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Cyril Hofstein: „Atlas der maritimen Geschichten und Legenden“ – Versunken, verschwunden, aber meistens unvergessen

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Von: Judith von Sternburg

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Mit Volldampf ins Unglück: Die Titanic am 14. April 1912.
Mit Volldampf ins Unglück: Die Titanic am 14. April 1912. © akg-images/epd

Cyril Hofsteins „Atlas der maritimen Geschichten und Legenden“ führt weit auf die Weltmeere hinaus.

Wer an Bord geht, hat etwas vor, so dass die Geschichte von Schiffsunglücken auch immer die Geschichte geplatzter Hoffnungen ist. Auch mag eine Seefahrt zwar lustig sein, gefährlich ist sie aber ebenfalls. Nichts für Angsthasen ist der Band „Atlas der maritimen Geschichten und Legenden“, obwohl er nicht einmal ausschließlich Katastrophen behandelt. Aber auch.

Der Franzose Cyril Hofstein beginnt nicht zufällig mit dem Untergang der La Belle, die 1684 in La Rochelle ausläuft, um Menschen (hunderte Männer, Frauen, Kinder auf dem Weg in ein neues Leben) und Material nach Neu-Mexiko zu bringen. Eine von Missgeschick und Drama begleitete Mission – Fieber, Piraten, Meuterei, das Kentern der „Schönen“ wegen totaler Unfähigkeit der bereits schlimm dezimierten Besatzung, schließlich die Ermordung des kläglichen Restes der Siedlerfamilien durch Einheimische. Vier Kinder überleben. Frankreichs Bestrebungen, in Amerika mitzumischen, deutet Hofstein an, erhielt einen frühen nachhaltigen Dämpfer.

Das Buch

Cyril Hofstein: Atlas der maritimen Geschichten und Legenden. A. d. Franz. v. Nina Goldt. Ill. v. Karin Doering-Froger. Dumont. 132 S., 25 Euro.

Das maritime Leben ist von Politik, Geschichte und Gesellschaft nicht zu trennen, auch das macht jedes Kapitel spannend. Und unterhaltsam, denn garstig ist auch das Schicksal des Comte des Boisjourdain, der sich 1791 mit seiner Autografensammlung einschifft. Nachdem das Meer alles verschlungen hat, auch den Comte, tauchen Teile der Sammlung 70 Jahre später wieder auf. Erstaunlich. Noch erstaunlicher, dass Briefe mit Unterschriften von Pontius Pilatus, Johanna von Orléans, Cicero, Shakespeare dabei sind. Und Judas Ischariot! Denn der Fälscher überspannt den Bogen deutlich, aber der Käufer kauft und kauft. Hofstein vergisst nicht zu erwähnen, dass es sich um einen Wissenschaftler gehandelt habe, der „unbedingt glauben will, was er sieht“. Klar, wenn da steht: Judas Ischariot.

Besser auf alles gefasst

Gefälscht aber nicht nur die Autografen, auch das Schiffsunglück, auch der Comte. Das flog auf, weil der Fälscher schließlich Briefe auf den Markt warf, in denen Blaise Pascal Newton die Gravitationstheorie erläuterte (die damit also er, nicht der Brite entdeckt hätte). Newton war zu diesem Zeitpunkt aber erst zwölf. Man muss auf dem Meer und unter Menschen stets auf alles gefasst sein.

Seeschlachten und Pestausbrüche, versunkene Schätze und angeregte Künstlerhirne (Jules Verne!) kommen vor, das mysteriöse Verschwinden von Schiffen, die mysteriöse Haltbarkeit von Legenden – der des Fliegenden Holländers zumal. Angesichts der Lebhaftigkeit des Geschehens ist es eine geschmackssichere Entscheidung, die Illustratorin Karin Doering-Froger mit geradezu spröden Karten zu beauftragen (so dass wir hier reißerisch die Titanic abbilden, die im Band kein Kapitel hat). Auf dem Meer, auf dem Orientierung etwas für Fachleute ist, spielt das genaue Wo eine entscheidende Rolle.

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