Welt durch McWorld, das heißt. konzerngesteuerte Konsumentenwerte nahezu vollkommen ist. Zwar sind die USA wirtschaftlich gesehen ein Riese, doch in Wahrheit ein kultureller Scherbenhaufen, ein ,Reich der Wüste'".

Bei seinen Vorschlägen, diesem geistigen Zerfall mit einer "utopischen Wissenschaft" und einem Wandel in den Lebensformen zu begegnen, hat Berman nichts weniger als eine Zurückeroberung der Zivilisation im Auge. Die dafür notwendige Umkehrung der Faktoren des Zusammenbruchs bezieht sich auf die gesellschaftliche Ungleichheit, die zunehmende Zurückstufung des Sozialversicherungssystems und die Verarmung des geistigen Lebens. Wenn schon keine Umkehr möglich ist, so müsste doch die Minimalforderung lauten, im Sinne einer solchen Utopie zu handeln. Im Rückgriff auf die "Dämmerungsphase" Roms, in der sich eine "Mönchsklasse" zur Bewahrung der zivilisatorischen Schätze gründete, spricht Berman von der "monastischen Option", einer Art "Morgendämmerung".

Die isolierte Frage nach den Möglichkeiten eines generellen biologischen Umbaus des Menschen - die noch vor kurzem viele Diskussionen bestimmte - ist durch eine kulturpolitisch umfassendere Frage an den Rand gedrängt worden: Werden die neu formierten "Allianzen" und "Achsen", der so genannte "Kampf der Kulturen" und die fundamentale Verarmung des kulturellen Lebens die gesamte Weltlage dramatisch verändern?

Die "utopische Vision", die Berman (im Rückgriff auf Immanuel Wallersteins Idee einer "Wissenschaft des Utopischen") für Amerika formuliert hat, würde eine Umkehrung der zerstörerischen Mechanismen und Faktoren beinhalten. Diese haben dazu geführt, dass das gesellschaftlich-kulturelle System - ähnlich wie im antiken Rom - ins "Dysfunktionale" abgedriftet ist: Wissen, Ökonomie und Technologie werden nicht mehr im Sinne der Gleichheit eingesetzt, sondern befestigen immer stärker die bestehenden krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich. Das "Absterben der Kultur", der "geistige Tod", der "gigantische Amüsierbetrieb Amerika", die "Kontrolle des intellektuellen Eigentums durch große Konglomerate", "Apathie", "Zynismus" und der überragende Einfluss von Kitsch und Infotainment - so auch etwa die Analysen von Neil Postman - lassen einen sozialen und kulturellen Bankrott, also eine reale Bedrohung, immer wahrscheinlicher werden.

Eine These des Althistorikers M.I. Rostovtzeff aufgreifend, stellt Berman die Frage, wie weitgehend die Barbarisierung der Alten Welt - "die graduelle Absorption der gebildeten Klassen durch die Massen und die nachfolgende Simplifizierung aller Funktionen des politischen, gesellschaftlichen und intellektuellen Lebens" - bereits das charakteristische Merkmal der Neuen Welt ist. Innovative "utopische Visionen" haben sich abzuarbeiten an der Geschichte, an den epochalen Verdunkelungen, Verachtungen und Auslöschungen, an den Phasen oder gar Zeitaltern der Extreme.

Wie viel an ökologischer Zerstörung, konsumindustriellem pseudo-religiösem Wahn und Kapitalakkumulation, an Amerikanisierung, McWorld und Vergrößerung der Unterschiede zwischen Arm und Reich sind eigentlich noch notwendig, damit, so Bermans besorgte Frage, eine ideologische Umkehr eingeleitet wird? Sind eine Zuspitzung der "dunklen Ära" und der Zusammenbruch der Systeme unvermeidbar, um eine grundlegende kulturelle Erneuerung zu ermöglichen? Die von Berman diskutierten Zukunftsszenarien und alternativen Lebens-Visionen sind nicht immer frei von Vorurteilen gegenüber ihm fremden Denkrichtungen und wären es wert, in einer neuen, weiterführenden Studie noch eingehender von ihm diskutiert zu werden.

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