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Und cut...

John Irvings Roman "Die vierte Hand"

Von Ulrich Sonnenschein

"Das Wort stutzen", so schrieb John Irving in seinem Buch My Movie Business, spielt eine große Rolle im Filmgeschäft. Szenen werden ständig gestutzt, vor allem Dialoge werden gestutzt." Wenn man Irvings neuen Roman liest, hat man das Gefühl, dass er das nicht besonders mag. Aber die Art und Weise wie er sich dagegen zur Wehr setzt, ist bemerkenswert.

Die Erfahrungen, die er im Filmgeschäft machte, sind nun in die Literatur eingegangen. Nicht, dass ihn die Verfilmung von Gottes Werk und Teufels Beitrag oder die Zusammenarbeit mit Lasse Halström traumatisiert hätten, er schreibt durchweg nüchtern und analytisch über seinen Job als Drehbuchautor. Aber es hat viel Zeit gekostet und letztlich war er nicht verantwortlich für das Gelingen seines Werkes. Er war nicht der Regisseur. Auch das hat er akzeptiert, denn, so Irving: "Wenn ich das Bedürfnis habe, Regisseur zu sein, schreibe ich einen Roman."

Dieser Roman, in Eigenregie und selbstverantwortlich entstanden, liegt nun vor, und man ist erstaunt, wie wenig davon übrig geblieben ist, nach dem "stutzen" der Szenen und Dialoge.

Die vierte Hand ähnelt in Aufbau und Struktur einem Drehbuch. Die Schauplätze sind überschaubar, das Personal so umfangreich wie nötig, die Dialoge charmant, aber zielgerichtet und die Handlung lässt sich in 120 Minuten inszenieren. Der Roman dient sich dem Film an, und wen würde es wundern, wenn man in Hollywood schon über die Rechte verhandelte.

Was für die Romane von Irving so typisch war, die Überfülle an mehr oder weniger bedeutenden Figuren und das phantasievolle Überschreiten der vernunftgegebenen Grenzen, ist einer glatten, linearen Erzählung gewichen, die Opulenz nur noch im Titel zulässt. Das dreißigsekündige Ereignis jedoch, mit dem Die vierte Hand beginnt, steht für diese Struktur der Selbstbeschränkung, als unüberhörbares Cut. Bei einer Reportage über einen indischen Zirkus, (kurz tauchen wir in einen früheren Roman Irvings ein) wird dem Reporter Patrick Wallingford die linke Hand von einem Löwen abgerissen. Diese gewaltsame Amputation macht ihn zum Helden, bei seinem Publikum, bei den Frauen und, so hofft Irving, auch bei seinen Lesern. Doch Patrick Wallingford bleibt ein versehrter, ein unvollständiger Held, ohne Tiefe, ohne Entwicklung und ohne Überraschungen.

Routiniert und mit halluzinatorischem Sprachgefühl erzählt Irving nun von der fehlenden Hand, als betrauere er den fehlenden Teil seines Buches, er erzählt von einer missglückten Transplantation, einer geglückten Empfängnis, einer fast verhinderten Vaterschaft und jener vierten Hand, die nur durch den Verlust der wirklichen in der neuronalen Virtualität existiert. Natürlich hat auch dieser Roman eine Art Happy End, dennoch durchzieht ihn eine untergründige Melancholie. Anders als in Gottes Werk und Teufels Beitrag, wo diese Melancholie sich auf die menschliche Existenz schlechthin richtete, auf Zeugung, Geburt und Tod, ist sie hier mit einer unerklärlichen Müdigkeit gepaart, wie eine Abwehr gegen die eigene Anspruchslosigkeit.

Die vierte Hand ist ein Roman unter Niveau, weil er sich gar nicht erst bemüht, jemanden von sich zu überzeugen und weil ihm sein Thema verloren gegangen ist. Mit dem schicksalsgebeutelten Patrick Wallingford, der alles so leicht nimmt, wie der lächelnde Mann der Kaffeewerbung, will Irving nicht nur eine Figur des allmächtigen Medienapparates porträtieren, sondern das ganze System kritisieren. Das Fernsehen wird zum Medium eigener Gesetzmäßigkeiten. Hier werden nicht nur Personen, sondern ganze Gesellschaften von willenlosen Zuschauern geschaffen, die sich dem Diktat des Konsums unterordnen. Mit dieser Form von Medienkritik bleibt Irving einer undifferenzierten, banalen Wahrheit verpflichtet: Fernsehrealität ist keinesfalls mit der Wirklichkeit identisch, auch dann nicht, wenn sie sich in einer Nachrichtensendung versteckt. Darüber hinaus will er nicht gehen. Es gibt keinen Einblick in die komplexen Zusammenhänge einer medialisierten Gesellschaft, keine Analyse von Gewaltfaszination und Katastrophensehnsucht, stattdessen schreibt Irving eine unaufwendige Satire mit Beißhemmung. Vielleicht ist auch diese Zurückhaltung seiner Erfahrung mit dem Filmgeschäft geschuldet. Wer sich zu sehr darauf einlässt, kommt nicht mehr davon los. Gottes Werk und Teufels Beitrag war ein wunderbares Buch, das einen flachen, wenn auch sympathischen Film hervorbrachte. Die vierte Hand, ein Buch das schon von vornherein so angelegt ist, dass es nicht mehr gestutzt zu werden braucht, hat vielleicht als Film noch eine Chance.

John Irving: Die vierte Hand. Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Diogenes Verlag, 439 Seiten, 22.90

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