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Die Polizei geht der Spur des Teddybären nach.

Krimi

Jan Costin Wagner: „Sommer bei Nacht“: Ermittler mit pädophiler Neigung

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Jan Costin Wagner bringt in seinem jüngsten Roman „Sommer bei Nacht“ einen pädophilen Ermittler ins Spiel.

In seinem zuletzt übersetzten Kriminalroman „Kaltes Licht“ stellt der Australier Garry Disher nicht nur einen schon leicht abgehalfterten Ermittler für Cold Cases, einen alten Mann für Altfälle, in den Mittelpunkt. Cop Alan Auhl, eigentlich ein rechtschaffener, hilfsbereiter Kerl, in vielen Arbeitsjahren desillusioniert, aber auch geerdet, überschreitet zuletzt eine Grenze, tötet einen Menschen – und tut das Nötige, um damit durchzukommen. Die Wendung ist schockierend, weil hier keineswegs von einem Bad Cop oder ikonographischen Rächer erzählt wird. Auhl ist Polizisten-Durchschnitt – bis er es plötzlich nicht mehr ist.

Scheinbar ein ganz normaler Typ ist auch Ben Neven von der Wiesbadener Polizei. Jan Costin Wagner lässt ihn, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen, in seinem jüngsten, gerade erschienenen Roman „Sommer bei Nacht“ im Fall eines verschwundenen Fünfjährigen ermitteln.

Eine schlechte, grisselige Parkhaus-Kameraaufnahme zeigt Jannis noch an der Hand eines Mannes, der einen Teddybären trägt. Dann ist der Junge weg. Überprüfungen der Polizei bekannter Pädophiler ergeben nichts. Im Grunde müsste auch Ben Neven überprüft werden, doch weiß kein Mensch von seinen pädophilen Neigungen.

Wagner, der wie Disher die Grenzen des Genres Schritt um Schritt erweitert, der seine Figuren lebenswarm macht, aber schon auch schillern lässt, spaltet diesmal ein aktuelles, aber heikles Thema gleichsam auf: Da ist der Entführer des Kindes, ein Einzelgänger und Täter, wie er in zahlreichen Krimis im Buche steht; da ist auf der anderen Seite der Polizist, der Frau und Kind hat, dem (vorerst?) Bilder von nackt herumtollenden Jungs am Strand genügen, um sich, nachts vor seinem Laptop, selbst zu befriedigen.

Das Buch

Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht. Roman. Galiani, Berlin 2020. 320 S., 20 Euro.

Der Roman soll freilich der Auftakt einer neuen Reihe sein. Und die Regeln des Genres – wenigstens, wenn es wie bei Wagner literarisch ernst genommen wird – verlangen, dass es nicht bei nächtlichen Masturbationsszenen bleibt. Dass sie einen größeren (inneren) Konflikt, vielleicht auch eine Entdeckung und Eskalation vorbereiten. Jan Costin Wagner wird, da ist die Leserin ziemlich sicher, wissen, was er da tut und wie weit er mit einer solchen Figur gehen kann.

Er hat seine Kriminalromane schon immer tief in seelische Dunkelheiten reichen lassen, auch wenn es in der Vergangenheit vor allem die Trauer um den nahestehenden Menschen war, mit der er sich und seine Figuren beschäftigte.

Ähnlich behutsam, als gleichsam neben sich Stehende zeichnet er nun die Eltern des kleinen Jannis, dazu die Beamten, die gern versprechen würden, dass sie das Kind finden, aber doch auch wissen, dass dies nicht sehr wahrscheinlich ist. Man sucht nach ähnlichen Fällen, in denen ein Teddybär, vielleicht auch ein Flohmarkt eine Rolle gespielt haben. Man kommt erst weiter, als man das Ausland mit einbezieht: Die österreichische Kollegen konnten ihren Fall eines verschwundenen Jungen allerdings nicht lösen, sie folgten Spuren, die ins Leere liefen, sie haben auch keine Leiche gefunden.

Die Eltern sind mittlerweile nach Deutschland gezogen, Ben Neven und seine Kollegen nehmen Kontakt auf. Auch zu einer Familie, deren etwas älteres Kind angesprochen wurde von einem Mann, auf den die vage Beschreibung passt, das sich aber entzog, nicht ansprang auf den Köder.

Steinchen um Steinchen tragen die Ermittler zusammen. Ben Neven als einer von ihnen, der seine Sache gut macht, auch bereitwillig ins Fernsehen geht, weil er einer ist, der gut reden kann, der die Nerven behält. – Bis er sie zuletzt doch nicht behält, da überschreitet Jan Costin Wagner noch einmal das im Krimi fraglos Akzeptierte. Im Raum bleibt die Frage stehen: Wie macht er von hier aus, mit dieser Polizistenfigur weiter?

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